FH Aachen: Studierende beklagen extreme Belastung durch Klausuren

Von: Axel Borrenkott
Letzte Aktualisierung:
„Künstlich geschaffene extre
„Künstlich geschaffene extreme Belastungen”: Darin sehen Studenten an der FH Aachen eine „Hauptursache für den hohen Krankenstand während der Klausurphasen”. Echte Not und Dramatisierung dürften nahe beieinander liegen. Das Bild zeigt anscheinend nicht kranke Studenten einer anderen Hochschule in Klausur. Foto: dpa

Aachen. Akzeptieren Prüfungsämter der FH Aachen keine Atteste von Ärzten? Eben das sei „gängige Praxis”, behaupten Vertreter der Studenten. „Das trifft nicht zu”, stellt hingegen die Verwaltung der Hochschule fest. Was sich so konfrontativ anhört, lässt sich an der Oberfläche als Interpretationsproblem oder Missverständnis der Prüfungsordnung der FH auflösen.

Auf jeden Fall aber dokumentiert der Vorgang, dass das Thema Prüfungen, Stress, tatsächliche oder taktische Krankheit - und damit generell Studierfähigkeit im neuen Studiensystem in Aachen noch lange nicht erledigt ist.

Im Februar berichteten wir über das erstaunliche Phänomen, dass sich im vergangenen Jahr an der RWTH geschätzt 6000 Studenten (von insgesamt über 35.000) insgesamt 16.000 Mal einer Prüfung durch Attest entzogen haben, um eine schlechte Note zu verhindern. Als Grund wurde von den Studentenvertretern wie der Hochschule in erster Linie Überforderungen der ersten Semester mit den Studienbedingungen genannt.

Abmeldung per Attest

An der FH Aachen hatten sich absolut und prozentual zwar deutlich weniger per Attest kurzfristig von einer Prüfung abgemeldet, nämlich 1335 Studenten (von über 10.000) zusammen 1758 Mal. Das Studierendenparlament der FH nahm dies gleichwohl zum Anlass, in seiner Sitzung vom 21. März eine recht dramatisch klingende „Resolution der Studierendenschaft” zu verabschieden.

Anders als es aus der TH verlautete, gehen die FH-Vertreter offenbar davon aus, dass die Studenten, die sich dort per Attest von einer Prüfung abmelden, tatsächlich krank sind: „Der hohe Krankenstand während der Klausurphasen ist durch restriktive Maßnahmen gegenüber den Studierenden seitens der Hochschule nicht zu verringern. Psychologische Beratungsstellen, Vertrauensdozenten und auch Mediziner sehen die Hauptursachen in den durch die Klausuren künstlich geschaffenen körperlichen und psychischen extremen Belastungen in den Prüfungsphasen.”

Dieser Druck müsse durch „mehr Freiräume und Flexibilität im Prüfungs- und Benotungssystem verringert” werden, heißt es weiter, und: „Bei der jetzigen Situation sorgen wir uns um die Gesundheit der Studierenden, die trotz Krankheit an Prüfungen teilnehmen. Wir beobachten, dass Krankheiten zunehmend verschleppt werden und es vermehrt zu Fällen von Burn-Out kommt.” Vor diesem Hintergrund sehen die Studenten „die gängige Praxis der Prüfungsämter, Atteste von zugelassenen Medizinern nicht zu akzeptieren und eine Befundtatsache zu fordern, äußerst kritisch”.

Befund verlangt?

Ob das zutreffe, haben wir die Hochschule gefragt. Nach eingehender Prüfung - die FH hat insgesamt sieben Prüfungsämter - die Auskunft der Verwaltung: „Nein, das trifft nicht zu. Die Prüfungsämter kontrollieren lediglich, ob ein qualifiziertes Attest vorliegt. Darin muss keine Diagnose enthalten sein, sondern es muss auf die Auswirkung auf die Prüfungsfähigkeit geschlossen werden können.” Das Hochschulgesetz verlange nämlich den qualifizierten Nachweis der „krankheitsbedingten Prüfungsunfähigkeit”.

Laut § 64 des NRW-Hochschulgesetzes muss die Hochschule in ihren Prüfungsordnungen allerdings selbst festlegen, was als Nachweis gilt. Und da scheint es in der FH zumindest verschiedene Auffassungen oder Informationslücken darüber zu geben, was als „qualifizierter Nachweis der krankheitsbedingten Prüfungsunfähigkeit” zu verstehen ist. Nach Darstellung der Studentenvertreter wird der „Befund” des Arztes vom jeweiligen Prüfungsausschuss „bewertet”. Dieser, und nicht der Arzt, entscheide „über die Prüfungsunfähigkeit des betroffenen Studenten”.

Eben das aber, „dass ein Gremium der Hochschule einem Mediziner die Beurteilungskompetenz der Prüfungsfähigkeit aberkennt”, halte man für „hochgradig fragwürdig”, so die Studenten. „Wir fordern daher, dass die Erweiterung des Attests um die Befundtatsache aus der Rahmenprüfungsordnung sofort und ersatzlos gestrichen wird!”

Was sagt die Hochschule zu dieser Forderung? „Diese Forderung ist insofern falsch formuliert, da es sich lediglich um eine Bescheinigung der Prüfungsunfähigkeit handelt.” Da haben also die Studenten beziehungsweise deren gewählte Vertreter, soll das wohl heißen, einfach etwas missverstanden. Auf die nächste Frage, ob man die Ansicht der Studenten teile, dass es sich bei den attestierten um tatsächliche Erkrankungen handelt und nicht um ein Mittel zur Vertagung von Prüfungen, meint diese: „Keine Aussage möglich.”

Nicht Ärzten überlassen

Kommt es denn an der FH „vermehrt zu Fällen von Burn-Out”? Antwort: „Der medizinisch fragwürdige Krankheitsbegriff Burn-Out beschreibt in der Regel eine Fülle unterschiedlicher Erkrankungen. Zahlreiche Publikationen legen nahe, dass nicht zuletzt stressbedingte psychische Erkrankungen zunehmen.” Die FH Aachen habe „mit der Einrichtung der psychosozialen Beratung darauf reagiert, indem sie zwei Diplom-Psychologinnen eingestellt hat und zudem mit der RWTH kooperiert, um ein entsprechendes Beratungsangebot bereitstellen zu können.”

Dass die Studenten „an einem erfolgreichen Fortkommen im Studium interessiert” sind, hatten ihre Vertreter zu Beginn der Resolution kategorisch festgestellt. Die Erkrankung in einer Prüfungsphase aber wirke sich „aufgrund des inflexiblen Systems meistens studienverlängernd aus”.

Auch wenn man einiges dramatische Lamento der Jungparlamentarier in Rechnung stellt: Was man tatsächlich krank nennen muss oder eher eine taktische Flucht in die Krankheit, das endet letztlich in der Frage, ob ein erheblicher Teil von Studenten und das Studiensystem (noch) nicht zueinander passen. Und diese Antwort kann man sicherlich nicht den Ärzten überlassen, wie es der für die Lehre zuständige Prorektor der RWTH, Aloys Krieg, angesichts der dortigen Attestschwemme formulierte.

Nicht gut vorbereitet

„Ein größer werdender Teil der Studenten kommt nicht gut vorbereitet zu uns”, stellte schließlich vor kurzem auch sein Kollege an der FH, Helmut Jakobs, ausdrücklich fest. „Anpassen”, ergänzte der dortige Leiter der Hochschuldidaktik, Michael Heger, müssten sich aber nicht nur die Studierenden, „sondern auch die Hochschule”.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert