Region - Fashionclash: Verwirrendes Spiel mit den Geschlechtern

Fashionclash: Verwirrendes Spiel mit den Geschlechtern

Von: Andrea Zuleger
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Bei ihnen geht es um mehr als um Schönheit: Branko Popovic, Nawie Kuiper und Laurens Hamacher (von links) sind die Organisatoren des Fashionclash-Festivals. Foto: Harald Krömer
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Bei ihnen geht es um mehr als um Schönheit: Branko Popovic und Laurens Hamacher (von links) sind die Organisatoren des Fashionclash-Festivals. Foto: Harald Krömer
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Spiel mit den Geschlechtsmerkmalen: Lonneke van der Palens Fotografie zeigt ein jungenhaftes Modell und das Spiel mit Schaumstoff-Paketen, die an den Körper angeheftet werden können. Foto: Lisa Schamlé
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Verhüllendes Suchspiel: Die Studentin der Theater-Akademie Maastricht Lisa Schamlé beschäftigt sich mit Frauenrollen im Islam. Foto: Lisa Schamlé
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Kaum mehr Mode: Die belgische Designerin Sofie van Aelbroeck zeigt ihre Arbeiten, in denen sie Menschen zu textilen Kunstobjekten macht. Foto: Sofie van Aelbroeck
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Planung der Shows. Die Pinnwand zeigt die teilnehmenden Models nach Männern und Frauen eingeteilt.
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Zeichnungen der polnischen Designerin und Illustratorin Karolina Siarkowicz: Sie hat Menschen zu ihren Vorstellungen von „Gender“ befragt und danach ihre Zeichnungen gefertigt. Die sind in der alten Fabrik zu sehen. Foto: Karolina Siarkowicz
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Zeichnungen der polnischen Designerin und Illustratorin Karolina Siarkowicz: Sie hat Menschen zu ihren Vorstellungen von „Gender“ befragt und danach ihre Zeichnungen gefertigt. Die sind in der alten Fabrik zu sehen. Foto: Karolina Siarkowicz
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Was ist weiblich? Was ist männlich?: Der niederländische Designer Matthijs Holland hat sich in der Geschichte nach Vorbildern umgeschaut und ist dabei auf die Roben von Päpsten, Pharaonen und Königen gestoßen. Foto: Matthijs Holland
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Was ist weiblich? Was ist männlich?: Der niederländische Designer Matthijs Holland hat sich in der Geschichte nach Vorbildern umgeschaut und ist dabei auf die Roben von Päpsten, Pharaonen und Königen gestoßen. Foto: Matthijs Holland
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Was ist weiblich? Was ist männlich?: Der niederländische Designer Matthijs Holland hat sich in der Geschichte nach Vorbildern umgeschaut und ist dabei auf die Roben von Päpsten, Pharaonen und Königen gestoßen. Foto: Matthijs Holland

Region. Ein Sixpack gefällig? Brüste? Oder überdimensionierte Schultern? Kleine und größere Pakete aus rosafarbenem Schaumstoff lassen sich festkletten wie zusätzliche Fleischpakete. Der jungenhafte Körper des Modells ist in einen hautfarbenen Body gekleidet, und an ihm lassen sich weibliche oder männliche Geschlechtsmerkmale anheften oder abnehmen, ganz nach Wunsch.

Die Design-Idee der niederländischen Fotografin Lonneke van der Palen ist das Titelbild des siebten Fashionclash-Festivals in Maastricht, jenem verrückten Modefestival, das nächste Woche wieder für ein paar Tage die ganze Stadt auf den Kopf stellt. Das Titelbild spiegelt wider, womit sich die rund 150 teilnehmenden jungen Designern aus 30 Ländern beschäftigt haben.

Da laufen Models mit gigantischen Stoffmützen wie Lampen herum, da tragen Männer lange in Streifen geschnittene Gewänder und hohe Holzpantoffeln, Frauen sind in überdimensionierten Filzanzügen zu sehen, die außen eher eine männliche Silhouette abbilden. Flippig, verspielt, kreativ, ungewöhnlich, ästhetisch, aber fast immer untragbar.

Dass Fashionclash mit der Mode im konventionellen Sinn wenig zu tun hat, beweisen die Macher von Fashionclash auch wieder mit dieser Edition. Die Designer Laurens Hamacher, Nawie Kuiper und Branko Popovic legen viel Wert darauf, sich von der Oberflächlichkeit der Modeszene abzugrenzen, und setzen bewusst Themen, die unter die Haut gehen: „Shopping-Touren, Glamour und Mode, die gerade in ist, das ist wirklich nicht unser Ding“, sagt Laurens Hamacher.

Diesmal haben sie das Thema „Gender“, also „Geschlecht“, gewählt. „Zuerst habe ich gedacht, das Thema sei vielleicht schon ein wenig überholt“, sagt Laurens Hamacher, „aber uns ist schnell klar geworden, dass wir damit in den Niederlanden schon relativ weit sind, aber das ist noch lange nicht überall so.“

In Zeiten, in denen Vatikanmitarbeiter das Referendum zur Homo-Ehe in Irland als „Niederlage für die Menschheit“ bezeichnen, scheint Hamacher damit durchaus recht zu haben. Und Branko Popovic fügt hinzu, dass in manchen Ländern einzelne beteiligte Designer in den sozialen Netzwerken beleidigt und angegriffen wurden: „In Polen haben Leute sogar Morddrohungen gegen Designer gepostet“, fügt Branko Popovic hinzu.

Junge oder Mädchen?

Dabei wollen sie noch nicht mal bewusst provozieren: „Höchstens das Nachdenken“, sagt Branko. Denn kaum ein Thema bestimmt den Lebenslauf eines Menschen so sehr wie seine Geschlechtszugehörigkeit. Wird es ein Junge oder ein Mädchen? So lautet die erste Frage an eine werdende Mutter. „Ist das Kind dann da, werden ihm rosa oder hellblaue Dinge geschenkt“, sagt Popovic.

Dabei war diese Farbfestlegung nicht immer so. Bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein war das Himmelblau die weibliche Farbe, weil man sie der christlichen Tradition zufolge Maria zuordnete, das Rosa, sozusagen das „kleine Rot“, war die Farbe der Jungen. Rot als Farbe des Blutes galt männlich, weil es Assoziationen an Kampf und Eros hervorrief.

Diese Festlegungen aufzubrechen, sie in Frage zu stellen, mit ihnen zu spielen, das wollen die Fashionclash-Macher erreichen: „Wir werden vom Beginn unseres Lebens an in diese Geschlechterschubladen gesteckt. Wir wollen sie nicht abschaffen, aber auf sie aufmerksam machen. Warum sollte nicht jeder tragen können, was er möchte“, fragt Branko Popovic.

Das Spielerische ist den Entwürfen anzusehen. Sie sollen nicht tragbar sein, sondern irritieren, auch wenn natürlich nicht alles so auffällig ist wie der Entwurf der Schaumstoffkörperteile oder die Gebilde der belgischen Designerin Sofie van Aelbroeck, bei der die Geschlechtszuordnung der Träger schon allein deshalb unmöglich wird, weil der Mensch fast ganz in wabenartige Anzüge eingehüllt ist.

Der niederländische Designer Matthijs Holland zeigt Fotografien, in denen er sich mit historischen Figuren beschäftigt, die optisch schon die Grenzen zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit durchbrochen haben: Die nachgestellten Selbstporträts als ägyptische Königin, als Papst oder als Henri III. zeigen, wie sehr sich die Zuordnung von weiblichen und männlichen Attributen im Lauf der Geschichte gewandelt hat.

Verwandlung ist auch ein Thema bei Fashionclash: „Überall muss man sein Geschlecht angeben, sogar wenn man einfach ein Flugticket bucht. Dabei hat man die Wahl zwischen männlich und weiblich. Alles andere wird ausgeklammert“, sagt Branko Popovic. Dabei seien es immerhin vier Prozent der Menschen, die sich mit den beiden Kategorien männlich/weiblich nur unzureichend identifizieren könnten: „Bei der britischen Facebook-Seite kann man inzwischen zwischen 58 Geschlechtern wählen. Da kann man von bisexuell über transgender und neutral bis zu transsexuell alles ankreuzen“, sagt Branko Popovic.

Gerade das Thema „Transgender“, also von Menschen, die sich im falschen Geschlecht geboren fühlen, wird auch bei einem Projekt von Fashionclash eine Rolle spielen. Es bezieht sich dabei auf ein Buch der niederländischen Fotografin Sarah Wong, die 2012 einen Bildband über niederländische Kinder und Jugendliche veröffentlicht hat, deren biologisches Geschlecht nicht ihrem gefühlten Geschlecht entsprach. Sie schauen in dem Buch („Inside Out: Portraits of Cross-gender Children“) durchaus selbstbewusst in die Kamera.

„Das hat uns sehr berührt, und wir planen ein Tanzprojekt mit Kindern und Jugendlichen, das in diesem Jahr beginnen soll und dann in den kommenden Jahren weitergeführt werden soll“, erklärt Branko Popovic. Genaueres kann er dazu noch nicht sagen, weil man nicht genau wisse, wie sich das Projekt entwickle: „Es sind teilweise noch junge Menschen, man muss erst sehen, ob sie sich überhaupt so öffnen möchten, dass sie schon mit dem Thema an die Öffentlichkeit gehen wollen“, ergänzt Laurens Hamacher.

Die niederländische Designerin Nina Willems ist in diesem Jahr bereits zum dritten Mal mit ihrem Projekt „Verweven – Verweben“ bei Fashionclash dabei. Es begann vor ein paar Jahren damit, dass sie auf der Straße Menschen auf ihre Kleidung ansprach und diese bat, ihren Kleiderschrank zu öffnen, um zu sehen, wie Kleidung und Persönlichkeit sich gegenseitig beeinflussen. Anschließend haben verschiedene Designer für diese Menschen ein eigenes Outfit kreiert, das ihnen sozusagen auf den Leib geschneidert sein sollte. In diesem Jahr hat Nina Willems drei Menschen und ihre Mode porträtiert, die mit ihren Geschlechterrollen spielen.

Um das Verwirren von Sehgewohnheiten, um das Spiel mit den Geschlechterrollen wird es auch bei den Shows gehen, die traditionell in der Maastrichter Decorfabriek (siehe Box) gezeigt werden. Zum Thema „Gender“ werden die weiblichen Models die männlichen Entwürfe zeigen, die männlichen Models die Kleider tragen.

Es wird also so einiges auf den Kopf gestellt bei Fashionclash. Aber nicht alles. Zum Beispiel bleibt die ordentliche Beschriftung der stillen Örtchen auch in den frei denkenden Niederlanden unantastbar. Wenn Laurens Hamacher an ein Telefonat mit der Stadtverwaltung denkt, muss er jetzt noch lachen.

Die Fashionclash-Veranstalter hatten die „revolutionäre Idee“, die Türen der Toiletten in der Mosafabrik während der vier Tage des Festivals Fashionclash mit Unisex-Schildchen zu versehen. „Den Besuchern sollte bewusst werden, wie wichtig die Geschlechter-Kategorien schon bei den Kleinigkeiten im Alltag sind“, erklärt Branko Popovic. Aber aus der Idee wurde nichts, denn Gesetz sei Gesetz, auch in den Niederlanden: „Wir sind dazu verpflichtet, die Toiletten ordnungsgemäß nach Frauen und Männern zu trennen“, sagt Laurens Hamacher mit einem Lächeln.

Die Vielfalt feiern

Bei genauerer Überlegung ist das aber fast noch besser. Denn an den vier Festivaltagen wird es Männer in Frauenkleidern und Frauen in Männerkleidern geben. Es wird Menschen geben, die sich durch ihre Kleidung betont androgyn zeigen, und es wird Kleidungsstücke geben, die die Geschlechtszugehörigkeit des Trägers gar nicht zu erkennen geben.

Welche Toiletten diese Menschen dann aufsuchen, ist dann wahrscheinlich Interpretationssache. „Aber genau um dieses Spiel geht es ja, wir wollen ja keine Kategorien abschaffen, sondern vor allem die Vielfalt feiern. Eigentlich müsste es in unserer Gesellschaft doch möglich sein, dass man die Kleidungsstücke anzieht, die zur eigenen Persönlichkeit passen, ganz gleich, ob sie ursprünglich mal für Männer oder Frauen gemacht wurden“, sagt Branko Popovic.

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