Aachen - Flüchtlinge fürchten sich häufig vor Generalverdacht

Flüchtlinge fürchten sich häufig vor Generalverdacht

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
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Wehren sich gegen einen Generalverdacht: Die Flüchtlinge Reber Alkalifa (2.v.l.), Sani Jemal (Mitte) und Dilgesh Misho (r.) mit ihren ehrenamtlichen Betreuern Sara-Birgit Fabianek und Manfred Paul. Foto: Harald Krömer

Aachen. Sie fordern einerseits ein hartes Durchgreifen, das in Teilen gar die Grenzen des deutschen Rechtsstaats sprengen würde, und fürchten andererseits, unter Generalverdacht gestellt zu werden: Auch unter Flüchtlingen wird diskutiert, wie der Staat mit straffällig gewordenen Asylbewerbern umgehen soll.

Seit Mitte März gelten neue Regelungen zur erleichterten Ausweisung. Die Bundesregierung hat damit auch Konsequenzen aus den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht gezogen, in der rund um Dom und Hauptbahnhof Hunderte Frauen von Männergruppen – nach Zeugenangaben meist nordafrikanischer oder arabischer Herkunft – sexuell belästigt, gedemütigt und ausgeraubt wurden.

Mittlerweile liegt dieses Geschehen zwar schon einige Zeit zurück, doch es wirkt immer noch nach. Nicht nur bei den betroffenen Frauen, sondern auch bei vielen Flüchtlingen, die – neben dem Mitgefühl für die betroffenen Frauen und der Wut auf die Täter –nun fürchten, unter Generalverdacht gestellt zu werden.

Reber Alkalifa und Dilgesh Misho aus Syrien und Sani Jemal aus Eritrea haben deshalb mit ihren ehrenamtlichen Betreuern Sara-Birgit Fabianek und Manfred Paul den Kontakt zu unserer Zeitung gesucht. Sie wollen reden. Darüber, wie sie den Umgang mit straffälligen Flüchtlingen sehen und was sie sich vom Staat wünschen. Für sie alle steht fest: Man muss unterscheiden zwischen denen, die vor dem Krieg geflohen sind und sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen wollen, und jenen, die in Deutschland seien, um Straftaten zu begehen.

„Es ist nicht so einfach, wie ‚Pegida‘ und Co., die alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren, es sich wünschen“, sagt Fabianek. Und der 28-jährige Reber Alkalifa, der vor dem Krieg aus der nordsyrischen Stadt Qamischli geflohen ist und auf die Vorfälle in Köln bereits zwei Mal auf der Straße angesprochen wurde, formuliert eigentlich etwas Selbstverständliches, wenn er sagt: „Nicht alle Flüchtlinge sind wie die Täter von Köln. Wir sind unterschiedlich. Unter uns Flüchtlingen gibt es gute und böse Menschen wie überall.“

Aber wie soll man mit straffällig gewordenen Flüchtlingen umgehen? Die Meinungen gehen bei dieser Frage weit auseinander. „Die Leute spielen hier mit der Polizei. Ich habe einen Flüchtling gesehen, der festgenommen wurde und gesagt hat: ‚Egal, morgen komme ich sowieso wieder frei‘“, erzählt Sani Jemal. Er klingt aufgebracht, Unverständnis schwingt in seiner Stimme mit.

In seinem Heimatland wäre so etwas unmöglich, sagt er. Jemal stammt aus Eritrea im Osten Afrikas. Einem Staat, in dem seit 25 Jahren der Diktator Isayas Afewerki herrscht und die Menschenrechtssituation kata­strophal ist: Willkürliche Verhaftungen, Tötungen, Folter und Vergewaltigungen gehören dort zum Alltag – und bewegen Zehntausende Eritreer wie Jemal zur Flucht.

„Wir leben in einem Rechtsstaat und das ist auch gut so“, entgegnet Manfred Paul, Hauptschullehrer im Ruhestand. Schon oft haben sie diese Diskussion in den vergangenen Wochen geführt. Paul hat dann erklärt, dass das deutsche Recht zum Schutz von Freiheit und Gleichheit die Gewaltenteilung vorsieht. Dass bis zum Beweis des Gegenteils erst einmal die Unschuldsvermutung für jeden Verdächtigen gilt. Und dass der deutsche Staat vor eine sofortige Abschiebung rechtliche Hürden stellt.

Reber Alkalifa, Dilgesh Misho und Sani Jemal versuchen derweil weiter, sich in ihrer neuen Heimat Aachen zu integrieren. Misho hat ab August einen Ausbildungsplatz in einem Gastronomiebetrieb, Alkalifa und Jemal nehmen derzeit an Integrationsmaßnahmen der Arbeitsagentur teil. Sie alle teilen die Hoffnung, dass sich die Ereignisse der Kölner Silvesternacht nie mehr wiederholen werden.

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