Filmreif! Vorlesung kommt als Video nach Hause

Von: tka
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Kamera läuft: So sieht es aus, wenn Frank Piller in einem Videomodul über Wirtschaftswissenschaften spricht. Foto: Marcus Gerards
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Experte für Controlling: RWTH-Professor Peter Lethmathe. Foto: RWTH Aachen

Aachen. Filmreifes Wissen, das gibt es in Betriebswirtschaftslehre und Management. Jedenfalls sind es eigens konzipierte Videos, mit denen jenes Wissen an der RWTH Aachen verbreitet wird. Und dies nun auch für Schüler, die mal in eine Vorlesung schauen wollen, für Studierende anderer Fachrichtungen, die ihren Horizont erweitern wollen oder eben auch Berufstätige, die ihre Kenntnisse in diesen Disziplinen schon immer vergrößern wollten.

Das faszinierende: Die Videovorlesungen lassen sich dabei bequem vom heimischen Sofa oder am Tisch des Lieblingscafés verfolgen. Der Professor sitzt dann quasi am Tisch. So spannend kann Uni sein.

Das Thema Videovorlesung ist nicht neu. Aber es gewinnt eine unerhörte Dynamik. Die Universitäten wie die RWTH Aachen haben zuletzt einen enormen Zulauf verkraften müssen. Die Plätze für Gasthörer in klassischen Vorlesungen sind entweder stark begrenzt oder nicht offen zugänglich. Auswege bieten dann oft nur kostenpflichtige, private Weiterbildungsangebote.

Dabei ist das Interesse an den Themen groß: „Grundlagen in Betriebswirtschaftslehre und Management gehören zum Standard-Wissen vieler Berufstätiger – selbst, wenn diese nicht BWL studiert haben“, erklären die RWTH-Professoren Frank Thomas Piller vom Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre und Peter Letmathe vom Lehrstuhl für Controlling.

Sie öffnen im Wintersemester 2014/15 ihre Vorlesungen für jeden Interessierten. Ihre Videos vermitteln Auszubildenden, jungen wie auch erfahrenen Berufstätigen mit naturwissenschaftlichem oder technischem Hintergrund wichtige Grundlagen der BWL. Ergänzt durch freiwillige, wöchentliche Diskussionstermine und einem speziell erstellten Online-Planspiel ergibt sich so die Möglichkeit zum Lernen nach Maß – wie es dem eigenen Lerntypus entspricht. Das Ganze ist überschrieben: „MOOC macht’s möglich – Wissen für Alle“.

In den USA ein Renner

In den USA sind solche MOOCs, also Massive Open Online Courses, der sprichwörtliche Renner – weil alle zu Hause sitzen können und gleichzeitig eine Hochschule besuchen. In manchen kostenlosen Kursen sind Hunderttausende Studenten aus aller Welt eingeschrieben. Thomas Friedmann von der New York Times sieht in diesem neuen Zugang zu Hochschulwissen gar eine Demokratisierung von höherer Bildung. In Europa gewinnt die Idee immer mehr Freunde. Die RWTH zählt in Deutschland zu den aktivsten Hochschulen.

„MOOC macht’s möglich – Wissen für Alle“ ist zunächst einmal kostenlos. Wer das Thema vertiefen möchte, kann im Februar eine Klausur absolvieren und damit offizielle ECTS-Credits für ein späteres Studium erwerben oder ein vollwertiges Weiterbildungszertifikat der RWTH erhalten. Dieses Angebot ist kostenpflichtig, um einen Teil der Produktionskosten zu decken.

Piller und Lethmathe sind von dem Ansatz überzeugt. Elementares Wissen zu Strategie, Organisation, Geschäftsmodellen, Kennzahlenermittlung, Controlling und vieles mehr lasse sich nicht nur in einer geschlossenen Vorlesung an Fachstudenten vermitteln. „Wir werden uns mit kritisch-reflektierten Fragestellungen auseinandersetzen und die Teilnehmer lernen, sich mit diesen auseinander zu setzen. Am Ende sind die Teilnehmer in der Lage, Entscheidungen wirtschaftlich fundiert zu analysieren“, erläutern Piller und Letmathe.

Angeboten werden zwei Vorlesungen: „Einführung in die BWL“ und „Internes Rechnungswesen und Controlling“. Es sind erprobte Lehrveranstaltungen, denkbar modern vermittelt. Sie wurden bereits mehrfach ausgezeichnet und nicht zuletzt von mehr als 15.000 Aachener Studenten erfolgreich besucht.

Die Videolektionen laufen über das Portal iversity.org. Dort haben einige Lehrstühle der RWTH Aachen bereits gute Erfahrungen gesammelt. Frank Thomas Piller war es, der im Wintersemester 2012/2013 für seine Einführung in die Betriebswirtschaftslehre erstmals vor der Kamera stand. Inspiriert hatte ihn die Khan Academy des amerikanischen Pädagogen Salman Khan, der im Internet 4000 Lehrfilme aus Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und Wirtschaft bereitstellt. Angefangen hatte er, indem er über Skype (Internetvideotelefonie) Nachhilfe gab. Mittlerweile ist er Millionär. Die Idee hat sich ausgezahlt.

Schnell bewährt

Im Lehralltag hat sich das Modell Videovorlesung schnell bewährt. Die Videos – eine fünf bis zehn Minuten lange Wissenseinheit – haben sich etabliert, die Studenten rufen sie ab (auch im Café), kommen dann in die Vorlesung, wo der Stoff nachbereitet wird – und nicht bloß wiederholt. Sonst würden die Studenten wohl nur das eine oder andere nutzen. Der Besuch der Vorlesung ist aber längst keine Pflicht mehr.

Doch die Verantwortlichen wollen mehr, wollen sich und ihre Vorlesungen eben öffnen.

Ein Büro bei den Wirtschaftswissenschaften in der Aachener Kackertstraße wurde für die Aufnahmen der Videomodule in ein kleines TV-Studio umgebaut. Vor einem Bücherregal steht der Schreibtisch, an dem der Dozent für die Aufnahmen Platz nimmt. Einen Teleprompter gibt es nicht, die Dozenten schauen ausschließlich in die Kamera, um die herum Zettel mit Hinweisen wie „Direkte Ansprache“ angebracht wurden. Die Vorträge sind frei, die Lehrfolien, die der Dozent auf seinem Computer sieht, werden rechts oben im Video abgebildet. Das Bücherregal im Hintergrund ist reine Kulisse. Je nach Thema eines Moduls werden mal ein paar Bücher von links nach rechts oder von oben nach unten bewegt. Die Aktenordner im Regal sind allesamt leer.

Hinter der Kamera stehen Marcus Gerards und sein Team. Sie nutzen professionelle Scheinwerfer für die Aufnahmen, bei den ersten Versuchen mussten noch sämtliche Schreibtischlampen im Haus zusammengesucht werden, um erhellende Bilder zu schaffen.

Auch die Dozenten haben mit den Vorlesungen gelernt, die Kamera ist nun ein vertrautes Gegenüber – das Wissen, was sie hier vermitteln allemal filmreif.

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