Flucht nach Aachen: Wiedervereinigung mit Hindernissen

Von: Guido Jansen
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Was für eine Familie: Die Ahmads sind aus Syrien nach Aachen geflohen. Erst der eine Teil der Familie. Dann, nach dem Überwinden erstaunlich vieler bürokratischer Hindernisse, der andere Teil. Foto: Guido Jansen

Aachen. Kein Stempel im Pass, kein Flug, kein Wiedersehen mit den zwölf Familienmitgliedern, die bereits am Heiligabend nach ihrer Flucht in Aachen angekommen waren. Tatsächlich stand ein Stempel zwischen Randa und seiner Familie in Aachen.

Er fehlte nicht. Er lag vor, aber auf einem gesonderten Formular. Weil das Visum nicht in den Pass gestempelt wurde, mussten Randa und sieben weitere Mitglieder seiner aus Syrien in den Libanon geflohenen Familie mitansehen, wie das Flugzeug nach Deutschland am Sonntag ohne sie abhob.

Ende vergangenen Jahres hatte die NRW-Landesregierung bekanntgeben, dass sie 1000 zusätzliche Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt, wenn sich Verwandte finden, die die Kosten übernehmen. Transport von Syrien nach Deutschland, Lebensunterhalt, sogar eine Bürgschaft für jeden Flüchtling musste bezahlt werden.

„Das mit dem Stempel wusste die deutsche Botschaft in Beirut. Das hätten sie uns auch früher sagen können“, sagt Mustafa Ahmad, das Familienmitglied, das schon lange in Deutschland lebt und mit seiner Frau Dagmar auf eigene Kosten dafür sorgt, dass die Ahmads aus Syrien dem Krieg entkommen können, weil sie in Aachen in ihrem Haus leben werden.

Am Montag, nach vielen Stunden des Wartens, gab es die Stempel. Danach hat die Familie neue Flüge für Dienstag gebucht. Seit zwei Tagen sind die Ahmads in Aachen wiedervereint. Der Stempel an der falschen Stelle ist nicht der erste Stein, über den sie stolpern, seit sie sich den Weg heraus aus dem Krieg bahnen. Und er wird auch nicht der letzte sein. Die meisten dieser Stolpersteine kosten: Geld. Zeit. Vor allem Nerven.

„Wir haben nicht damit gerechnet, was zusätzlich noch alles auf uns zukommt“, sagt Dagmar Ahmad heute. Beispielsweise im Ausländeramt. 110 Euro musste die Familie für jeden Erwachsenen hinlegen, damit das Amt die Visa abstempelt, 55 Euro für jedes Kind. Kosten, von denen nicht die Rede war, bis das Geld fällig wurde. „Ich frage mich, warum jeder Stempel für Flüchtlinge Geld kosten muss“, sagt Dagmar Ahmad. „Wie sollen Menschen, die ihren ganzen Besitz aufgegeben haben, um dem Krieg zu entkommen, das alles schaffen?“ Bisher haben die Ahmads alle Hindernisse überwunden. Weil sie „mit dem Kopf durch die Wand rennen, auch wenn die Wände immer dicker werden“, sagt Dagmar Ahmad.

Die Ahmads sind eine Ausnahme. Nicht nur, weil sie gleich 20 Menschen vor Verfolgung und Tod retten. Auch, weil sie bisher das Geld dafür mit viel Hilfe anderer aufbringen können. Und weil sie vor dem deutschen Behörden-Dschungel nicht kapitulieren. „Für eine Familie, in der nicht so fließend Deutsch gesprochen wird wie bei uns, ist das eigentlich nicht zu schaffen“, sagt Dagmar Ahmad.

Eine zentrale Anlaufstelle fehlt, jemand, der eine Liste hat, welche Formulare wo fällig sind, auch. Sozialamt, Ausländeramt, Einwohnermeldeamt – überall sind die Formulare ähnlich, aber trotzdem anders. „Warum gibt es da kein einheitliches Paket?“, fragt Dagmar Ahmad. Seit Wochen stehen beinahe täglich Behördengänge auf dem Programm. „Da merkt man gar nichts von praktischer Flüchtlingshilfe“, sagt Dagmar Ahmad. Anders als bei den Sachbearbeitern vor Ort. „Die sind großartig. Die tun wirklich für uns, was sie können. Das Problem ist das System. Das funktioniert nicht.“

Mit einer Spende an unser Hilfswerk „Menschen helfen Menschen“ können Sie die Ahmads unterstützen.

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