Fixierung von Pflegebedürftigen: „Sensormatte“ vor dem Bett kann helfen

Von: Sabine Rother
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Pflegebedürftig: Wie kann man vermeiden, dass jemand aus dem Bett fällt oder aufsteht und dann stürzt? Foto: stock/epd

Aachen. „Die Fixierung von Pflegebedürftigen ist grundsätzlich nicht notwendig! Mit Kreativität und Einsatzbereitschaft finden wir immer Alternativen.“ Ursula Hönigs leitet das Hermann-Josef-Altenheim in Erkelenz. Das grundsätzliche „Nein“ zu freiheitsentziehenden Maßnahmen verbindet sie mit einer verstärkten Hinwendung zu jenen Menschen, die sie mit ihrem Team betreut.

„Wir müssen uns ein Grundvertrauen bewahren und, wo möglich, für körperliche Aktivität sorgen, schon so lassen sich viele Stürze vermeiden.“ Doch was geschieht in anderen Einrichtungen? Noch immer werden Menschen in Heimen mit Gurten im Bett oder am Rollstuhl fixiert oder durch Medikamente in einen Dämmerzustand versetzt, der sie immobil sein lässt.

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens will 2014 in einem neuen Wohn- und Teilhabegesetz die Betreiber von Alten- und Pflegeheimen dazu verpflichten, Konzepte vorzulegen, die sich mit der Vermeidung von Fixierungsmaßnahmen beschäftigen. Und die gibt es noch immer - das zeigt die Zahl von 17.967 gerichtlichen Genehmigungen, die 2012 erteilt wurden.

In unserer Region geht man offen mit diesem Problem um. Dort, wo etwa im Kreis Heinsberg auch Altenpflege-Nachwuchs ausgebildet wird, ist sogar die Besetzung der Stationen noch relativ gut. Wo überall die Vermeidung von Fixierungen propagiert wird, ärgert sich Ursula Hönigs ganz besonders über einen Tatsache: Stürzt dennoch jemand und muss versorgt werden, fragt die Krankenkasse doch tatsächlich, warum bei diesem Betroffenen keine Fixierung stattgefunden hat...

„Man kann eine Menge mit Kommunikation erreichen, aber wir brauchen in Einzelfällen dennoch zusätzliche Absicherungen“, sagt Christoph Venedey, Leiter des Seniorenzentrums am Haarbach in Aachen. Doch statt der eher entwürdigenden Gitter und Gurte nutzt man hier neue technische Entwicklungen, wie etwa Niederflurbetten, die sich bis zum Boden absenken lassen, Sensormatten oder gepolsterte Protektorenkleidung, die an Körperstellen wie dem sensiblen Schenkelhals dem Bruch vorbeugen. Und manchmal reicht schon eine neben dem Bett ausgebreitete zusätzliche Matratze, um für mehr Sicherheit zu sorgen.

„Sobald jemand das Bett verlässt und auf eine Sensormatte tritt, wird über ein Notrufsystem ein Signal weitergeleitet“, erklärt Venedey. Jetzt kann eine Mitarbeiterin nachschauen und sich ein Bild von der Situation machen.

„Marte meo“, eine spezielle Kommunikationsmethode, die von der Aktion des Pflegebedürftigen ausgeht und für ein intensiveres Verstehen der Aktionen alter und dementer Menschen sorgt, erweist sich in solchen Momenten als gutes Instrument der Begleitung. „Wir schulen Angehörige und Pflegende, aber der Bedarf steigt, der bestehende Personalschlüssel reicht längst nicht mehr aus“, sagt Venedey, und Pflegedienstleiterin Kerstin Schnapp-Benend weist auf ein Kraft-Balance-Training hin, das den Betroffenen mit Unterstützung der Krankenkasse zusätzlichen Schutz vor Unsicherheit und Stürzen bieten kann. 65 Alten- und Pflegeheime sowie 30 Behinderteneinrichtungen besucht und kontrolliert die Heimaufsicht des Amtes für Altenarbeit der Städteregion Aachen.

Die Kontrollen freiheitsentziehender Maßnahmen gehören zu den Schwerpunkten der Besuche. „Wir bestehen auf Fallbesprechungen und Dokumentationen“, so Stephan Xhonneux von der Arbeitsgruppe Planung, Beratung und Heimaufsicht. „Die Einrichtungen sind sensibilisiert.“ Gleichzeitig fordert Amtsleiter Manfred Müller ein verstärktes Fortbildungsmanagement zur Sicherheit von Pflegebedürftigen. Für 2014 hat man einen ehrgeizigen Plan: Ein „Runder Tisch“, an dem sich alle treffen, die mit der Betreuung pflegebedürftiger Menschen zu tun haben, wo man über die Praxis und über juristische Notwendigkeiten gleichermaßen reden kann.

Dringend umdenken

Hier fordert Gerda Graf, Geschäftsführerin der Wohnanlage Sophienhof in Niederzier, ein Umdenken. „Es gehört zu den Grundsätzen unserer Einrichtung, dass Fixierung nicht stattfindet - eine Haltung der menschlichen Logik“, betont sie. „Wie kommen wir dazu, Demenzkranken die Freiheit zu nehmen?“ Sie fordert: „Wir müssen damit leben, dass jemand auch mal stürzen kann.“

Sie fordert dazu auf, bei jedem Menschen genau hinzuschauen, Facharzt und Hausarzt hinzuzuziehen. Jede Unruhe, das weiß sie, hat eine Ursache. „Als Pflegende müssen wir feststellen, ob das Verhalten durch uns hervorgerufen wurde, kritische Selbstreflexion und die Haltung zum Menschen sind wichtig.“

Nicht ausschließlich die Pflegebedürftigen - auch jene, die sie betreuen und begleiten, brauchen Aufmerksamkeit. „Unsere Mitarbeiter brauchen ein gutes Leben, um anderen ein gutes Leben zu bereiten“, sagt Ursula Hönigs aus Erkelenz.

Sie ist eine Verfechterin des „Werdenfelser Weges“, eines verfahrensrechtlichen Ansatzes im Rahmen des geltenden Betreuungsrechts, um die Anwendung von Fixierungen und freiheitsentziehenden Maßnahmen in Pflegeeinrichtungen zu reduzieren.

Dabei steht das Abwägen aller Aspekte im Vordergrund. Hier bestimmen die Gerichte Verfahrenspfleger, die sich selbst ein Bild machen, wenn der gerichtlich notwendige Beschluss zu einer Fixierung erfolgen soll“, erklärt die Heimleiterin. In unserer Region wird dieses Verfahren zwar nicht praktiziert, stattdessen ist etwa im Hermann-Josef-Heim die Einbeziehung einer Ethikberatung Standard. Gibt es dennoch Fragen und Irritationen, können sich Angehörige auch an einen Ombudsmann wie Simon Robert wenden: „Wir schauen nach, nehmen Kontakt mit den Häusern auf und kennen uns mit den Gesetzen aus“, versichert Robert. „Das Umdenken muss bei der Ausbildung beginnen.“

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