Hückelhoven - Förderverein Schacht 3: Aus Liebe zur Industriegeschichte

Förderverein Schacht 3: Aus Liebe zur Industriegeschichte

Von: Ines Kubat
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Weithin sichtbares Zeichen der Bergbaugeschichte Hückelhovens: der Förderturm Schacht 3 der Zeche Sophia Jacoba.
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Detlef Stab, Vorsitzender des Fördervereins Schacht 3, Hückelhoven e.V. arbeitete selbst 42 Jahre in der Zeche. Heute kümmert er sich darum, dass die Bergbaugeschichte in Hückelhoven erhalten bleibt. Foto: Ines Kubat
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Jeden Donnerstagmorgen treffen sich Vereinsmitglieder und verrichten Reparatur- und Restaurationsarbeiten – dazu gehört manchmal auch das Ausbessern des Gleisbettes.

Hückelhoven. „Glückauf“, sagt Detlef Stab und streckt seine Hand zu einem festen Händedruck aus, der von vielen Jahren harter körperlicher Arbeit zeugt. Auf den Feldern rund um Hückelhoven hält sich an diesem Donnerstagmorgen noch der dichte frühherbstliche Nebel, doch am Schacht 3 der Zeche Sophia Jacoba herrscht schon emsiges Treiben: In der Maschinenhalle sitzen einige Frauen um einen langen Tisch herum und besprechen die letzten Details für einen Kuchenbasar.

Vor der Tür hört man das harte Kratzen der Schippen, die das Kiesbett der Schienen neu befüllen. So ein Treiben herrscht an jedem Donnerstagmorgen an der ehemaligen Zeche in Hückelhoven. So ist es seit fast 20 Jahren. Denn der Förderverein Schacht 3 Hückelhoven kümmert sich um das ehemalige Zechengelände: repariert, restauriert und hält alles gut in Schuss.

Und gerade jetzt muss alles auf Hochglanz gebracht werden. Schließlich werden am Sonntag, zum Tag des offenen Denkmals, wieder hunderte Besucher erwartet. Und für die will der Verein die Zeche von ihrer besten Seite präsentieren. Schließlich lautet das diesjährige Motto des Tages „Gemeinsam Denkmale erhalten“. Und dafür ist der Verein wirklich ein Paradebeispiel.

Lange für Erhalt gekämpft

Wenn Stab über das Gelände führt und von der Kohle, der Arbeit unter Tage und den Erfolgen der vergangenen Jahre spricht, ist seine Stimme voller Stolz. Denn 42 Jahre lang war dieser Ort, der Schacht 3, sein Arbeitsplatz. Hier fuhr er mit den Kumpeln morgens hunderte Meter tief ein und stieg am Abend rußverschmiert wieder aus der Förderkabine. Tagein, tagaus – bis zum 27. März 1997, dem Tag, als die Maschinen für immer zum Stehen kamen.

Denn die Bergbauzeche, die 1914 eröffnet wurde und einst als modernste Steinkohlezeche Europas galt, brachte in den 1990er Jahren nicht mehr die erhofften Erträge, als Gas und Öl längst beliebter als die Steinkohle waren. „Wir haben lange gekämpft für den Erhalt. Aus Protest sind 1000 Kumpel für einige Zeit unter Tage geblieben“. Doch auch ihr Einsatz hat nichts gebracht, erinnert sich Stab, ehemaliger Maschinensteiger der Zeche. Die Sophia-Jacoba-Standorte wurden geschlossen, viele Männer verloren ihren Job, ein Großteil der Gebäude in Ratheim und Wassenberg wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Das Schicksal wollte man für Hückelhoven nicht akzeptieren und versuchte, das Gelände unter Denkmalschutz zu stellen. „Dafür haben wir uns eingesetzt, Tag und Nacht Gespräche geführt, tausende Unterschriften gesammelt“, sagt Stab. Und zwar mit Erfolg. Der Förderschacht 3 blieb erhalten, und strahlt noch heute wie zum Trotz als rostrotes Wahrzeichen der Bergbautradition in den Himmel. Doch mit dem Siegel „denkmalgeschützt“ verpflichteten sich die Retter der Zeche, diese dauerhaft zu erhalten und zu einer Besucherstätte umzuwandeln.

Zu fünft begannen sie damals, alles zu restaurieren. „Die Zeche war in einem katastrophalen Zustand.“ Von den vielen Zeche-Gebäuden war kaum noch etwas übrig – sie waren ebenso gesprengt worden, wie die anderen beiden Förderschächte. Und dann blättert Stab durch Bilder, die zeigen, wie es Ende der 1990er Jahre am Fuß der Förderkabine aussah: die Schienen herausgerissen, Trümmer, Schutt und Geröll überall verstreut.

