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Expresszug: zu voll, zu spät, zu wenig Platz

Von: Thomas Vogel
Letzte Aktualisierung:
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Der Rhein-Sieg-Express oder RE 9 bereitet Probleme: Es gibt nicht genug Platz für die Fahrgäste, die Züge sind regelmäßig überfüllt. Verspätungen und Ausfälle sind ebenfalls keine Seltenheit. Die Linie steht in der Kritik von Fahrgästen und Fahrgastverband Pro Bahn. Foto: Thomas Vogel
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Keine Beinfreiheit: Die Ausstattung der Talent 2 Züge halten viele Fahrgäste für misslungen. Vorgegeben wurden die Merkmale vom NVR.

Aachen/Köln. Die Klagen über Verspätung, Überfüllung und Mängel bei Qualität und Komfort im Regionalexpress 9 reißen nicht ab. „Vor allem die Sitzergonomie – der Sitzabstand – ist suboptimal“, sagt Michael Bienick vom „Pro Bahn“-Regionalverband Euregio-Aachen. „So etwas versteht man im 21. Jahrhundert nicht unter Sitzkomfort in einem modernen Regionalzug.“

 Und doch: Als sich der Zug an diesem Morgen um 7.22 Uhr mit vier Minuten Verspätung von Aachen Richtung Köln in Bewegung setzt, ist er zwar etwas hinter dem Zeitplan, die Beinfreiheit aber lässt kaum Wünsche offen.

Der Grund ist einfach: Es sind kaum Fahrgäste an Bord, obwohl es an einem Werktag um diese Uhrzeit ganz anders sein müsste. „Die Strecke gehört zu den drei am stärksten frequentierten Strecken in Nordrhein-Westfalen“ erklärt Holger Klein, Pressesprecher von Nahverkehr Rheinland (NVR). Die Fahrgastzahlen sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Genaue Zahlen bezogen auf die Strecke aber gebe es nicht. „Wir gehen davon aus, dass täglich etwa 30.000 Fahrgäste die Strecke Aachen – Köln – Siegen nutzen.“ An seine Normalbesetzung kommt der RE 9 an diesem Morgen nicht heran. Normalbesetzung heißt: Alle Sitzplätze belegt, der Gang voll – so voll, dass die Türen oft nicht sofort schließen können und Verspätungen entstehen.

Dass es heute ruhiger ist, mag an den Feiertagen liegen, die näher rücken. Viele Pendler sind schon im Weihnachtsurlaub, viele Studenten machen die letzten Vorlesungen blau. Im Großraumabteil fällt der Blick auf müde Gesichter. Ein paar Mitfahrer haben Kopfhörer im Ohr oder wischen über tasten­lose Mobiltelefone. Andere haben die Augen geschlossen und scheinen die Versäumnisse der vergangenen Nacht aufholen zu wollen. Der Eschweiler Hauptbahnhof ist dritter Halt. Obwohl niemand den Zug verlässt, sondern etliche Fahrgäste einsteigen, sind immer noch Sitzplätze zu haben. In der Dunkelheit spurtet der Talent 2 aus dem Bahnhof Richtung Osten.

Talent 2 ist die Typenbezeichnung der auf dieser Strecke eingesetzten Fahrzeuge. Weil Bombardier sie nicht, wie vertraglich festgelegt, im Dezember 2010 liefern konnte, wurde ein Ersatzkonzept für den RE 9 aufgestellt. Zwei Jahre lang waren Doppelstockzüge mit anderer Ausstattung und anderer Kapazität auf der Strecke unterwegs. Die fuhren allerdings nur 140 Stundenkilometer und nicht, wie der Fahrplan es vorsah, 160 Stundenkilometer schnell. Verspätungen waren die Folge. Jetzt sind die schnelleren Talent 2 geliefert und im Einsatz. Aber auch mit denen gibt es Probleme, wie unsere Leser Nadine und Matthias Reintjes zu berichten wissen: „In den neuen Fahrzeugen des RE 9 wurden die Sitze extra nah zusammengestellt, viele thronen für alle sichtbar hoch oben auf den Radkästen, Max Mustermann legt aufgrund der fehlenden Ohrensessel seinen Kopf auf die Schulter von Sabine Meyer. Körperkontakt auch an den Türen, auch hier hat man bei dem neuen Talent gespart, Platz ist kaum vorhanden.“

