Forscherhaus HumTec wird fester Bestandteil der Philosophischen Fakultät

Von: Thorsten Karbach
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Blickt optimistisch in die Zukunft von HumTec: Der Sprecher des Direktoriums Michael Vorländer glaubt an die neuen Strukturen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Die Lärmforschung hat ihn zu HumTec geführt. Professor Michael Vorländer, Leiter des Instituts für Technische Akustik an der RWTH Aachen, beteiligt sich mit dem Aspekt an einem interdisziplinären Forschungsprojekt mit dem Namen „Ufo“.

Das steht für „Urban Future Outline“ und verbindet die Anstrengungen, das Leben der Menschen in Städten zu untersuchen und deren weitere Entwicklung zu prognostizieren, indem Themen wie Klimawandel, das Altern der Bevölkerung und die sich verändernde Mobilität diskutiert werden.

„Ufo“ ist ein Beispiel für das, was das Aachener HumTec (Human Technology Center) leisten kann und soll. Denn das interdisziplinäre Forscherhaus, eingerichtet 2007 im Zuge der Exzellenzinitiative der RWTH, soll in einem kreativen Miteinander alle erdenklichen Disziplinen für gemeinsame Forschung zu gesellschaftlichen Fragen zusammenführen.

„Ufo“ hat Vorländer mit HumTec in Kontakt gebracht, seit einem Jahr ist er als Nachfolger von Wolfgang Bleck der Sprecher des Direktoriums der RWTH-Einrichtung, die zuletzt immer wieder genannt wurde, wenn es um die Neuausrichtung der Philosophischen Fakultät ging, nachdem die Schließung der Romanistik beziehungsweise die Abschaffung der Lehramtsfächer Spanisch und Französisch beschlossen wurde. Was HumTec und diese Neuausrichtung verbindet, erklärt Vorländer im Interview.

Wo steht das Forscherhaus HumTec in seiner Entwicklung im neuen Wintersemester?

Vorländer: Es gibt neue Ideen aus der Philosophischen Fakultät, so dass die nachhaltige Entwicklung von HumTec ernsthafter diskutiert wurde als je zuvor. Das ist seit einem Jahr in vollem Gange. Wenn wir uns in einem Jahr unterhalten, wird HumTec völlig anders aussehen.

Das können wir gerne machen. Was wird bis dahin denn passiert sein?

Vorländer: HumTec wird bis dahin ein fester Teil der Philosophischen Fakultät geworden sein – mit neuen Kernprofessuren, mit neuen Strukturen, die auch in der RWTH ganz anders verankert sind als die jetzige Projekthausorganisation. HumTec ist im Moment noch nichts anderes als ein besonders großes, komplexes Forschungsprojekt mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Mehr nicht. Ein Langzeiteffekt für die RWTH wird aber erst erzielt, wenn HumTec in die Philosophische Fakultät übergeht.

Was kann HumTec dann leisten, was es bislang noch nicht leisten konnte?

Vorländer: Dieses Konstrukt hat seit 2007 große Erfolge eingefahren, größere Projekte wie zum Beispiel „Ufo“ oder Digital Humanities zum Umgang des Menschen mit Daten und dem Internet sowie zur Interaktion von Mensch und Maschine, Technik und Gesellschaft angestoßen. Da ist HumTec exzellent unterwegs. Das soll aber nicht mit dem Projektende und dem Ende der Finanzierung durch die Exzellenzinitiative auslaufen, sondern mit Professuren, Strukturen und einem Management innerhalb der Philosophischen Fakultät dauerhaft etabliert werden. Es geht auch nicht darum, die genannten Projekte endlos weiterzuführen, sondern neue Ideen zu entwickeln, gerade aus der Philosophischen Fakultät heraus, und dann die Ingenieure mit ins Boot zu holen – und nicht umgekehrt, weil Ingenieure eine Frage haben, die den Menschen betrifft und deswegen einen Gesellschaftswissenschaftler hinzuziehen.

War es denn so, dass die Impulse bislang vor allem aus den Ingenieurwissenschaften kamen?

Vorländer: Anfangs ja. Es gibt aber jetzt massive Beteiligungen in der Vorbereitung von Projekten von Seiten der Philosophischen Fakultät, was schon ein großer Gewinn ist. Insofern kann ich sagen: Die Maßnahmen der Exzellenzinitiative, die auch mit „mobilizing people“, also dem Mobilisieren der Menschen, überschrieben sind, und die Leute an der Hochschule in Wallung setzen sollten, haben heute schon gefruchtet. Und von der Beteiligung ist niemand ausgeschlossen.

Wie muss man sich das interdisziplinäre Zusammenwirken zwischen so unterschiedlichen Disziplinen vorstellen?

Vorländer: Die Diskussionskultur und die Wissenschaftssprachen müssen erst einmal angepasst werden. Das ist ein besonderer Kraftakt, den HumTec leisten muss und auch schon geleistet hat. Da müssen Mauern zwischen den Disziplinen eingerissen werden. Da braucht man Leute, die dazu bereit sind, die ein offenes Ohr haben und über den Tellerrand schauen wollen. Das ist uns bisher ganz gut geglückt.

Welche Aussichten hat HumTec mit neuen Strukturen?

Vorländer: 2017 endet die Finanzierung durch die Exzellenzinitiative. Bis dahin werden die Strukturen stehen, um nachhaltig Personal zu etablieren. Zum 1. Oktober haben wir eine Position bereits besetzt, die sich Wissenschaftsmanager für HumTec nennt. Die Professuren werden innerhalb der Fakultät angesiedelt, die Themen und Anknüpfungen für Kooperationen stehen aber allen Seiten offen. Jeder kann dort wirken. Die notwendigen Strukturen werden momentan in der Philosophischen Fakultät diskutiert. Dazu wird auch die Frage der Lehre besprochen, denn ein Professor kann nicht nur forschen, er muss auch lehren. Beides ist gleichermaßen wichtig. Ich sehe in beiden Diskussionen große Fortschritte, wobei die Rolle von Dekanin Christine Roll an dieser Stelle hervorgehoben werden sollte. Sie hat in einer geschickten, diplomatischen Art die ganze Fakultät mit ins Boot geholt, auch wenn es schmerzliche Entscheidungen gab.

Sie spüren also die Rückendeckung der Philosophischen Fakultät in ihrer ganzen Breite?

Vorländer: Ja, das ist so. Es herrscht eine große Zustimmung auf breiter Front. Die intensiven Diskussionen der letzten Monate haben zu einem äußerst stabilen Konsens geführt, der von allen mitgetragen wird.

Von allen?

Vorländer: Vielleicht nicht von allen. Es gibt am Ende immer Stimmen, die den alten Strukturen nachweinen. Das ist der Lauf der Dinge in einer solchen Hochschullandschaft. Aber ich kann nicht Jahrzehnte an bestehenden Strukturen festhalten.

Der Blick geht also voller Optimismus nach vorne?

Vorländer: So ist es!

Und die Ingenieur- und Naturwissenschaften teilen diesen?

Vorländer: Was die Thematik antreibt, ist natürlich die Reflexion des Ingenieur- oder Naturwissenschaftlers, über gesellschaftlich relevante Fragen nachzudenken. Das ist nicht mit einer Ethikdiskussion bei einem Medizinprojekt abgetan. Die größeren Probleme der Menschheit, denen sich die RWTH unter der Herausforderung „global challenges“ verschrieben hat, werden nicht damit behoben, immer mehr Technik zu liefern. Wenn ich an die faire Verteilung von Energie oder Wasser denke oder an Überbevölkerung, dann sind die Fächer der Philosophischen Fakultät für eine Lösung unbedingt hinzuzuziehen. Das war auch Inhalt der Exzellenzanträge. Deswegen haben wir HumTec bekommen. Die größeren Probleme der Welt sind nicht rein technischer Natur sondern sozialer oder politischer. Das sehen auch Ingenieure und Naturwissenschaftler so.

Erfolgt die Diskussion zwischen den Disziplinen auf Augenhöhe?

Vorländer: Unbedingt! Sie hat sich in der letzten Zeit tatsächlich so gewandelt, dass die Philosophische Fakultät mehr Impulse liefert als andersherum. Das war auch das Ziel.

Die Befürchtung, die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften würden zum Dienstleister der Ingenieur- und Naturwissenschaften herabgestuft, ist aus Ihrer Sicht unbegründet?

Vorländer: Völlig unbegründet. Und jede Tendenz in diese Richtung würde aktiv durch das HumTec-Direktorium bekämpft.

Sie sprachen von schmerzlichen Entscheidungen. Die Lehramtsstudiengänge Spanisch und Französisch werden abgeschafft, das Aus der Romanistik ist besiegelt. Wie sehen Sie diese Entscheidung?

Vorländer: Ich bin auch Rektoratsbeauftragter für das Land Brasilien und damit in engem Kontakt zur Romanistik. Es tut immer weh, wenn ein Fach an einer Hochschule schließt. Masterausbildung und Forschung zu Fragen der Sprach- und Kulturentwicklung bleiben aber spannende Themen und gehören auch zum HumTec.

Kennen Sie vergleichbare Modelle zu HumTec?

Vorländer: In Deutschland kenne ich keine vergleichbaren Strukturen. Natürlich gibt es an Universitäten wie Karlsruhe und München interdisziplinäre Forschung mit Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Aber mit der neuen Struktur ist HumTec in Deutschland einmalig. Unser Maßstab sind die großen technischen Universitäten in den USA, wo ähnlichen Fragestellungen nachgegangen wird wie hier.

Sie stecken sich hohe Ziele!

Vorländer: Ja, und die sind auch im Sinne der Studenten. Der Gedanke des Studium generale im Humboldt‘schen Sinne mit fächerübergreifender Bildung und Urteilsgabe wird durch die Lehrinhalte der HumTec-Professuren wieder ein Stück weit dargestellt. Das fehlt uns im Moment. Da haben wir Nachholbedarf. Es wird ein unabdingbarer Teil einer jeden Ausbildung, dass ein Studierender verpflichtet ist, ein Fach aus dem HumTec-Angebot zu belegen – das schließt auch die Doktoranden ein. Die Diskussionen mit den Studierenden in den Fakultäten, im Senat und im AStA sind dabei ein wichtiges Element, und wir werden sie tunlichst mitnehmen, weil sie sehr gute Ideen haben – von denen wir alle profitieren.

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