Seitdem sind viele arbeitsreiche Donnerstage ins Land gegangen. Der 74-Jährige weist auf die glänzenden Schienen, auf die originalen Förderwagen und Loren und hoch auf die akkurat gestrichenen Wände. „Viel Arbeit war das alles“, murmelt er. Doch damit blieben die fünf anfänglichen Helfer nicht allein, immer mehr gesellten sich in dem Verein dazu, der mittlerweile über 1200 Mitglieder hat.

In katastrophalem Zustand

Aktiv davon sind zwischen 25 und 50 Ehrenamtler – jeder bringt sich mit seinem besonderen Wissen mit ein: „Wir haben hier gelernte Elektriker und Schlosser, andere kümmern sich eher um die Buchhaltung oder das Archiv.“ Und so hat sich die Zeche gewandelt, ist heute ein Besucherbergwerk mit vielen originalen Exponaten, die in Schachthalle, Maschinenhaus und Förderturm untergebracht sind.

Rund 2500 bis 3000 Besucher pro Jahr führen sie über das Gelände, darunter auch immer wieder viele Schulklassen. Verköstigt werden die Gäste traditionell mit Erbsensuppe, im Souvenirshop gibt es Bücher, Seife und Postkarten zur Bergmannstradition. Geführt, gekocht, verkauft – all diese Aufgaben werden im Ehrenamt gestemmt.

Eins der größten Vereins-Projekte in den vergangenen Jahren ist wohl der originalgetreue Nachbau des Barbarastollens. Dieser sogenannte „Lehrstreb“ wurde aus der ehemaligen Bergbauberufsschule gerettet. In mühevoller Arbeit bauten sie die Tunnelstreben dort ab und in Hückelhoven wieder auf, samt schwerer Maschinen und Förderband. Drei Jahre hat das gedauert.

Einerseits haben sie den Streb übernommen, um ihn vor der Zerstörung zu retten, andererseits um den Besuchern einen Eindruck davon zu geben, wie es wirklich ist, unter Tage zu arbeiten. Denn wenn die Gäste den Barbarastollen betreten, wird die Tür hinter ihnen geschlossen und das Licht gelöscht. „So ist es nun mal unter Tage. Dunkel!“, sagt Stab und schmunzelt.

Seit ein paar Jahren wird der Verein von der Stadt Hückelhoven und vom Kulturamt Heinsberg unterstützt. Doch das meiste, was die Besucher bei einer Führung zu Gesicht bekommen, ist allein durch die Arbeit und Einnahmen des Vereins entstanden: „Wir haben lange Zeit keine Fördergelder bekommen, und auch nicht darum gebeten.“

Sozialgefüge geprägt

Warum aber machen sie sich die ganze Arbeit? Weil die Zeche nicht nur ein persönliches Stück Geschichte ist, sondern weil sie auch das Sozialgefüge Hückelhovens und der Region für viele Jahrzehnte stark geprägt habe, erklärt Stab: „Zu Spitzenzeiten haben 5000 Leute hier Kohle zu Tage gefördert.“ Und wenn dann solch ein Arbeitgeber wegfällt, hinterlässt das Spuren in einer Stadt, die „knapp 700 Einwohner hatte, als Sophia Jacoba eröffnet wurde“.

Ganze Bergwerkssiedlungen wurden damals für die zuziehenden Arbeiter geschaffen. Andererseits ist es aber auch die Liebe zur Geschichte, die Liebe zur besonderen Industriearchitektur, die den Verein antreibt, wie auf der Website zu lesen ist. „Schon ein Blick auf Schacht 3 zeigt es: So schön können Industriebauten sein. Keine vorfabrizierten Betonteile, keine Belanglosigkeiten aus Wellblech oder Kunststoff. Stattdessen Sinn für Proportionen, handgefertigte Ziegel, sorgfältig und liebevoll gemauerte Wände, gußeiserne Räder, genietete Streben, geschmiedete Speichen.“

Tradition der Bergleute

Viele Mitglieder des Vereins haben eine Verbindung zum Bergbau, manche von ihnen fuhren selbst ein, andere hatten Väter oder Großväter, die Bergleute waren. Und diese Tradition verbindet, macht der Vorsitzende deutlich. Und doch scheint die Verbindung zur Vergangenheit langsam schwächer zu werden: „Wir haben schon Nachwuchsprobleme, aber dagegen kann man nichts machen. Noch haben wir eine sehr aktive und tatkräftige Mannschaft.“ Wie und wer genau die Zukunft am Schacht 3 gestalten wird, bleibt also abzuwarten. Eins aber heißt es bis dahin auch weiter donnerstags morgens am Schacht 3: Glückauf!

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