Fast zehn Jahre: Kinderuni feiert 75. Ausgabe

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Hauptsache spielerisch und mit viel Spaß: Mit 390 Kinderuni-Projekten weltweit werden nach Angaben des europäischen Netzwerks der Kinderuniversitäten inzwischen jedes Jahr 500.000 Kinder erreicht. Foto: Harald Krömer

Aachen/Wien. Die Kinderuni der RWTH Aachen und unserer Zeitung gibt es nun schon seit fast zehn Jahren. Am Freitag feiern wir die 75. Ausgabe. Projekte mit einer solchen Kontinuität prägten die Geschichte der Kinderunis vor allem in Deutschland, sagt Karoline Iber, Präsidentin des europäischen Netzwerks der Kinderuniversitäten mit Sitz in Wien.

Im Gespräch mit unserer Redakteurin Claudia Schweda berichtet sie, wie sehr auch die Hochschulen von diesem Angebot profitieren.

Gibt es wissenschaftliche Studien zur Wirkung und zum Sinn von Kinderunis?

Iber: Es ist ein immer noch relativ unerforschtes Feld. Aber die Forschung beginnt zunehmend. Es gibt inzwischen erste Studien etwa zur Wirkung auf die Leistungen der Forscher. Aber was es noch nicht gibt, sind Langzeitanalysen. Wir sammeln im Netzwerk zwar Informationen, können aber nur exemplarisch draufschauen.

Was weiß man denn?

Iber: Durch das Netzwerk wissen wir, wie viele Aktivitäten in dem Bereich es eigentlich gibt. Das ist eine nicht so triviale Aufgabe, wie es klingt. Denn manches heißt Kinderuni, ist aber keine. Und manches heißt nicht Kinderuni, ist unserer Interpretation nach aber eine.

Wie definieren Sie Kinderuni?

Iber: Wir haben im Europäischen Netzwerk eine Definition in einer Charta festgeschrieben. Sehr verkürzt sind die Kernpunkte, die eine Kinderuni erfüllen muss: Sie muss freiwillig und nicht kommerziell sein, sie muss mit Universität verbunden und – ganz wichtig – offen für alle sein. Es geht darum, Kindern Spielräume in der Bildung aufzuzeigen, die sie haben.

Und Kinderuni muss nicht immer direkt an der Uni stattfinden. Was uns aber wichtig ist, dass es einen realen Zusammenhang zur Uni gibt. Also dass reale Studierende oder Wissenschaftler dort agieren. Es geht uns sehr um den Begegnungs-Charakter.

Eine Definition, die vieles möglich macht.

Iber: Kinderunis sind sehr, sehr unterschiedlich. Die Bandbreite ist riesig. Manche bieten einmal im Jahr mehrere Vorlesungen geballt, viele Kinderunis bestehen aus regelmäßigen Vorlesungen – so wie bei Ihnen. In diesen Angeboten steckt viel Kontinuität.

Einige haben teilweise andere Konzepte entwickelt. Wir in Wien etwa machen im Sommer zwei Wochen Kinderuni, wo wir Kinder einladen, an die sieben Universitäten der Stadt zu 500 Lehrveranstaltungen – Workshops, Seminare und Vorlesungen – zu kommen. Damit erreichen wir 4500 Kinder. 650 Wissenschaftler sind daran beteiligt. Und im August gehen wir raus und bringen die Kinderuni in Wiener Parks und in den ländlichen Raum. Dann erreichen wir noch einmal um die 2000 Kinder.

Gehört eine Kinderuni heute zum guten Ton für eine große Uni?

Iber: Na ja, es hat schon eine große Welle gegeben, wo alle dabei sein wollten – in Deutschland ganz eindeutig ausgelöst durch Tübingen Anfang des Jahrtausends. Aber es wäre eine Modewelle geblieben, wenn es nur der gute Ton gewesen wäre. Was die Universitäten langsam trotz fehlender Forschung realisieren ist, dass die Projekte sehr, sehr viel bringen. Und das geht weit über PR-Arbeit hinaus.

Was ist dieses „sehr, sehr viel“?

Iber: Viele Universitäten haben Kinderunis aus den Abteilungen der Öffentlichkeitsarbeit heraus begonnen. Nun merken sie, dass das zu kurz gegriffen ist. Es ist eben nicht nur ein PR-Event. Es öffnet Universität. Die Europäische Kommission hat die Formulierung gewählt im Zusammenhang mit unserem Netzwerk, dass Kinderuni die radikalste Form ist, um Universitäten für die Öffentlichkeit zu öffnen. Nichts macht die Durchlässigkeit von Universität zur Gesellschaft so deutlich sichtbar.

