Forum Medizin: Multiple Sklerose hat viele Gesichter

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
14263541.jpg
Doppelbilder, Schwindel, Probleme mit der Sehstärke: Das sind Störungen, die auf eine Multiple Sklerose hinweisen könnten. Jetzt sollte eine komplexe Diagnostik erfolgen. Das nächste AZ-Forum Medizin am Dienstag, 4. April, in der Uniklinik Aachen hat das Thema „Diagnose: Multiple Sklerose“. Foto: Imago/Imagebroker/Begsteiger

Aachen. Plötzlich sind da Doppelbilder, irritiert ein unbestimmter Schwindel, und die Sehschärfe verschlechtert sich in nur wenigen Tagen, aber der Augenarzt kann die Ursache nicht finden. Dann gehen die Beschwerden langsam wieder zurück. Es könnten erste Hinweise auf eine Erkrankung sein, die man bereits seit 200 Jahren kennt, die aber noch immer nicht heilbar ist: Multiple Sklerose – oder kurz MS.

Bewahrheitet sich der Verdacht des Neurologen, ist das ein Schock für den Betroffenen, für Familie, Freunde und berufliches Umfeld. Was ist jetzt zu tun? Wie geht es weiter? „Diagnose: Multiple Sklerose“ lautet das Thema beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Uniklinik Aachen am Dienstag, 4. April, im Uniklinikum, Pauwelsstraße 30.

2,5 Millionen Betroffene

Ab 15 Uhr können Besucher im „Seminarraum“ (ausgeschildert) an einem speziellen Informations- und Mitmachprogramm „Rat & Hilfe“ teilnehmen. Um 18 Uhr beginnt im Hörsaal 4 (Einlass 17 Uhr) die Veranstaltung mit Kurzvorträgen und Fragerunden mit den Referentinnen und Referenten des Abends.

Weltweit sind zweieinhalb Millionen Menschen von MS betroffen. In Deutschland schätzt man 200.000 Erkrankte, und die Zahlen steigen. Die Erstdiagnose wird meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr gestellt. Frauen sind dabei stärker gefährdet als Männer (Verhältnis etwa 3 : 2).

Multiple Sklerose wird die „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ genannt. Neben der Epilepsie ist sie die zweithäufigste neurologische Erkrankung. „Eine Autoimmunerkrankung, bei der eine Früherkennung bisher noch nicht möglich ist”, erklärt Professor Dr. Jörg Schulz. „Chronische Entzündungen schädigen das Zentrale Nervensystem, also Gehirn und Rückenmark. Warum der Krankheitsprozess einsetzt, wissen wir nicht.“

Er warnt jedoch vor Panik. „Die heutigen Therapiemöglichkeiten sind gut, sie verlangsamen das Fortschreiten der MS. Wer die Diagnose hat, sitzt nicht sofort im Rollstuhl.“

Multiple Sklerose tritt in Schüben auf – das sind wiederholte Entzündungsvorgänge, die in mindestens zwei verschiedenen Bereichen des Zentralen Nervensystems mit entsprechenden Ausfällen auftreten und 24 Stunden lang anhalten. Danach klingen Störungen wieder ab. Individuell haben die Schübe unterschiedliche Schweregrade. Medikamente, von denen es in letzter Zeit zahlreiche Neuentwicklungen gibt, sowie diverse Therapien helfen dabei, die chronischen Entzündungsattacken auf Gehirn und Rückenmark zurückzudrängen.

Was passiert bei Multipler Sklerose? Abwehrzellen überwinden die sogenannte Blut-Hirn-Schranke, die normalerweise das Zentrale Nervensystem vor Eindringlingen schützt. „Sie dringen ein. Körpereigene Zellbestandteile werden dabei als fremd erkannt und deshalb bekämpft. So kommt es zu Entzündungen“, erklärt Neurologin Simone Tauber.

Jede Entzündung an den Nervenfasern hinterlässt eine Narbe. Es kommt zum Abbau der so „angefressenen“ Schutzhüllen (Myelinscheiden), die die Nervenfasern umgeben – vergleichbar der Isolierung eines Elektrokabels. „Nervenimpulse, können an solchen geschädigten Stellen nicht mehr weitergegeben werden“, erklärt Simone Tauber. So leiden Betroffene oft schon zu Beginn der Erkrankung unter motorischen Störungen, Lähmungen, Missempfindungen und sogar Blasenproblemen.

In der Diagnostik lassen sich mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) im Bereich von Gehirn und Rückenmark Entzündungen und Vernarbungen gut ermitteln. In den MRT-Schichtbildern sind sie deutlich zu sehen. Letzte Sicherheit, ob die Diagnose MS stimmt, liefert die Untersuchung von Gehirnflüssigkeit aus dem Rückenmarkkanal (Lumbalpunktion).

Bei einer Multiplen Sklerose lassen sich darin gewisse Antikörper nachweisen – ein deutlicher Hinweis auf einen chronisch-entzündlichen Prozess im Zentralen Nervensystem. Es bestehen viele Möglichkeiten, den Patienten zu begleiten – etwa in der Symptomatischen Therapie. „Die Symptome stellen oft eine interdisziplinäre Herausforderung für die Behandler dar“, erklärt René Gobbelé. „Bei fortgeschrittenen Erkrankungsstadien können Spastiken, Nervenschmerzen, etwa im Gesicht, auftreten. Die vielfältigen Beschwerden sind Aufgabenstellungen für uns.“

Neben Gefühlsstörungen, Sehstörungen und Muskelschwäche treten bei Betroffenen manchmal Depressionen, Gedächtnisstörungen, Erschöpfungszustände („Fatigue“) bis hin zu sexuellen Funktionsstörungen auf. Für die Langzeittherapie gibt es Immunmodulatoren, die in das gestörte Immunsystem eingreifen können.

Eine Diät gegen MS gibt es nicht. „Ernährung spielt dennoch eine wichtige Rolle, die Traditionelle Chinesische Medizin hat damit große Erfahrung“, betont Sergey Dockter, der in seiner Praxis den positiven Effekt von Bewegungs- und Entspannungstechniken bei MS-Patienten beobachtet. „Der Säure-Basen-Haushalt spielt bei Immunreaktionen grundsätzlich eine wichtige Rolle“, sagt Dockter. „Darmträgheit, Unter- und Übergewicht und Erschöpfungszustände können beeinflusst werden.“

Wie die Ernährung gehört Bewegung zum Wohlbefinden. „Man sieht es den Menschen ja zunächst nicht an, dass sie MS haben“, meint Neurologin Dorothee Bülte. Lebensqualität werde in einem hohen Maße von sportlicher Aktivität getragen. „Prinzipiell ist jede Sportart möglich“, betont sie. „Man sollte aber Überhitzung vermeiden. Moderates Ausdauertraining ist ideal.“ Regelmäßige Bewegung vermindere Schmerzen. „Autogenes Training hilft dabei, dass der Verstand loslässt, sich nicht alles um die Krankheit dreht.“

Wann kommt die Physiotherapie ins Spiel? „Von Anfang an“, erklärt Julian Breuer. „Man kann gemeinsam an Gefühlsstörungen und Defiziten arbeiten. Das Gehirn hat schließlich die Fähigkeit zu lernen.“ Mit seinen MS-Patienten erarbeitet er Trainingspläne, geht auf Bedürfnisse ein wie Treppen steigen oder beim Kopfsteinpflaster nicht stolpern. „Und wenn sich jemand wünscht, im nächsten Urlaub am Strand sicher durch den Sand zu laufen, dann üben wir es. Das ist Lebensqualität.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert