Fataler Fehler: Behörden schätzen Sextäter falsch ein

Von: Stephan Mohne und Oliver Schmetz
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Aachen/Münster. Sein erstes Verbrechen verübte er 1964 in Cuxhaven, da war er Anfang 20. Verurteilt wurde er damals wegen „Notzucht”, sein Opfer war gerade 17 Jahre alt.

Sein letztes Verbrechen beging er mutmaßlich in den letzten Tagen und Wochen im Kreis Steinfurt: Weil er ein fünfjähriges Mädchen sexuell missbraucht haben soll, wurde der heute 69-jährige Klaus-Dieter H. am Donnerstag im Raum Münster festgenommen.

Nur ein gutes halbes Jahr vorher war er aus der Justizvollzugsanstalt Aachen entlassen worden, weil er mit seiner Klage gegen die nachträglich gegen ihn verhängte Sicherungsverwahrung vor dem Bundesgerichtshof Erfolg hatte. Dabei hätten ihn die hiesigen Richter gerne weiter unter Verschluss behalten - weil man dem Mann trotz seines fortgeschrittenen Alters und seiner angeschlagenen Gesundheit nach wie vor eine „hohe Gefährlichkeit” attestierte. Zu diesem Schluss kamen nach AZ-Informationen vor dem Aachener Schwurgericht unabhängig voneinander zwei Gutachter.

Sie stellten demnach bei dem Sexualtäter eine Psychostörung fest, die auf einer organischen Erkrankung des Gehirns beruhe. Dadurch seien seine Hemmschwellen weiter gesenkt und seine Steuerungs- und Kontrollfähigkeiten beeinträchtigt. Diese Schädigung sei erst während der Haft eingetreten, urteilten die Gutachter - und darin sahen die Aachener Richter wohl die juristischen Voraussetzungen für die nachträgliche Sicherungsverwahrung.

Alarm hatte zuvor bereits die JVA Bielefeld geschlagen, wo der Mann bis Anfang Februar dieses Jahres eine 14-jährige Haftstrafe wegen versuchten Mordes und sexuellen Missbrauchs verbüßte. Er verweigere sich Therapieversuchen und sei hochimpulsiv, empfahl die dortige Gefängnisleitung eine erneute Begutachtung des Mannes vor seiner Freilassung.

Dass dafür das Aachener Schwurgericht zuständig war, liegt daran, dass Klaus-Dieter H. vor mehr als 15 Jahren seine wohl abscheulichste Tat in der hiesigen Region verübte. Am 13. März 1995 lockte er ein sechsjähriges Mädchen in Nörvenich in einen Wald, missbrauchte es und würgte es anschließend bis zur Bewusstlosigkeit. Dass das Kind überlebte, ist nur Zufällen zu verdanken. Es litt zur Tatzeit an einer Grippe, das Fieber schützte es vor Unterkühlung, ehe ein Jogger es am nächsten Morgen entdeckte, wie es seinerzeit im Prozess vor dem Aachener Landgericht hieß.

Klaus-Dieter H. bestritt die Tat trotz erdrückender Indizien und beschuldigte sogar die Polizei der Manipulation. 14 Vorstrafen hatte der Mann damals schon auf dem Kerbholz, neben Diebstahl, Körperverletzung und schwerem Raub auch fünf einschlägige Verurteilungen, davon vier wegen Kindesmissbrauchs. Dennoch folgte die Kammer damals nicht dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf lebenslange Haft, wenn auch diese Entscheidung, wie es damals in unserer Zeitung hieß, „nur unter erheblichen Bedenken” getroffen wurde. Eine Sicherungsverwahrung nach der Haft wurde - trotz der einschlägigen Vorstrafen - ebenfalls nicht verhängt.

Ähnliche Bauchschmerzen haben nun offenbar die Behörden im Raum Münster, wo sich H. kurz nach der Freilassung erneut an einem Kind vergriff. Die gemeinsame Presseerklärung von Staatsanwaltschaft, Führungsaufsichtsstelle und Kreispolizeibehörde liest sich wie eine Entschuldigung dafür, dass so etwas wieder passieren konnte. Trotz der Vorgeschichte, trotz der Aachener Gutachten hielt man H. für „kooperativ und unauffällig”, bewertete sein Rückfallrisiko „einvernehmlich” als „geringer”. So hielt man es auch nicht für nötig, das nähere Umfeld über den neuen Nachbarn zu informieren.

Wohl ein fataler Fehler: Das jüngste Opfer des Klaus-Dieter H., das fünfjährige Mädchen, wohnt im gleichen Haus und besuchte regelmäßig die Lebensgefährtin des 69-Jährigen. Dieser soll das Mädchen mehrfach „unsittlich berührt” und zu sexuellen Handlungen aufgefordert haben. Die Behörden halten es aber offenbar für nötig, noch anzufügen: „Die intensive Anhörung der fünfjährigen am 7. Dezember ergab keine Anhaltspunkte, dass es zu massiveren sexuellen Handlungen gekommen ist.”
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