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Flötistin Christine Hildebrand unterrichtet nach Suzuki-Methode

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Die Kinder halten ihre Querflöte wie die Großen – das macht sie stolz.
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Mit einer Verbeugung beginnt die Unterrichtsstunde.
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Kerne spucken trainiert den Lippenansatz bei Lisa (li.) und Iris (re.), Christine Hildebrand macht mit.
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Lisa (5) beim Querflöten-Unterricht nach der Suzuki-Methode. Vor ihr steht die Lehrerin, auf den Fingern leuchten bunte Lämpchen – jedes für einen Finger und eine Klappe an der Querflöte. Foto: Harald Krömer
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Christine Hildebrand, Flötistin des Aachener Sinfonieorchesters, lehrt die Suzuki-Methode.

Aachen. Ein Instrument lernen ohne die Noten zu kennen? Das ist Teil der japanischen Musikerziehung nach der Suzuki-Methode, bei der Kinder bereits im Vorschulalter an das Instrument herangeführt werden. Auch in Aachen können Mädchen und Jungen nach dieser Methode Musikspielen lernen - zum Beispiel bei Christine Hildebrand.

Reiskornspucken an der offenen Balkontür macht Spaß! Die beiden kleinen Mädchen Lisa (5) und Iris (6) tun es mit Hingabe, Christine Hildebrand spuckt mit. Da ist immer wieder ein luftiges „p“ zu hören, wie eine kleine Lippen-Explosion. „Wir sind mitten im Unterricht“, lacht die fröhliche Lehrerin, „und die Vögel haben auch noch etwas davon.“ Warum das? Die fliegenden „Reiskörner“ sind in Wirklichkeit Sonnenblumenkerne, eine Variante zum japanischen Original.

Christine Hildebrand ist seit 1988 Flötistin im Sinfonieorchester Aachen und verfügt über langjährige Unterrichtserfahrung. „Mein Beruf ist wunderbar, aber ich habe mehr zu geben“, betont die Musikerin, die irgendwann mit Erstaunen feststellte: Es gibt einen Querflötenunterricht für Kinder, die noch nicht in die Schule gehen – ganz im Sinne von Altmeister Shinichi Suzuki, kurz, die Suzuki-Methode. Suzuki? Wer diesen Namen hört, denkt an kleine, fein angezogene japanische Kinder, die wie eine musikalische Hundertschaft auf winzigen Geigen taktgenau Melodien produzieren.

Seit den 50er Jahren wurde diese Methode auch auf andere Instrumente – zum Beispiel auf die Querflöte – übertragen. Die Botschaft des modernen Pädagogen, Violinisten und Kinderfreundes Suzuki ist nicht an ein spezielles Instrument gebunden: „Musik wirkt auf Sinne und Seele des Menschen. Das Kind wird in seiner Persönlichkeit gefördert“, hat er gesagt. Für Christine Hildebrand öffnete sich ein neuer Blick auf die Musikerziehung.

Seit kurzem ist die Flötistin eine von nur fünf examinierten Lehrerinnen für Querflöte nach der Suzuki-Methode in Deutschland. „Das Theater Aachen hat mir sogar einen Teil der Ausbildung finanziert“, erzählt die Flötistin, die nach 50 Unterrichtsstunden und einigen Workshops in England und den Niederlanden bei Karen Lavie ihre Prüfung abgelegt hat. Seit April 2014 bildet Karen Lavie, die zuvor 20 Jahre lang Lehrer für das New Zealand Suzuki Institute geschult hat, Musikpädagogen für die European Suzuki Association aus.

Der gegenseitige Respekt ist ein Kernelement der facettenreichen Früherziehung. Wenn die fünfjährige Lisa zunächst allein nur mit ihrer Mama zum Unterricht in Christine Hildebrands weitläufiges, gemütliches Wohnzimmer hüpft, gibt es ein lustiges Hallo. Die versilberte Querflöte wird ausgepackt – eine „richtige“ Flöte, die Kinderformat hat. Dann holt Lisa eine Matte hervor, auf der die Umrisse ihrer Füße zu erkennen sind. Lehrerin und Schülerin nehmen voreinander Aufstellung.