Wie Züge, die auf dieser Route unterwegs sind, ausgestattet sein, welche Merkmale sie haben müssen und in welcher Taktung sie fahren, das bestimmt Nahverkehr Rheinland als Aufgabenträger. Die Anforderungen werden ausgeschrieben. Beim günstigsten Angebot bestellt der NVR dann die „Zugleistung“. Die Leistung RE 9 erbringt die DB Regio. In welcher Qualität sie das tut, beurteilen die Fahrgäste recht einhellig. Holger Klein: „Die Zugausfallsquote bei den Zügen der Linie RE 9 lag 2011 zwischen 1 und 1,9 Prozent. Das ist im Vergleich zu anderen Strecken oberes Mittelfeld.“ Vielleicht hat die Bahn diesmal die Schelte aber gar nicht verdient. Bienick ist der Meinung, dem Betreiber DB Regio könne kaum ein Vorwurf gemacht werden, Schuld sei der Auftraggeber Nahverkehr Rheinland.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Jedenfalls sind sich die politischen Fraktionen im Zweckverband Nahverkehr Rheinland des Problems bewusst. Im Hauptausschuss der Zweckverbandsversammlung haben sie beschlossen, die Sitzplätze bei drei Zügen in der Hauptverkehrszeit nicht zu reduzieren. Im Gegenteil: Mit Aufnahme eines Nahverkehrszuges mit 440 Sitzplätzen wird die Kapazität erhöht. Langfristig sollen die Kapazitätsengpässe der Vergangenheit angehören.

Die Zweckverbandsversammlung erwarte von NVR und DB Regio, im nächsten Jahr ausreichend Doppelstockwagen aufzutreiben. Das müssen dann allerdings die neuen, schnellen Modelle sein, will man den Fahrplan einhalten. Das kostet extra, weil es nicht Teil der vereinbarten Leistung zwischen NVR und DB Regio ist. 7.45 Uhr – Der RE 9 läuft in Düren vor einer langen Menschenkette auf dem Bahnsteig ein. Wenn der Platz noch eng werden sollte, bevor Köln erreicht wird, dann muss es hier passieren. Trotz heftigen Zustiegs bleiben jedoch immer noch Sitze frei. Der Geräuschpegel steigt merklich an. Am Rhein hat der RE 9 drei Minuten aufgeholt und ist noch eine Minute hinter dem Fahrplan. Offiziell war er von Anfang an nicht verspätet. Nahverkehrszüge gelten erst als zu spät, wenn sie dem Fahrplan mindestens fünf Minuten hinterherhinken.

Ob es besser wird, entscheiden die Politiker

Der Nahverkehr Rheinland (NVR) wird, wie die anderen Nahverkehrsverbände in NRW auch, vom Land finanziert. Die Mindesthöhen der Pauschalen für jeden Verband bis einschließlich 2015 wurden im ÖPNV-Gesetz gerade neu festgelegt. Wie viel Geld die Verkehrsverbände tatsächlich bekommen, ist flexibel.

Meldet Nahverkehr Rheinland Mehrbedarf an, um Maßnahmen gegen die Missstände zu ergreifen, dann hat das Verkehrsministerium im Einvernehmen mit dem Verkehrsausschuss des Landesparlaments darüber zu entscheiden, ob es mehr Geld gibt.

Das Wohl und Wehe der Fahrgäste im Rhein-Sieg-Express hängt also vor allem von einem ab: dem Abstimmungsverhalten der Parlamentarier.

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