Existenzgründer in Aachen: „Ein Wal im Goldfischglas“

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Die Städteregion Aachen ist bei Existenzgründern beliebt. Foto: CMD
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Eine Aachener Firma mit jungen Informatikern: Upvoid wurde 2014 offiziell angemeldet. Die Videospielfirma profitierte beim Start von der Unterstützung des Gründerzentrums.
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Zwei Aachener Existenzgründer: Julian Peters (links) und Christoph Bresler von Tift App. Das Unternehmen besteht seit 2014 und wurde von ehemaligen Kommilitonen der FH Aachen gegründet. Foto: CMD

Aachen. Besonders bei Hochschulabsolventen ist der schnelle Weg in die Selbstständigkeit nichts Ungewöhnliches mehr. Der Reiz der Unabhängigkeit und der eigenen Ideenverwirklichung brachte in Deutschland allein im vergangenen Jahr 615.600 neue Jungunternehmen, sogenannte Start-ups, hervor.

Die Kernunterschiede zu anderen Gründungsmodellen liegen hier vor allem in den Faktoren Alter, Innovationskraft und Wachstum. Start-up-Unternehmen sind jünger als zehn Jahre, verfolgen neuartige Geschäftsmodelle, nutzen innovative Technologien und streben ein starkes Mitarbeiter- und Umsatzwachstum an.

Besonders Großstädte wie Berlin und München erweisen sich bei den jungen Gründern als attraktiv. In Berlin werden deutschlandweit die meisten Unternehmen gegründet. Ulrich Kissing, Chef der Förderbank der IBB, äußerte sich dazu vor einiger Zeit in einem Interview im Berliner „Tagesspiegel“.

Berlin sei ein Standort, der viele verschiedene Leute anlocke. Hier sei aus einer guten Gründer-Infrastruktur, einer soliden Wissenschaftsbasis und gezielten Förderungen ein „Humus“ entstanden, „auf dem immer neue Start-ups wachsen.“

Hervorragende Startbedingungen

Doch auch die Städteregion Aachen ist bei Gründern sehr beliebt. Die Zahl der Unternehmensneugründungen liegt hier deutlich über dem Landesdurchschnitt. In der gesamten Wirtschaftsregion haben sich im Jahr 2013 insgesamt 84 900 Unternehmer selbstständig gemacht.

So findet man Erfolgsgeschichten nicht nur in der Ferne. Doch was motiviert die Gründer dazu, sich in unserer Region anzusiedeln? „Man ist hier in Aachen ein Wal im Goldfischglas“, erklärt Julian Peters, Mitbegründer der Tift App.

Er und drei ehemalige Kommilitonen haben sich im Sommer 2014 selbstständig gemacht. Sie haben sich bewusst dafür entschieden, in Aachen eine Firma zu gründen. Der Grund: „Da man hier wenig Konkurrenz hat und die Möglichkeit, schnell ein gutes Netz aus Kontakten zu bilden.“ Die Jungunternehmer setzten auf den „Multiplikationseffekt“, so Julian Peters. Durch Empfehlungen und die Erweiterung des Netzes versuchen sie, ihr Unternehmen zu etablieren.

Um während der Gründungsphase nicht allein zu sein, gibt es für Start-up-Unternehmen mehrere unterstützende Einrichtungen und Instanzen. Die „GründerRegion Aachen“, bestehend aus der Städteregion Aachen sowie den Kreisen Düren, Euskirchen und Heinsberg, hat das Ziel, Gründer zu informieren, zu motivieren und in allen Fragen, die anstehen, zu unterstützen.

Zudem will sie eine wettbewerbsfähige Wirtschaftsregion schaffen. Die Initiative baue auf den Stärken des Standortes auf, sagt Iris Wilhelmi, Geschäftsführerin der GründerRegion Aachen in unserem Gespräch. 13 Technologie- und Gründerzentren sollen „hervorragende Startbedingungen“ bieten.

Eines von ihnen ist die entsprechende Einrichtung der RWTH Aachen. Hier engagieren sich 14 Mitarbeiter, die bereits Erfahrungen als Gründer haben oder Unternehmensberater waren. Durch ein gezieltes Coaching, die Erstellung eines Businessplans und organisierten Treffen mit anderen Start-ups soll der Prozess der Gründung erleichtert werden. Das Gründerzentrum unterstützt Gründungsinteressierte und Start-ups in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer Aachen durch persönliche Hilfe und Trainings. Auch stellt es kostenlose Betriebsräume, das sogenannte StartLab, zur Verfügung.

Auch ohne Geschäftsidee

Finanzielle Hilfe bieten zudem institutionelle Investoren und staatliche Förderer. Auch können die Interessierten in Wettbewerben ihre Ideen und ihre Businesspläne vorstellen, um damit dann möglicherweise wertvolle Stipendien zu gewinnen. Die Gründer der Tift App haben das sogenannte „EXIST Stipendium“ in Anspruch genommen. Das bietet das Bundesministerium für Wirtschaft und Innovation an. Es besteht sowohl aus einem Jahresgehalt für bis zu drei Mitgründer als auch aus Fördermitteln für Sachausgaben und Investitionen.

Doch um diese Förderung überhaupt beantragen zu können, ist bereits ein gut ausgefeilter Businessplan erforderlich. Bei seiner Konzeption und schließlich Formulierung helfen die zugewiesenen Coaches des Aachener Gründerzentrums, die basierend auf dem Thema der Gründungsidee passend ausgewählt werden.

Es gibt jedoch auch Angebote für Gründungsinteressierte ohne eigene Geschäftsidee. Dort lernen sie das Handwerkszeug, das zum Gründen nötig ist, und arbeiten intensiv an der Ideenfindung. Die Veranstaltungen bieten außerdem eine gute Möglichkeit, Gleichgesinnte kennenzulernen, die ebenfalls noch nach Mitgründern suchen.

Idee und Konzept

Auch Upvoid, eine Videospielfirma, die im Frühjahr 2014 in Aachen gegründet wurde, hat vom Gründerzentrum profitiert. Lukas Boersma, Mitgründer des Start-ups, beschreibt die Unterstützung, die die jungen Gründer erhalten haben: „Das war auf jeden Fall sehr hilfreich, die Leute vom Gründerzentrum bringen auch verschiedene Start-ups zusammen, so dass man sich mit anderen austauschen kann.“

Derzeit erhält Upvoid keine Hilfe mehr vom Gründerzentrum, allerdings war die Institution eine wichtige Instanz in der Gründungsphase des Unternehmens. Im Gegensatz zu Tift versuchte Upvoid, sich primär über Internetauftritte bekannt zu machen und sich dann über Auftragsarbeiten zu finanzieren.

Nach dem Gründerzentrum hat Upvoid keine weitere Unterstützung in Anspruch genommen, so dass die jungen Unternehmer dann finanziell direkt auf eigenen Beinen standen. Upvoid wählte hauptsächlich Aachen als Standort, da ein Großteil der Firmengrüner Studenten sind, die derzeit noch an der RWTH Aachen studieren.

Sie sind, wie auch die Tift-Gründer, noch sehr jung. Der durchschnittliche Gründer ist 34,9 Jahre alt, etwa zehn Jahre älter als die Unternehmer von Tift und Upvoid. Warum machen sich so junge Menschen überhaupt selbstständig? Mit einem Start-up-Unternehmen kommen Risiken. Deshalb beschreibt Julian Peters die „Risikofreudigkeit“ als eine wichtige Qualität für neue Unternehmer.

Für die Tift-Unternehmer waren ihre Idee und ihr einzigartiges Konzept ein wichtiger Antrieb, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Darüber hinaus macht es den Unternehmern Spaß, so zu arbeiten. „Mit coolen Leuten und einer coolen Idee würde ich immer wieder gründen“, sagt Julian Peters. Die Gründer von Tift fanden sich aufgrund ihrer Idee und der Marktlücke zusammen, die sie damit gefunden hatten und füllen wollten.

Wertvolle Erfahrungen

Upvoid ergab sich aus einem Projekt an der Universität der Unternehmer. Nachdem dies abgeschlossen war, entschieden sich die Studenten, auch in Zukunft zusammen weiterzuarbeiten. Daraus entwickelte sich ein Start-up-Unternehmen – heute längst ein wichtiger Teil im Alltag der Studenten.

Es ist nicht leicht, gleichzeitig zu studieren und schon ein eigenes Unternehmen und damit eine hohe Verantwortung zu haben. Lukas Boersma bevorzugt das Start-up der Universität. Er betont, dass es nicht nur Spaß macht, sondern auch wertvolle Lebenserfahrungen bringt: „Das, was man in so einem Start-up lernt, ist durch keine Vorlesung zu ersetzen.“

Er weist auch, wie Julian Peters, auf die Wichtigkeit eines guten Teams hin. „Wenn man so etwas alleine aufziehen will, dann muss man auf jeden Fall sehr viel Energie und Disziplin haben“, erklärt er. Allerdings reiche ein gutes Team nicht, um sich selbstständig zu machen.

Der Tift-Unternehmer nennt drei wichtige Eigenschaften, die ein Neugründer haben sollte: „Selbstständigkeit, Selbstdisziplin und Risikofreude.“

Arbeitsplätze und Wettbewerb

Start-up-Unternehmen sind nicht nur wertvoll für die jungen Unternehmer selber, sie spielen auch eine wichtige Rolle auf dem Markt. Iris Wilhelmi sagt dazu, dass das Schaffen von Arbeitsplätzen, die Förderung des Strukturwandels sowie die Anregung des Wettbewerbs Gründe hierfür seien. Ein neues Unternehmen fordere mit neuen Produkten die schon bestehenden Firmen. Daraus entstehe dieser Wettbewerb. Dass auch in Aachen neue innovative Geschäftsideen hervorgebracht werden, zeigt der Blick auf die technologieorientierten Unternehmen. Zwischen den Jahren 1975 und 2009 wurden allein hier 1410 solcher Unternehmen gegründet.

Doch nicht jede Neugründung wird letztlich zu einem Erfolg. „Insgesamt stellen die Akquisition neuer Kunden und Finanzierungsprobleme die jungen Start-ups vor die größten Herausforderungen“, erläutert Iris Wilhelmi in unserem Gespräch bei der IHK weiter. Außerdem könnten zu spät entwickelte Marketing-Strategien sowie ein nicht funktionierendes und damit nicht erfolgreiches Organisations- und Zeitmanagement zum Problem werden. All dies seien Bereiche, die Gründer aus dem Hochschulumfeld ohne mehrjährige Berufserfahrung meist nicht selber erkennen können.

Ein skeptischer Blick

Wie die Zukunft aussieht, wissen die jungen Unternehmer natürlich noch nicht. Lukas Boersma gibt zu, dass seine Firma Upvoid einen durchaus skeptischen Blick auf die nahe Zukunft hat. Doch die Gründer wollen nicht aufgeben. Dennoch muss Upvoid vielleicht demnächst in den Hintergrund rücken. Einen richtigen Plan B gibt es nicht.

Julian Peters ist eher positiv gestimmt, was Tift angeht. Er rechnet nicht damit, dass das Produkt scheitern wird. Falls dies allerdings doch geschehen solle, würde Peters die Hoffnung nicht aufgeben und etwas anderes versuchen. Neben Interessenten für die App erhält Tift noch Unterstützung von außen. Die Unternehmer überlegen schon ihren nächsten Schritt, sollte ihr Produkt auf positive Resonanz stoßen.

So können junge Menschen mit neuen Ideen viel erreichen.

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