Forum Medizin: Oft wird kostbare Rettungszeit vergeudet

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Bewegung tut gut und fördert die Herzgesundheit: Beim Forum Medizin unserer Zeitung konnten die Besucher erfahren, was man bei einer Erkrankung des Herzens tun sollte. Zum Einstieg ins Thema gab es für alle eine kleine Übung. Alle Foto: Ralf Roeger

Aachen. Langanhaltender Schmerz in der Brust, der in andere Körperteile ausstrahlt, Engegefühl, Angst vor dem Tod, Übelkeit und Erbrechen – wer das spürt, sollte sofort den Rettungsdienst rufen.

Denn dann kann es sein, dass das Herz einen Infarkt erlitten hat und der Mensch in akuter Lebensgefahr schwebt. 400.000 Menschen passiert das jedes Jahr in Deutschland. Wie der Herzpatient versorgt wird, und was er selbst tun kann, zeigten die Referenten beim Forum Medizin unserer Zeitung mit dem Titel „Herzinfarkt und Erkrankungen der Herzkranzgefäße“ im Uniklinikum Aachen. „Unser Herz ist ein Schwerstarbeiter, aber wir behandeln es oft nicht so gut“, meinte Redakteurin Sabine Rother, Moderatorin des Forums.

Sofort die 112 wählen

So fidel wie die Oma, die ihr Bein locker im Spagat stehend am Laternenpfahl ausstreckt, würden sicher gern viele sein. Auch wenn das nur wenigen gelingt, dieses Bild, gezeigt von Privatdozent Dr. Dr. Mathias Burgmaier, Oberarzt der Medizinischen Klinik I (Kardiologie, Pneumologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin) machte deutlich: Abfinden muss sich niemand mit einer Koronaren Herzerkrankung.

Das beginnt schon bei den Anzeichen für einen Infarkt. „Rufen Sie die 112 bei lebensbedrohlichen Erkrankungen. Diese Nummer gilt in ganz Europa“, sagte Dr. Stefan Beckers, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes Stadt Aachen. Der Rettungswagen ist in aller Regel innerhalb von acht Minuten vor Ort. Selbst wenn die Notärzte gerade in einem anderen Einsatz stecken, kann durch das Telenotarztsystem sofort eine ärztliche Expertise eingeholt werden. „Der Telenotarzt ist eine Besonderheit in Deutschland und bedeutet einen großen Fortschritt in der Versorgung der Patienten“, so Beckers. Greift erst einmal die Rettungskette, ist schon viel gewonnen. Entscheidend ist es, schnell zu handeln.

Das betonte auch Professor Dr. Nikolaus Marx, Direktor der Medizinischen Klinik I: „Jeder dritte Infarktpatient stirbt, bevor er in der Klinik ist“, machte er auf die extreme Lebensbedrohung aufmerksam. Das liegt vor allem daran, dass bei einem Verschluss der Herzkranzgefäße Gewebe am Herzen durch mangelnde Sauerstoffversorgung absterben kann. Gerinnsel entstehen, weil sich die Gefäßwände durch eingelagertes Cholesterin verändern und schließlich reißen können. „Ein normaler Ablauf in einer Wunde, aber an dieser Stelle fatal. Wir müssen verschlossene Arterien so schnell wie möglich wieder öffnen“, appellierte auch er, schnell zu reagieren. „Haben Sie keine Angst vor Fehlalarm!“

Ist der Patient in der Klinik angekommen und notärztlich mit einer Herzkathederuntersuchung versorgt, stellt sich die Frage: Stent oder Bypass? Also ein kleines Metallröhrchen an der Stelle des Verschlusses einsetzen oder eine Umleitung durch das Legen einer neuen Arterie schaffen? „Beide Maßnahmen haben Nachteile, beide haben enorme Entwicklungen vollzogen“, erläuterte Professor Dr. Rüdiger Autschbach, Direktor der Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie. Um zu entscheiden, welcher Eingriff der richtige ist, kommt im Uniklinikum täglich das Herzteam, bestehend aus einem Kardiologen, einem Gefäßchirurgen und einem Anästhesisten, zusammen. Diese interdisziplinäre Besprechung sei eine der wichtigsten Entwicklungen in der Arbeit der Uniklinik, so Autschbach.

Nach der Entlassung aus der Klinik könne ein Herzpatient nicht so weitermachen wie bisher. Der regelmäßige Kontakt zum Hausarzt und zu einem niedergelassenen Kardiologen sei unentbehrlich, sagte Dr. Martin Klutmann. Viele Fragen seien zu besprechen, meinte der in Aachen niedergelassene Kardiologe. „Auch die Frage, ob man wirklich alle Tabletten nehmen muss. Viele setzen ihre Tabletten etwa ein Jahr nach dem Infarkt eigenmächtig ab“, kritisierte er. Rauchen und Übergewicht blieben große Probleme.

Sport für Herzpatienten sei eine gute Möglichkeit, Risikofaktoren zu minimieren, erklärte Dr. Mathias Burgmaier. „Allerdings sollten Herzpatienten stets zuerst mit ihrem Kardiologen sprechen, ob Sport für sie möglich und welche Intensität angemessen ist.“ Spezielle Herzsportgruppen seien für Herzpatienten eine gute Möglichkeit, sicher Sport zu treiben, „denn dort ist neben einem speziell ausgebildeten Übungsleiter immer auch ein Arzt anwesend“.

Professor Dr. Georg V. Sabin, Ärztlicher Direktor der Rehabilitationseinrichtung „Herzpark“ in Mönchengladbach, machte auf das besondere Risiko von Frauen aufmerksam. Frauen hätten bei einem Herzinfarkt nicht nur oft andere Symptome als Männer, die lange nicht richtig beurteilt worden seien. „Frauen reagieren deutlich später in einem Notfall, und sie brechen außerdem eine Reha öfter ab als Männer, obwohl die Mortalität durch eine Reha-Maßnahme positiv beeinflusst wird.“

Den „inneren Arzt“ aktivieren

Damit war Sabin Stichwortgeber für Silke Scheffmann, die als Heilpraktikerin-Psychotherapie bei beiden Geschlechtern für eine ganzheitliche Sicht auf eine Herzerkrankung warb: „Das Herz ist der Seismograph unserer Psyche. Wenn wir nicht auf unsere innere Stimme hören, kann sich die Psyche nur noch über den Körper bemerkbar machen.“ Hinweise wahrnehmen, annehmen und dann dem Leben eine neue Richtung geben, fasste sie die Möglichkeiten des Patienten bei der Genesung mitzuhelfen, zusammen. „Aktivieren Sie Ihren inneren Arzt.“

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