Freizeittipps

Fahndung über Twitter: Rainer Seiffert sucht betrunkenen Raser

Von: Marco Rose
Letzte Aktualisierung:
Ihm geht es nicht um Rache, sa
Ihm geht es nicht um Rache, sagt er: Rainer Seiffert, Vater des in Mönchengladbach getöteten Aachener Radfahrers, klagt an. Sein Sohn Bernd wurde das Opfer eines betrunkenen Foto: Marco Rose

Aachen/Mönchengladbach. Es ist eine kalte Nacht Ende April 2010, als Bernd Seiffert mit dem Tod ringt. Schwer verletzt liegt der junge Mann am Rand einer Landstraße nahe Mönchengladbach. Die Ziffern seiner Uhr zeigen 0.43 Uhr, und jede weitere Minute zählt.

Der 27-Jährige hat schwere innere Verletzungen, die Milz ist gerissen. Seine Schmerzen sind unvorstellbar.

Eben noch ist er mit seinem Fahrrad durch die Frühlingsnacht gefahren, als ihn ein Transporter mit hoher Geschwindigkeit überholt, erfasst und mit voller Wucht gegen einen Betonpoller schleudert. Dem Fahrer des Transporters ist das nicht entgangen. Er fährt weiter. Einfach so, als wäre nichts gewesen. Dann gibt er Gas. Er flieht, fährt später auf die Autobahn, um seine Spuren zu verwischen. Sein Opfer lässt er hilflos liegen.

Seiffert ist noch bei Bewusstsein. Er winkt, mit letzter Kraft, um andere Autofahrer auf sich aufmerksam zu machen. Minute um Minute verstreicht, bis endlich ein Wagen hält. Die Beifahrerin hat ihn am Straßenrand gesehen, wie sie später zu Protokoll geben wird. „Muss ich sterben?”, fragt er seine Helfer; diese verneinen. Fünf Stunden später erliegt der Informatiker aus Aachen im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

Flucht in eine andere Welt

Das Bild seines Sohnes geht Rainer Seiffert nicht aus dem Kopf. Immer und immer wieder spielt er die entscheidenden Minuten durch. Seiffert, 59 Jahre alt, sitzt in seinem Wohnzimmer im Aachener Norden und starrt ins Leere. Es ist kühl und dunkel. An den Wänden hängen ein Kreuz und verschiedene Landschaftsgemälde - ein bisschen heile Welt. Auf dem Tisch stehen Lebkuchen, ein Seidengesteck und ein Strauß frischer Blumen. Jemand hat kleine, silberne Sternchen auf der weißen Decke verteilt. Bald ist Weihnachten.

Manchmal kommt es Seiffert so vor, als trete sein Sohn im nächsten Moment durch die Tür. Dann flieht er in eine andere Welt. Eine Welt, in der er, der Wirtschaftsprüfer, ein kleiner Star geworden ist. Eine Welt, in der ihm Regierungssprecher Steffen Seibert schon mal eine Mail schickt. Rainer Seiffert ist „SunnyReiner” beim Online-Dienst Twitter. Dort hat er mit zwei Adressen insgesamt fast 400.000 sogenannte Follower, die seine Beiträge lesen. Damit schlägt Seiffert nahezu alle twitternden deutschen Promis und belegt auf den Netz-Ranglisten stets einen der vordersten Ränge.

Ins Netz entflieht Seiffert auch an jenem Tag, als er vom Tod seines Sohnes erfährt. Keine zwei Stunden später sitzt „SunnyRainer” am Computer in der Ecke seines Wohnzimmers und startet die Jagd nach dem Täter. Zeitweise veröffentlicht der Betriebswirt über Twitter Fahndungsaufrufe im Zweiminutentakt. Rund um die Uhr, über Tage hinweg, wobei er eine spezielle Software nutzt.

Es ist Deutschlands erste Twitter-Fahndung. Vier Tage später ist der Flüchtige gefasst. Ob die Twitter-Meldungen für den Erfolg letztlich eine Rolle spielen, lässt sich nicht sagen. Seiffert bekommt täglich fast 1000 Mails, die er kaum noch sichten kann. Der entscheidende Hinweis auf den Täter geht erst nach einer Radioshow ein: Michel M. heißt der Mann, 27 Jahre alt, Handwerker aus Mönchengladbach.

Was bringt einen Menschen dazu, jemanden so jämmerlich am Straßenrand sterben zu lassen? Diese Frage stellt sich Rainer Seiffert immer wieder. Das Landgericht Mönchengladbach hat darauf vor knapp einem Jahr eine Antwort gefunden: Weil der Unfallfahrer seit mehr als vier Jahren regelmäßig betrunken am Steuer saß und deshalb längst seinen Führerschein verloren hatte. Weil er in Drogendelikte verwickelt war, auch am fraglichen Abend betrunken und viel zu schnell unterwegs war und deshalb eine Strafe fürchtete.

Juristisch macht das den Unterschied: Weil er auf den Tod seines Opfers hoffte, um eine andere Straftat zu verdecken, wird aus der fahrlässigen Tötung ein versuchter Mord durch Unterlassen. Neun Jahre Haft lautet am Ende das Urteil des Landgerichts. Für den Vater ist die Strafe dennoch enttäuschend. Selbst die Verteidigung habe mit einer Strafe von zehn bis zwölf Jahren gerechnet, sagt Seiffert, dessen Anwalt die Höchststrafe von 15 Jahren Gefängnis gefordert hatte. Ihm gehe es nicht um Rache, sondern Abschreckung. „Denn tickende Zeitbomben wie Michel M. sind überall in Deutschland unterwegs.”

Minutiös nimmt Seiffert in seinem Blog das Urteil auseinander, lässt medizinische Gutachten erstellen, die belegen sollen: Sein Sohn hätte durchaus gerettet werden können, wäre er nur schnell genug ins Krankenhaus gekommen. Das Gericht war vom Gegenteil ausgegangen und hatte damit das Strafmaß begründet.

Seiffert ist müde. Dass der Täter trotz erfolgreicher Revision vor dem Bundesgerichtshof letztlich keine weitere Strafmilderung erreichen konnte, ist für ihn sehr wichtig. Ruhe geben aber wird er nicht. „Das bin ich Bernd und allen Opfern von Rasern schuldig.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert