Flirten, baggern, bützen: Beziehung in Gefahr?

Von: Robert Baumann
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„Die Maskerade erleichtert oftmals das Fremdgehen“, meint die psychologische Beraterin Ute Reinertz-Bellingröhr. Paare sollten klare Beziehungsregeln vereinbaren, wie an Karneval gelebt wird. Foto: imago/Ralph Peters
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In ihrer Praxis hilft die geprüfte psychologische Beraterin und Hypnotherapeutin Ute Reinertz-Bellingröhr Paaren in Beziehungskrisen. Mit Hilfe eines Flipcharts wird gemeinsam an der Beziehungsgestaltung gearbeitet. Foto: Robert Baumann

Region. Flirten und baggern, ein Bützchen hier, ein Bützchen da – das ist in der Karnevalszeit für viele Jecken normal. „Man muss ja nicht gleich zusammen ins Bett gehen“, sagt Ute Reinertz-Bellingröhr. Dennoch sind viele Beziehungen während der jecken Tage gefährdet.

„Der Alkohol enthemmt, und die Maskerade erleichtert oftmals das Fremdgehen“, meint die geprüfte psychologische Beraterin und Hypnotherapeutin. Jeder Zweite sei laut einer Studie schon einmal untreu gewesen. Die Gründe, warum jemand ein sexuelles Abenteuer sucht, seien unterschiedlich. „Es können unter anderem Belastungen in der Beziehung sein oder der Reiz des Neuen“, erklärt die Paarberaterin und ist der festen Überzeugung: „Der Mensch ist nur bedingt monogam.“

Paare sollten daher klare Beziehungsregeln vereinbaren, wie an Karneval gelebt wird, empfiehlt Reinertz-Bellingröhr, die seit 2008 in eigener Praxis in Aachen-Burtscheid Paaren in Beziehungskrisen hilft: „Gehen wir allein oder gemeinsam aus, darf geflirtet, gebützt und geschunkelt werden, und wo hört der Spaß auf?“ Zumindest habe man damit eine gewisse Chance, die tollen Tage unbeschadet zu überstehen.

Hüpft der Partner an Karneval dennoch durch fremde Betten, sollte die Beziehung nicht sofort beendet werden. „Ein Seitensprung muss kein Trennungsgrund sein“, meint Reinertz-Bellingröhr. Gleich das ganze Familiensystem aufzugeben, ist in ihren Augen nicht sinnvoll. Vielmehr sollte das Paar konstruktiv an seiner Beziehung arbeiten. Denn: „Wenn die eigenen Bedürfnisse defizitär sind und innerhalb der Beziehung Unzufriedenheit erlebt wird, wird schneller fremdgegangen.“ Deshalb sollten die Partner ihre Erwartungen und Wünsche offen sagen und die Gestaltung der Beziehung gemeinsam übernehmen und ausleben. Nicht selten verhindere aber große Scham, darüber zu reden.

Seitensprung beichten

Ein Seitensprung sollte dem Partner gebeichtet werden, meint Reinertz-Bellingröhr. „Wir sind doch nicht gerne Lügner und würden uns damit nur selbst belasten. Und die Wertvorstellungen des Einzelnen sind interessanterweise sehr hoch.“ Die Zahlen sprechen aber eher für keinen versöhnlichen Ausgang. Laut einer Umfrage der Partnervermittlung „Elitepartner“ seien nur etwa 20 Prozent der Männer und neun Prozent der Frauen bereit, einen Seitensprung zu verzeihen. Denn das Thema Treue stehe bei den meisten Paaren ganz weit oben. Insbesondere die Generation der 30-Jährigen sei in Sachen Treue strenger als zum Beispiel die Generation der 60-Jährigen.

