„Fast wie ein Vogel unter Vögeln“: Segelfliegen in Merzbrück

Von: Andrea Zuleger
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Einsatz verlangt: Drei Segelpiloten erzählen von ihrem Hobby. Julius Einhoff (stehend), Angelika Rebischke und Jürgen Jansen im Doppelsitzer. Fliegen können die drei an diesem regnerischen Tag nicht.
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Auf und davon: Ein Motorflugzeug schleppt den Segelflieger in die Luft.
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Abgehoben für die Welt: Kreisen über dem Aachner Land.
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Übersichtlich: Das Cockpit eines Segelflugzeuges hat deutlich weniger Technik als motorisierte Flieger. Es gibt Anzeigen für Flughöhe und -geschwindigkeit. Auch auf andere Flugzeuge im Luftraum wird hingewiesen.
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Dieser runde Knopf ist immer gelb: Wenn der Pilot durch das Schleppen eines Motorflugzeuges die richtige Flughöhe erreicht hat, zieht er daran und hängt sich damit vom Schleppseil ab. Ab da ist er auf Thermik angewiesen.
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Auch am Boden wird gearbeitet: Werkstattleiter Jürgen Jansen kümmert sich um die Technik. Er wartet, repariert und lackiert auch mal ein Flugzeug neu.

Region. Am Flugplatz Aachen-Merzbrück ist der Himmel ganz nah - beim Segelfliegen. Eine Pilotin, ein junger und ein erfahrener Pilot erzählen von ihren Erlebnissen in der dritten Dimension.

„Ein bisschen weiter schnauzwärts“, ruft Angelika Rebischke. Gemeinsam mit ihren beiden Segelfliegerkollegen Jürgen Jansen und Julius Einhoff lenkt sie vorsichtig das Flugzeug zurück in den Hangar. Der wirkt eher wie eine etwas größere Garage – und wenn man nicht genau gesehen hätte, dass dort vorher drei Segelflugzeuge und ein Motorschleppflugzeug ziemlich verschachtelt hineingepasst haben, man würde es nicht für möglich halten.

Auf dem Flughafen in Aachen-Merzbrück gehört der Hangar und noch ein Vereinsheim zum Luftsportverein Aachen, dem 1950 gegründeten und damit einem der ältesten Clubs in der Region. Noch ein paar Handgriffe, ein bisschen justieren, ein bisschen schnauzwärts schieben, dann haben die drei ihren Segler wieder an Ort und Stelle, und ohne einen Kratzer an den empfindlichen Tragflächen der Flugzeuge zu hinterlassen.

Alleine das ist schon eine kleine Kunst. Das machen sie nicht zum ersten Mal zusammen, soviel ist klar. Wenn man erst einmal mit dem Einsitzer in der Luft ist, ist der Flug eine ziemlich einsame Angelegenheit. Aber das ganze Drumherum nur im Team zu bewältigen. Wie bei vielen technisch aufwendigen Sportarten ist es auch beim Segelfliegen so, dass das Verhältnis zwischen Vorbereitung und Hauptsache nur etwas für ausgesprochene Geduldsmenschen ist. „Samstags komme ich meist so gegen neun Uhr morgens, abends gehe ich oft erst um zehn“, sagt Angelika Rebischke. Reine Flugzeit dabei: bei schlechter Thermik manchmal nicht mehr als 30 Minuten. Das muss Liebe sein.

Wann immer sie in den Monaten zwischen März und Oktober Zeit haben, findet man Angelika, Julius und Jürgen („Man duzt sich im Segelsport“, so der 21-jährige Julius) auf dem Flugplatz. Denn ein segelfreies Leben, das können sich alle drei nicht mehr vorstellen. Am wenigsten wahrscheinlich der 49-jährige Jürgen Jansen, der deutschlandweit an Wettbewerben teilnimmt (und so manchen gewonnen hat).

Er kann es sogar im Winter, wenn keine Saison ist, nicht lassen. Der Werkstattleiter geht dann zwar nicht in die Luft, sorgt aber am Boden dafür, dass die Flugzeuge und das ganze Material in Ordnung sind, dass kleine Ausbesserungen gemacht werden oder auch mal ein Flugzeug neu lackiert ist, wenn es im Frühjahr wieder los geht. Dann wird auch das gesamte Werkzeug noch mal auf Vollständigkeit überprüft.

„Sicherheit hat absolute Priorität bei diesem Hobby“, betont Angelika Rebischke, die als eine der wenigen Frauen in diesem Sport aktiv ist und schon ziemlich genau die Hälfte ihres 56-jährigen Lebens regelmäßig in der Luft ist. Die Faszination für den Sport ist bei ihr wie auch bei den anderen mit den Jahren immer größer geworden. „Dabei hat es bei mir mit einem Zufall angefangen. Als ich 28 Jahre alt war, bin ich mal mit meinem Freund auf den Flugplatz gekommen und – ohne viel Ahnung zu haben – mitgeflogen. Von da an wollte ich auch den Pilotenschein machen“, sagt sie.

Ihrem ersten Flug ohne Fluglehrer mit im Cockpit habe sie entgegengefiebert, weiß sie noch wie heute. Nur sie, der Flieger und der Himmel, das sei ein Gefühl, das mit nichts zu vergleichen sei: „Reinhard Mey hat das eigentlich in seinem ‚Über den Wolken‘ sehr treffend beschrieben“, sagt Angelika Rebischke. „Mit dem einzigen Unterschied, dass man nicht über den Wolken fliegt, sondern darunter“, lacht Jürgen Jansen.

