Exzellenz-Uni: RWTH-Rektor blickt zuversichtlich voraus

Von: André Schaefer
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RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg betont gerne die besondere Bedeutung seiner Hochschule für die Region, aber auch für ganz Nordrhein-Westfalen. In den kommenden Wochen ist das obergeordnete Thema der Aachener Uni ganz klar die Exzellenzstrategie. Foto: Andreas Herrmann
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Auf Redaktionsbesuch: RWTH-Rektor Schmachtenberg im Gespräch mit unserer Zeitung. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Bescheiden oder doch siegessicher? Prof. Ernst Schmachtenberg ist wohl beides zugleich. Der Rektor der RWTH Aachen weiß: Seine Hochschule ist exzellent. Aber er weiß auch, dass das so bleiben sollte. Die Exzellenzinitiative neigt sich allmählich dem Ende entgegen.

Das bedeutet, die neue von Bund und Ländern gestemmte Förderoffensive für Universitäten wirft ihre Schatten voraus. Die Exzellenzinitiative heißt inzwischen Exzellenzstrategie, der Wettbewerb geht von vorne los. „Wir liegen im Zeitplan“, sagt Schmachtenberg beim Redaktionsbesuch mit Blick auf die Bewerbung, die demnächst eingereicht werden muss. Ein Gespräch über die Zusammenarbeit mit der Stadt Aachen, die Bedeutung der RWTH in Nordrhein-Westfalen und die Rolle der Geisteswissenschaften.

Herr Schmachtenberg, die Studentenzahlen sind im vergangenen Wintersemester erneut gestiegen. Hat die RWTH bald ein Kapazitätsproblem?

Schmachtenberg: Als ich als Rektor an die RWTH kam, hatten wir rund 31.000 Studierende, inzwischen sind es mehr als 44.000. Dieser Anstieg hatte in den vergangenen Jahren sicher auch mit dem doppelten Abiturjahrgang zu tun. Zudem stellt sich aber jetzt heraus, dass die Studierneigung angestiegen ist. Die Hochschulrektoren- und die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz sagen, diese Zahlen werden nicht signifikant zurückgehen. Fest steht aber auch, dass die Studierendenzahl nicht weiter steigen wird. Wir sind längst über der Kapazitätsgrenze, unsere derzeitige Auslastung liegt bei 135 Prozent. Wir werden die Kapazität bei abnehmender Tendenz allerdings nicht herunterfahren, das wäre ein falsches Signal. Für die Hochschule und die Stadt ist es ein Segen, so viele junge, tolle Leute zu haben.

In welchem Bereich ist die Kapazität am meisten überschritten?

Schmachtenberg: Am meisten in den Bachelorstudiengängen. Ich gehe aber auf lange Sicht von einer Umschichtung aus, also weniger Bachelorstudierende, dafür mehr Masterstudierende. Es gibt noch keine optimale Verteilung zwischen Fachhochschulen und Universitäten. Wir sind uns einig, dass ein Teil unserer Studierenden an einer Fachhochschule mit weniger Theorieanteilen erfolgreicher wären. Die Politik traut sich aber nicht, dies stärker zu steuern. Sie schiebt die Verantwortung stattdessen den jungen Menschen selbst zu. Deswegen steuern wir dem mit der FH Aachen entgegen, in dem wir zum Beispiel ein gemeinsames sogenanntes Nulltes Semester zur Orientierung im Ingenieurbereich anbieten. Die Schulabsolventen müssen sich nicht direkt festlegen, sondern schreiben sich zum Sommersemester zunächst an RWTH und FH ein. Erst zum Wintersemester müssen sie sich auf einen Studiengang und die entsprechende Hochschule festlegen.

Sie sagen, für die Hochschule und die Stadt sind so viele junge Menschen ein Segen. Die Stadt Aachen greift das gerne auf und wirbt mit dem Slogan „Aachen lebt Wissenschaft“. Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit der Stadt bezeichnen?

