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FH-Professor Artmann: Querdenker par excellence

Von: Angela Delonge
Letzte Aktualisierung:
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Leidenschaftlicher Professor: Wenn es um die Forschung und die Freiheit geht, kennt Gerhard Artmann einfach keine Grenzen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Es ist 16 Uhr, und der Mann bestellt eine Wurstplatte! Mitten am Nachmittag in einem Aachener Café! Spätestens ab diesem Moment ist klar, dass dies ein Gespräch mit Überraschungen werden wird. Also, roter Faden adieu, und willkommen in der Welt von Gerhard Michael Artmann.

Der Mann will es einfach immer wissen. Er ist ein eigenwilliger Typ, der Artmann, in Thüringen aufgewachsen, und da gehört die Wurstplatte zum Leben dazu. Hier mutet so eine Bestellung eher seltsam an, aber das ist eben typisch Artmann.

Der Professor ist ein unkonventioneller Typ, der keine falschen Hemmungen kennt. „Ich bin einfach cool“, sagt er und meint damit, dass er vor allem sehr direkt ist. Und naiv. Das ist eine wichtige Eigenschaft, findet Artmann: „Man lehnt sich zurück und guckt die Sache von außen an. Wer nicht naiv ist, hat vor allem einen eingeengten Blick.“

Sein strammes Selbstbewusstsein hat ihn weit gebracht, Artmann ist Professor für Medizinische Physik und angewandte Biophysik und leitete lange das Institut für Bioengineering an der FH Aachen und ist Sprecher der Kompetenzplattform Bioengineering in NRW.

Im November 2015 ist er für seine Erfindung eines Laborherzens mit dem Vordenker-Preis im deutschen „Querdenker“-Wettbewerb ausgezeichnet worden. Es ist einer der wichtigsten deutschen Preise für herausragende Persönlichkeiten, und ein Querdenker ist Artmann auf jeden Fall.

An der TU Dresden hatte Artmann Physik studiert, für eine Promotion aber keinen Fuß in die Tür bekommen. „An der Fakultät waren ja 29 von 31 Professoren bei der Stasi.“ Er hatte mit 32 Jahren sechs Monate lang im Gefängnis gesessen – wegen Verweigerung des Waffendienstes. Also steckte man den begabten jungen Physiker ins Kalibergwerk, wo er in 1200 Meter Tiefe fünf Jahre lang Kabel verlegte.

1985 kommt Artmann in den Westen, ohne Doktortitel. Man hält ihn zunächst für einen Spion, es hagelt Verhöre, „blablabla und bliblablu“, erzählt der 65-Jährige, und ist noch heute empört: „Ich kam mit einer ehrenwerten Biografie, und die kommen mir mit so was.“

Als er beim Verhör den Bundesverfassungsschutz genervt als „westdeutsche Stasi“ bezeichnet, klärt ihn sein Gegenüber ganz ruhig auf. „Da habe ich zum ersten Mal die Bedeutung von Demokratie gespürt“, sagt Artmann. Frei sein, glücklich sein, so lautet der Artmannsche Lebensentwurf. Der Mann, der neben seiner Forschung ein äußerst kreativer Autor ist, hat das Primat der Freiheit so verinnerlicht, dass er es unbewusst in seinen Roman „Hàllo Ànn“ fließen ließ.

„Ich kann nicht, ich bin versprochen“ – mit diesen Worten widersteht im Buch ein junger Mann der erotischen Verführung. „Ein Wahnsinnssatz“, befindet Artmann mit der ihm eigenen Leidenschaft, im Nachhinein sieht er in diesem Satz sein Leben verewigt – immer getreu dem Motto: „Ich mach’s nicht. Ihr könnt machen, was ihr wollt, ich mach’s nicht.“

Auf seinen Widerspruchsgeist ist Artmann stolz, zumal er bei vielen Ostdeutschen bedauerlicherweise inzwischen eine andere Haltung feststellen muss. Artmann glaubt, dass sie einfach vergessen hätten, was es bedeutet, die Freiheit geschenkt zu bekommen. Für nichts! „Aber ich weiß ja, was das größtenteils für Mitläufer waren, und wenn jetzt dieselben Leute wieder bei ,Pegida‘ mitlaufen, dann krieg‘ ich Zustände.“

Aber auch die politische Haltung vieler Westdeutscher sieht Artmann kritisch: Sie seien nicht so liberal, wie es scheinen mag, meint er und wittert in der Bundesrepublik insgesamt eine tief liegende rechte Gesinnung. „Sie haben kein Gefühl dafür, dass alles wieder in Richtung Unfreiheit umkippen kann, dass wir das alles auch wieder verlieren können.“ Das sei momentan seine ganz große Sorge, er habe es ja erlebt.

Unfreiheit – damit kann und will einer wie Gerhard Artmann nicht leben. Also nimmt er sich Freiheiten, wo und wann immer es geht. Zum Beispiel in seinen Vorlesungen. Eine Artmann-Vorlesung, stellt der Physiker nicht ohne Eitelkeit fest, „ist richtig witzig“.

Da mutet der Professor seinen Studenten gerne Fragen zu, die gar nichts mit Physik zu tun haben, rutscht mal in die Literatur, zitiert einen Film. Doch die Studenten tun sich schwer mit der Freiheit, stellt Artmann fest. „Die wollen etwas Geradliniges, Geharktes, Gefurchtes.“Am Anfang fragen sie: „Was sollen wir denn für die Klausur lernen?“ Dann sagt Professor Artmann: „Hören Sie zu, beschäftigen Sie sich mit der Problematik, ich werde Sie ja nicht reinlegen.“ Vertrauen haben, nur so kann sich freies Denken entfalten.

Bei aller Freiheit – Ernsthaftigkeit bei der Arbeit und das Ethos des Professors sind für Artmann ein zentrales Thema: „Ein Professor muss ein Beispiel sein, und er muss wissenschaftlich etwas leisten.“ Bei vielen Kollegen sei es mit beidem nicht so weit her, findet Artmann, weshalb er nicht überall im Forschungsbetrieb gut gelitten ist. Der Mann ist ein Unbequemer.

Die RWTH Aachen, an der er promovierte, ließ ihn ziehen. Ob die Hochschule das angesichts seiner international anerkannten Forschungen wohl bedauert hat? Nein, sagt Artmann, die haben mich gar nicht wahrgenommen, die nehmen mich bis heute nicht wahr. Er empfindet das zwar als kränkend, aber er sagt:

„Die RWTH ist wissenschaftlich für mich kein Vorbild, weil ich von denen kein einziges Forschungsergebnis kenne, das mich vom Hocker reißt. Die haben so viel Geld, da müsste mehr drin sein.“ Einer der Gründe dafür sei, dass an der RWTH keine Individualität gewünscht sei, solche Leute würden an der RWTH durchs Rost fallen. „Selbst Albert Einstein würde heute an der RWTH keine Stelle kriegen.“

Um seine eigene Professorenstelle hat sich Artmann seinerzeit am Telefon beworben. Telefonieren, das könne er neben Forschen am besten. „Ein Telefon, und ich bin dran, da kenne ich nichts.“ Dann habe er in seiner „grundfreien Art“ seinen Vortrag gehalten. Dies und der Preis für die damals beste deutschsprachige Doktorarbeit der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik (DGBMT) in 1989 waren die Eintrittskarte für die FH Aachen.

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