Er hat bereits eine mehr als 30-jährige Flugerfahrung hinter sich. Und die passive Erfahrung reicht noch weiter zurück. Schon als kleiner Junge konnte er seinen Vater beim Segelfliegen beobachten. In der Eifel hatte die Familie einen Wohnwagen auf einem Campingplatz in der Nähe des Segelflugvereins. „Wir haben jede frei Minute, jedes Wochenende und jede Ferien dort verbracht, und so bin ich auch zu dem Sport gekommen“, sagt Jürgen Jansen.

Heute sei das mit den nachfolgenden Generationen nicht mehr so selbstverständlich. Seine eigenen drei Kinder haben keine Ambitionen zu dem Sport in der dritten Dimension, wie es Segelflieger nennen. „Heute sind die Freizeitmöglichkeiten so vielfältig, da suchen die Kinder sich viel selbstständiger ihre Hobbys aus“, erzählt Jürgen Jansen.

Bei Julius war es fast umgekehrt. Hier hat nicht der Vater den Sohn, sondern der Sohn den Vater von dem Sport überzeugt. Der damals 15-Jährige wollte unbedingt Segelfliegen lernen, und so ging der Vater auch in den Verein. Das Segelfliegen ist sein Sport, ist sich der 22-Jährige sicher. Nicht nur wegen der schönen Momente in der Luft, sondern auch wegen des Vereinslebens, „bei dem total unterschiedliche Menschen und Generationen zusammenkommen“.

Bis Julius das Fliegen wirklich genießen konnte, dauerte es allerdings eine Zeit. Ihm machte zunächst Übelkeit schwer zu schaffen.

Trotzdem blieb er dabei. Das Freiheitserlebnis war größer als sein Bauchgefühl. Inzwischen hat sich auch sein Körper längst an die besonderen Bewegungen in der Luft, an plötzliche Fall- und Aufwinde, gewöhnt. Bis zu dem Beginn seines Studiums war er Jugendleiter im Verein und organisierte auch die jährlichen integrativen Feriencamps für Kinder in den Sommerferien.

Am Boden ist er ein absoluter Teamgeist, zum Einzelkämpfer wird er nur, wenn er mit dem kleinen Einsitzer, der LS1, in der Luft ist. Denn dann ist jeder Pilot auf sich allein gestellt und muss seine Entscheidungen mit sich ausmachen – per Funk ist er natürlich in Kontakt. „Wenn die Thermik nicht ausreicht, um wieder zum Flugplatz zurückzukommen, muss man sich ein Feld suchen, auf dem man landen kann“, sagt Jürgen Jansen. Das sind Situationen, in denen die Piloten sehr rational überlegen müssen, da sie genau wissen, welche fatalen Folgen ein kleiner Fehler haben kann.

„Manche Fehler kann man nicht korrigieren“, sagt Jansen. Auf diese Situationen werden bereits die Flugschüler vorbereitet. Ein junger Pilot wie Julius Einhoff hat diese Situationen schon so oft mental durchgespielt und praktisch geübt, dass er sicher ist, die Sache im Zweifelsfall zu beherrschen. Dazu muss man natürlich nicht nur die Aerodynamik beherrschen, sondern auch die Größenverhältnisse in den verschiedene Flughöhen richtig einschätzen können, damit ein riesig geglaubter Acker sich nicht zu spät als Vorgarten herausstellt.

„Das Wichtigste ist immer, einen Plan B zu haben“, sagt Julius Einhoff. Schon bevor man sich zum Beispiel für einen Acker entscheidet, muss der Pilot wissen, was er macht, wenn sich beim Umfliegen des Feldes herausstellt, dass der Plan nicht funktionieren kann. Dieses Antizipieren des nächsten Schrittes ist fast die wichtigste Fähigkeit beim Fliegen.

Doch wenn oben alles gut läuft, sei es ein unvergleichliches Gefühl, sind sich alle drei einig. Schwebend und erhaben in einem guten Abstand zur Erde ließe das Fliegen einen alles vergessen, was unten so wichtig erscheine. Besonders bei langen, manchmal mehrere Stunden dauernden Flügen passiere es, dass einen oben Vögel begleiteten. „Im Berliner Umland konnte ich einen Milan und Störche eine Zeit lang beobachten“, erzählt Angelika Rebischke, „da fühlt man sich fast wie ein Vogel unter Vögeln.“ Ihr Hobby begleitet sie eigentlich ständig, egal, wo sie gerade ist: „Ich kann nicht aus dem Fenster gucken, ohne die Wolken zu beobachten.“

Denn ihre Formationen geben Aufschluss darüber, wo Thermik herrscht – also ein Aufwind, der im Zusammenspiel durch Luft und Sonneneinstrahlung entsteht und je nach Landschaft und Wetterlage sehr unterschiedlich ausfällt. Segelflieger sind permanent auf der Suche nach Thermik, weil sie nur bei geschickter Ausnutzung der Aufwinde lange in der Luft bleiben können.

Und wenn sie dann – mal nach 30 Minuten, mal nach zehn Stunden wieder den Boden in Merzbrück berühren – dann sagen sie manchmal seltsame Sätze wie „Ich hatte heute ’nen Bart mit drei“. Das ist Segelfliegerlatein, und es geht dabei nicht um Gesichtsbehaarung, sondern um Geschwindigkeit. Segelpiloten schätzen die Aufwinde in Bart. Ein Bart mit drei bedeutet einen Aufwind von drei Meter pro Sekunde. Immer schön kreisend in die Thermik hinein. Für Segelflieger eine Begegnung mit der dritten Dimension.

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