Lisa ist jetzt still und konzentriert. Mit einer beiderseitigen Verbeugung beginnt die Stunde, bei der der Arbeitsanteil zunächst maximal 30 Minuten ausmacht, sich jedoch steigert – je nach Kind. Jetzt glänzen beide Flöten auf gleicher Höhe. „Hast du Lust?“ Lisa, die vor einem Jahr mit dem Flötenunterricht begonnen hat, nickt. Mama Silke strahlt, denn in letzter Zeit war das Üben daheim nicht so sehr Lisas Sache. „Die Begleitung der Eltern, die Motivation und Unterstützung sind extrem wichtig”, sagt die Flötistin. „Deshalb ist es gut, dass ein Elternteil beim Unterricht dabei ist.“

Die freundliche Hinwendung zum Kind prägt den Unterricht. Sobald die Fünfjährige unruhig wird, hat ihre Lehrerin eine neue Idee. Auf dem Wohnzimmertisch stehen offene Schachteln, die aussehen, als ob eine Überraschungseier-Sammlung geplündert wurde. Tatsächlich sind es Geschicklichkeitsspielzeuge, ein Krokodil, in das man pustet und bei dem man dafür sorgen muss, dass die beiden Kügelchen wieder in den Vertiefungen für die Augen landen, oder eine winzige Flöte, bei der sich ein Faden in die Höhe bewegt, wenn man für einen anhaltenden Luftstrom sorgt. „Das Kind spielt und lernt”, sagt die Lehrerin.

Jetzt kommt eine Melodie an die Reihe. „Mary has a little lamb“, die Melodie sitzt, dabei kennt die Fünfjährige noch gar keine Noten, sie lernt „muttersprachlich“ nach Gehör. Dann klingelt es an der Tür. Die sechsjährige Iris stürmt herein und gesellt sich zu Lisa „Sie konnte es kaum erwarten“, lächelt Claudia, ihre Mutter, die natürlich mitkommt. Iris ist bereits ein Schulkind. Geschickt sorgt Christine Hildebrand beim nun gemeinsamen Unterricht für das notwendige Gleichgewicht, bändigt, regt an, lässt die Kinder in einem gewissen Rahmen mitbestimmen, was geübt und ausprobiert wird. Ansporn ja, Konkurrenz nein.

Wo Lisa bedächtig agiert, kann es schon mal sein, dass Iris stürmisch loslegt – da gilt es für die Lehrerin auszugleichen. So kommen beide Kinder zu ihrem Part und dürfen auch schon mal einen Moment lang toben und kichern. Jetzt wünschen sich die Mädchen eine japanische Melodie von Christine Hildebrand, hören andächtig zu und wiederholen Passagen – auswendig. „Denkt an eure Füße“, ruft die Lehrerin, „Musizieren beschäftigt den ganzen Körper.“

Bis zu zehn Kinder können mit der Suzuki-Methode unterrichtet werden. Die Kombination aus Einzelstunde und kleiner Gruppe ist wichtig. „Die Kinder werden selbstsicherer”, beobachtet Christine Hildebrand. Toleranz, Disziplin, Konzentration, Hinhören: „Kinder, die Musik machen, lernen soziales Verhalten, deshalb ist die Begegnung mit anderen so gut“, betont die Flötistin. Für sie ist dieser Unterricht mehr als ein neuer beruflicher Weg. Gern zitiert sie den deutschen Naturphilosophen Lorenz Oken (1779-1851), der lange vor Suzuki erkannte: „Das Auge führt den Menschen in die Welt. Das Ohr führt die Welt in den Menschen.“

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