Wer profitiert wie?

Iber: Die Kinder haben vor allem Spaß. Die Wissenschaftler profitieren für ihre Lehre. Sie müssen sich darauf besinnen, was der Kern ihrer Forschung ist, sonst können sie es Kindern nicht vermitteln. Das ist sehr hilfreich.

Und sie genießen es, dass sie von dieser Begeisterung der Kinder angesteckt werden. Kinder haben aber auch ein unglaubliches Sensorium. Und sie sind einfach ein sehr kritisches Publikum. Sie hören ja auch nicht auf, Fragen zu stellen. Oder zeigen sehr, sehr deutlich: Das ist jetzt fad. Wir haben Rückmeldungen von Wissenschaftlern, dass sie ihre Lehre für die erwachsenen Studenten ändern.

Wie groß ist die Gefahr, dass manche Kinder viel zu früh in der Kinderuni-Vorlesung sitzen, weil es der Wunsch ihrer Eltern ist?

Iber: Die ist durchaus da. Und es ist ein Thema, das alle Kinderunis in Europa und darüber hinaus beschäftigt. Wir geben in unserem Netzwerk auch die Empfehlung, zu kleine Kinder nicht zuzulassen. Man nimmt ihnen ein Erlebnis, wenn sie schon an der Uni waren, bevor sie an die Schule kommen. Das Kind sollte zumindest ein Jahr in der Schule gewesen sein.

Mittlerweile kontrollieren wir sehr streng das Alter. Die problematische Gruppe sind die sogenannten Helikoptereltern, die das aller-, aller-, allerbeste für die Kinder wollen, dabei aber so viel für sie und von ihnen wollen, dass sie sie überfordern. Kinderunis sind ein prädestinierter Magnet für diese Familien.

Wie nehmen Sie für die Kinder den Druck raus?

Iber: Wir versuchen sehr, den Kindern zu vermitteln, dass alles freiwillig ist. Sie müssen nicht in eine Lehrveranstaltung gehen. Die wichtigste Regel an der Kinderuni Wien lautet: Prüfungen sind streng verboten. Auch die Antwort auf die Frage der Eltern am Abend „Was hast du denn heute gelernt?“ ist freiwillig, weil auch das eine Prüfung ist. Und die jungen Erwachsenen, die heute als Studenten an unsere Uni kommen und als Kinder bei der ersten Generation der Kinderuni waren, melden uns zurück, dass sie das Angebot als sehr spielerisch wahrgenommen haben.

Gibt es etwas, das im Zusammenhang mit Kinderuni umstritten ist?

Iber: Es gibt im Netzwerk eine Diskussion darüber, ob Eltern mit dabei sein dürfen oder nicht. Da gibt es Pros und Contras. Für Familienvorlesungen spricht, dass man gerade bei nicht-akademischen Eltern Hürden abbauen kann und muss. Und für diese Eltern ist es ein tolles Erlebnis, einmal an einer Uni zu sein. Dagegen spricht, dass die Kinder es genießen, wenn die Eltern nicht mit dabei sind und ihnen dieser Rahmen alleine gehört.

Wie sieht die perfekte Kinderuni aus?

Iber: Ein wirkliches Rezept dafür gibt es nicht. Es sind einfach verschiedene Modelle. Auf europäischer und außereuropäischer Ebene haben wir im Laufe der Jahre gelernt: Jede Stadt, jeder Ort, jede Universität darf auch ihr eigenes Konzept haben. Die perfekte Kinderuni gibt es nicht – und das macht auch die Kraft von Kinderuni aus. Die Kinderunis dürfen dem angepasst sein, was Rahmenbedingungen sind. Eine Kinderuni in einer Stadt wie Wien, die 1,8 Millionen Einwohner hat, kann und wird anders ausschauen als eine in einer Stadt wie Aachen mit 250 000 Einwohnern.

Es gibt kein einziges Problem?

Iber: Wir haben noch nicht herausgefunden, wo Kinderuni wirklich ein Problem sein sollte. Wobei: ein klein wenig schon. Unsere Studenten, die schon bei der Kinderuni waren, haben teilweise verklärte Bilder im Kopf. Diese Leichtigkeit, die eine Kinderuni hat, findet sich im realen Leben so nicht. Aber ich finde, das kann man in Kauf nehmen.

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