Schmachtenberg: Ich freue mich sehr, dass die Stadt wahrnimmt, wie wir uns als Hochschule in den vergangenen Jahren verändert haben. Die Zusammenarbeit läuft generell gut. Problemfelder in der Stadt gibt es natürlich. Ich denke da insbesondere an das Thema Wohnen. Ich sehe es immer mit großer Sorge, wie schwer es unsere Studierenden, Doktoranden, Professoren, ja, unser ganzes Personal hat, Wohnraum zu finden. Ich glaube, die Stadt wurde an dieser Stelle ein bisschen von unserem Wachstumsschub überrascht.

Das klingt nach einem Vorwurf.

Schmachtenberg: Nein, ich meine damit, dass viele uns diese Entwicklung auf Anhieb vielleicht nicht abgenommen haben. Inzwischen passiert ja auch eine ganze Menge. Ich denke, die Stadt tut das, was sie tun kann.

Das klingt nicht so, als würden Sie als Hochschule ideale Bedingungen vorfinden. Stichwort Kongressmöglichkeiten. Viele Tagungen – gerade aus dem wissenschaftlichen Bereich – müssen aus Kapazitätsgründen an andere Orte verlegt werden.

Schmachtenberg: Klar ist das für Aachen ein Verlust, wenn wir in große Kongresszentren außerhalb der Stadt ausweichen müssen. Aber wenn Sie jetzt hingehen, und ein Kongresszentrum bauen, das doppelt so viele Teilnehmer unterbringen kann wie das Eurogress, dann werden Sie solch ein Zentrum nicht auf Anhieb komplett bespielen können.

Schauen Sie ab und zu neidisch auf andere Universitätsstädte und deren große Bereitschaft, in die Infrastruktur zu investieren?

Schmachtenberg: In diesem Zusammenhang einen Vergleich herzustellen, ist schwierig. Wenn Sie sich andere Städte ansehen, in denen große Unis stehen, dann sind das meist auch große Städte wie Berlin und München. Oder nehmen wir Dresden, das Zentrum der sächsischen Landespolitik, dort wurde eine Menge investiert.

Halten wir fest: Unter nicht ganz optimalen Voraussetzungen geht es der RWTH richtig gut.

Schmachtenberg: Ich würde es anders formulieren: Es ist überraschend, dass es der RWTH so gut geht, obwohl Aachen nicht das Zentrum der Welt ist.

Nicht so gut sieht es derzeit am Campus West aus, wo nicht wirklich viel passiert. Wie geht es dort weiter?

Schmachtenberg: Wir warten auf Kabinettsbeschlüsse.

Der Ball liegt also beim Land NRW.

Schmachtenberg: Ja, gebraucht wird eine politische Entscheidung. Und ich hoffe, die Landesregierung hat den Mut dazu, der RWTH Raum zum Wachstum zu geben, der auch für 25 Jahre reicht.

Fühlen Sie sich von den Aachener Landtagsabgeordneten dahingehend nicht ausreichend vertreten?

Schmachtenberg: Doch, die kämpfen sehr für uns – gleich, welcher Partei sie angehören. In Aachen würde keiner der Politiker bestreiten, dass diese Stadt ihre besondere Situation der hier gelebten Wissenschaft zu verdanken hat.

Welche Risiken bestehen, wenn an einem riesigen Areal wie dem Campus West weiterhin nichts passiert?

Schmachtenberg: Wir werden momentan in unserer Geschwindigkeit, mit der wir den RWTH Aachen Campus ausbauen, etwas gebremst. Das größte Risiko wäre, dass die Ausbauareale zu klein geschnitten werden. Denn das Potenzial der RWTH, mit mehr Forschung zum Wohl des ganzen Landes zu wirken, würde dann beschnitten. Es würde uns also helfen, wenn die Politik verstünde, dass man solche Entwicklungen nicht an beliebigen Standorten befördern kann, sondern dass nur eine Technische Universität mit dem Format der RWTH eine solche Leistung vollbringen kann.

Nach der Exzellenzinitiative ist vor der Exzellenzstrategie: Die RWTH muss sich in den kommenden Monaten wieder darum bewerben, ihre Exzellenz zu behalten. Wie beurteilen Sie die neue Bund-Länder-Vereinbarung?

Schmachtenberg: Wir sind heilfroh, dass sich Bund und Länder auf diese Regelung geeinigt haben. Und klar ist doch auch: Das ist für uns als RWTH der entscheidende Wettbewerb. Im Rahmen der neuen Exzellenzstrategie soll es nur noch ein paar wenige, exzellente Universitäten in Deutschland geben. Und da wollen wir natürlich dazugehören. Wir haben in der Vergangenheit bewiesen, dass wir für exzellente und außergewöhnliche Forschung stehen. Mit neuen finanziellen Mitteln würde das so bleiben.

Wie beurteilen Sie Ihre Chancen?

Schmachtenberg: Es war vielleicht noch nie so schwer zu gewinnen. Die anderen Universitäten sind längst aufgewacht. Am Anfang haben sich einige noch gefragt, ob es sich überhaupt lohnt, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Mittlerweile ist klar: Jeder will diese Trophäe. Aber ich glaube, wir haben ernsthafte Chancen, vorne mit dabei zu sein.

Wie viele Exzellenzcluster-Anträge werden Sie einreichen, und auf welche Bereiche fokussieren Sie sich?

Schmachtenberg (lacht): Das kann und darf ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht verraten. Wir werden demnächst Skizzen für Cluster einreichen, von denen wir überzeugt sind, dass sie eine herausragende wissenschaftliche Relevanz besitzen und es demnach verdienen, gefördert zu werden. Ich glaube, Hochschulen, die zu viele Cluster einreichen, können sich nicht konzentrieren. Auf der anderen Seite werden die, die zu wenige einreichen, geringere Chancen haben. Man muss die goldene Mitte finden. Was ich aber verraten darf: Wir werden nicht alle Bewerbungen für Cluster alleine einreichen.

Mit wem werden Sie kooperieren?

Schmachtenberg: In erster Linie natürlich mit dem Forschungszentrum Jülich, das in diesem Zusammenhang eine sehr wichtige Rolle spielt. So viel kann ich verraten.

Erhöhen solche Zusammenschlüsse die Chance, zu gewinnen?

Schmachtenberg: Diese Frage wird ja oft diskutiert. Man geht zum Beispiel von einem Zusammenschluss der beiden großen Berliner Universitäten aus. Am Ende, und davon bin ich überzeugt, wird es jedoch nicht um große Zusammenschlüsse, sondern um die Qualität und Relevanz der Forschung gehen.

Die RWTH steht für Technik und Naturwissenschaften sowie für hervorragende Forschung in der Medizin. Da drängt sich in Bezug auf die Exzellenzstrategie die Frage auf, welche Bedeutung dann noch die Geisteswissenschaften haben?

Schmachtenberg: Die Geisteswissenschaften sind ein wichtiger Bestandteil unserer Hochschule, und wir sind stolz darauf, sie zu haben. Wir wollen keine rein technische Hochschule sein, sondern eine Universität, die eben den Schwerpunkt im MINT-Bereich hat. Die Philosophische Fakultät wie auch die Wirtschaftswissenschaften haben sich in der Vergangenheit stark bewegt; sie haben deutlich an Profil zugelegt. Wir wollen nicht, dass sich diese Fakultäten in den Dienst der Technik stellen, sondern dass sie einen entscheidenden eigenen Beitrag zu unserer Forschung leisten.

Wie soll dieser Beitrag aussehen?

Schmachtenberg: Nehmen wir das Beispiel Internet. Hier spielen ethische Aspekte eine zentrale Rolle. Die Geisteswissenschaftler sollen uns auf die Finger klopfen. Sie sollen uns sagen, wie weit wir das Internet noch treiben dürfen. Um es noch ein Stück konkreter zu machen: Altersgerechte Assistenzsysteme in privaten Wohnumfeldern kann nicht der Ingenieur allein entwickeln. Sondern dazu braucht er Geistes- und Sozialwissenschaften, die etwas von menschlichen Bedürfnissen verstehen. Deshalb ist es enorm wichtig, auch in Zukunft Hand in Hand zu forschen.

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