Falsche Behandlung kann teuer werden

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen. Operative Eingriffe, falsche Medikationen oder Diagnosen können bei Patienten manches Mal böse Komplikationen nach sich ziehen und das Leben der Betroffenen schlagartig verändern.

Dann stellt sich die Frage: War das sogenannter Ärztepfusch oder hat ein schicksalhaftes Zusammentreffen unglücklicher Umstände so schlimme Folgen gehabt, dass Behinderungen zurückbleiben oder gar der Tod eines Patienten eintritt.

Bei der 11. Zivilkammer am Aachener Landgericht (Vorsitz Richter Heinz-Dieter Carduck) laufen jährlich rund 150 solcher Fälle auf, sie summieren sich mit etwa 100 weiteren, die die Spezialkammer für „Arzthaftungssachen” regelmäßig noch aus den Vorjahren zu entscheiden hat, zu rund 250 Fällen, die dort anhängig sind.

Das Gericht ist auf solche meist vielschichtigen Fälle spezialisiert und stützt ihre Entscheidungen überwiegend auf medizinische Fachgutachter. Die Kammer arbeitet dabei im Zivilrecht und kann keine Strafen verhängen. Doch es geht hier um horrende Folgekosten sowie um Schmerzensgeld für die Falschbehandlungen. Und das kann auch in Deutschland sehr teuer werden.

Für den Vorsitzenden Richter Carduck ist etwa der Fall eines heute elfjährigen Jungen berichtenswert, dem im vergangenen Jahr die erkleckliche Summe von 700.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen wurde. Der Fall, der sich in einem Krankenhaus der Region abspielte, trug sich zu, als das Kind zweieinhalb Jahre alt war.

Das Kind zeigte damals Symptome wie Durchfall, Fieber und Erbrechen. Es wurde jedoch zunächst zehn Tage lang ambulant behandelt, bevor es stationär ins Krankenhaus aufgenommen wurde. Die dann, es sei vorausgeschickt, zu späte Diagnose lautete auf „tuberkulöse Meningitis”, das heißt eine Hirnhautentzündung verursacht durch ein Tuberkelbakterium.

Der Junge überlebte, ist laut Akten heute jedoch auf dem Stand eines „drei bis vier Monate alten Kindes”, wie der Richter zitierte. Er bedarf äußerst intensiver Pflege, das Kind wird mittels einer Magensonde ernährt, die Atmung ist dauerhaft gestört. Hier waren die Richter der Meinung, dass die behandelnden Ärzte einfach zu lange abgewartet hatten. Die Einrichtung wurde zur Zahlung von Schmerzensgeld plus der Übernahme von Behandlungskosten verurteilt.

Zunächst waren die Eltern davon ausgegangen, dass sie den schweren Schicksalsschlag einfach hinnehmen mussten. Bei einer Delfintherapie kamen sie mit Eltern in Kontakt, die sie anregten, die ganze Sache doch gerichtlich überprüfen zu lassen. Das könne, erläuterte der Richter, jedermann tun, ohne zuvor eine Gutachterkommission einzuschalten.

Bekommt man Recht, muss die Gegenseite die Kosten zahlen, die Beweispflicht liegt allerdings völlig beim Kläger. Nach Sachgebieten aufgelistet gehe es in den Prozessen häufig um fatale Folgen bei der Geburtshilfe, aber auch um unsachgemäße Behandlungen von Bandscheibenvorfällen oder um anscheinend nicht fachgerecht angepassten Zahnersatz. Knapp 50 Prozent der Fälle seien zumindest teilweise erfolgreich, berichtet Carduck, bis zu 15 Prozent bekommen überwiegend bis vollständig Recht.

Bei einem weiteren Fall der Kammer bekam ein Herzpatient Ende 40 Recht, der durch eine Klappenoperation nicht geheilt, sondern zusätzlich geschädigt wurde. Der Operateur nähte bei dem endoskopischen Eingriff nicht nur die neue Herzklappe an, er erwischte eine Arterie und nähte sie versehentlich zu, Ergebnis Herzinfarkt.

Weil er nicht genügend über die Alternative eines konventionellen Eingriffs durch eine Brust-OP aufgeklärt worden sei, sprach ihm die Kammer ­450.000 Euro Schmerzensgeld und einen monatlichen Verdienstausfall von 4000 Euro zu.
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