Fremdgehen ist in der Praxis von Reinertz-Bellingröhr aber selten Thema. Vielmehr sind es Kommunikationspro-bleme und fehlende Streitkultur, Entfremdungsgefühle und vermisste Wertschätzung, weswegen Paare Hilfe bei ihr in Anspruch nehmen. „Viele Paare reden aneinander vorbei. Es sind oftmals einfach Missverständnisse“, sagt sie.

Generell sollte man eine romantische, exklusive Liebe auch nicht mit einer alltagstauglichen Partnerschaft vergleichen. „Für eine Partnerschaft sind andere Kompetenzen zwingend erforderlich, zum Beispiel Kommunikationsfähigkeit, Toleranz, Achtsamkeit und Akzeptanz. Mit gemeinsamen Aktivitäten, Interessen und Schnittmengen in der Persönlichkeit zweier Menschen lässt sich eine dauerhafte Partnerschaft einfacher gestalten als eine Beziehung, die ausschließlich auf Attraktivität und körperlicher Anziehung basiert“, erklärt Reinertz-Bellingröhr.

Jeden Tag kommen Klienten zu ihr in die Praxis. Das Alter reicht von 23 bis 60 Jahren. „Der Bedarf ist groß“, sagt sie. Dass die Menschen eine Paar-/Eheberatung aufsuchen, habe deutlich zugenommen, obwohl ein Scheitern, „insbesondere von männlicher Seite“, nicht gerne zugegeben werde. Dieser erste Schritt erfordere bereits sehr viel Mut, findet Reinertz-Bellingröhr, „legt doch das Paar bei mir einen großen Teil seines Privatlebens offen“. Es seien jeweils zur Hälfte Frauen und Männer, die eine Beratung initiierten.

Ihre Praxis hat sie geschmackvoll eingerichtet. An der Wand hängt ein großes Bild, auf dem man durch einen wehenden Vorhang auf das blauschimmernde Meer und den Horizont blickt. Gemütliche Sessel, Blumen und eine große Pflanze stehen im Raum. Der Wohlfühl- und Vertrauensfaktor ist wichtig, wenn Persönliches besprochen wird und der häusliche Schutzbereich verlassen wurde.

Nach einem persönlichen Erstgespräch werden weitere Sitzungen vereinbart, die je nach Komplexität des Beziehungsproblems im Umfang variieren. Gut anderthalb Stunden dauert so eine Sitzung. Bereits nach dem Erstgespräch trete bei vielen eine Erleichterung ein, weil sie in einer neutralen und moderierten Umgebung über die Probleme gesprochen haben.

Weniger Ansprüche

Die Ansätze, Beziehungskrisen zu lösen, sind so vielfältig wie die Krisen selbst. Ein paar allgemeine Tipps hat Reinertz-Bellingröhr aber doch: „Akzeptieren sie den Partner, wie er ist, und versuchen sie ihn nicht permanent besser zu machen, als sie selbst sind. Wer weniger Ansprüche an seinen Partner stellt, der lebt auch besser in der Beziehung.“ Und: „Viele Paare verlangen zu viel von einer Partnerschaft und legen die Wertmaßstäbe unverhältnismäßig hoch.“

Ein Problem, das sich durch alle Altersstufen ihrer Klienten zieht, ist die „sparsame“ oder fehlende Sexualität. Insbesondere für Frauen sei es schwierig, in einer als disharmonisch erlebten Beziehung Sex zu haben. „Leider finden deshalb auch kaum körperliche Zuwendung und Zärtlichkeiten statt wie Kuscheln oder innige Umarmungen. Damit schade man sich im Grunde selbst“, sagt Reinertz-Bellingröhr und empfiehlt, die eigene Sexualität möglichst von den Beziehungsproblemen zu trennen und davon unabhängig auszuleben. „Gemeinsame Sexualität entspannt. Es wäre schön, wenn innerhalb der Partnerschaft der Sexualität mehr Raum gegeben würde und es weniger Zwänge gäbe.“ Wenn auch das funktioniert, dann ist wohl die Gefahr des Fremdgehens an Karneval nicht mehr so groß.

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