Euthanasie und Sterbehilfe Thema im Forum „Medizin Spezial“

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
10669607.jpg
„erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“: Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt hat die Ausstellung, die ab 28. August in Aachen Station macht, in Berlin gesehen. Foto: dpa

Aachen. „Was hat das mit uns heute zu tun?“ Professor Frank Schneider, Projektleiter der Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ fordert ein Nachdenken über die historischen Fakten hinaus. Bis 26. August bis 29. Oktober ist die Schau im Aachener Centre Charlemagne zu sehen.

In der Veranstaltung „Wert des Lebens: Euthanasie und Sterbehilfe“ geht es danach am Dienstag, 8. September, 18 Uhr (Eintritt frei), in Hörsaal 3 des Uniklinikums um weitere brisante Fragen: Wirkt die Ideologie, die zu den Verbrechen der Vergangenheit geführt hat, bis heute nach? Wie ist der Stand der Diskussion über assistierten Suizid und Tötung auf Verlangen? Ist eine Verbindung zwischen damals und heute absurd? Darüber diskutieren sieben Experten aus den Niederlanden, Österreich und Deutschland beim Forum „Medizin-Spezial“ im Rahmen des Begleitprogramms zur Dokumentation im Centre Charlemagne, die von der Deutschen Gesellschaft für Psy- chiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) konzipiert wurde und nun durch ganz Deutschland reist.

„Die Ausstellung hat mehrere Ziele. Eines davon ist die Anerkennung und Würdigung der Opfer und deren Angehörigen“, betont Schneider. „Man schaut nach hinten und entschuldigt sich, das haben wir als Fachgesellschaft getan. Aber man muss auch die Konsequenzen ziehen.“

So werde der Begriff „Euthanasie“ in Belgien und den Niederlanden heute noch verwendet, wenn es um Sterbehilfe gehe. Am 8. September wird darüber nachgedacht, ob das, was vor rund 70 Jahren Kranken und Behinderten angetan wurde, heute eine Rolle spielt, wenn man über Sterbehilfe spricht. So ist in Belgien, wie Schneider weiß, bei psychisch Kranken Sterbehilfe üblich. „Man geht davon aus, dass bestimmte psychische Erkrankungen nicht heilbar sind. Das stimmt ja nicht“, sagt der Psychiater. Das Geschehen von damals wirke sich auf die heutige Gesellschaft aus. Dem Forum sieht Schneider gespannt entgegen. „Es könnte sein, dass wir beginnen, daran zu zweifeln, ob wir in der Rechtsprechung den richtigen Weg gehen oder ob wir nicht doch Patienten anerkennen sollten, die mit dem Tötungswunsch zu uns kommen.“

Er persönlich hat eine feste Grundeinstellung: „Ich selbst als Psychiater – mit der Vergangenheit der deutschen Psychiatrie im Hintergrund – würde von meinem Gewissen und von meiner Ausbildung her niemanden töten. Dann möchte ich lieber kein Arzt mehr sein.“ Dennoch ist er offen für Kontroversen. Sind „Euthanasie“ und „Sterbehilfe“ Begriffe, die einander ausschließen? „Die Kombination erzeugt ein Spannungsfeld“, betont Schneider. „Euthanasie“ ist eine Worthülse, ein Begriff, der von den Nazis missbraucht wurde. Übersetzt bedeutet Euthanasie ,der gute Tod‘, aber es war damals Mord.“

Was mit Zwangssterilisationen begann, fand nicht nur in Deutschland statt. Gleichfalls in Europa und den angelsächsischen Ländern war man der Meinung, dass sich psychisch Kranke und behinderte Menschen nicht fortpflanzen sollen, weil sie dem „Volkskörper schaden“ würden. Die deutschen Mord-Aktionen, so Schneiders Erkenntnis, gingen weit über das hinaus. „Man hat sich einen pseudo-wissenschaftliche Hintergrund zurechtgezimmert“, sagt er. „Man bediente sich der Ängste und der allgemeinen Stimmung der Zeit.“

Der Psychiater ist extrem hellhörig für Zwischentöne. „Wir müssen heute die Ohren gut aufsperren, wenn wir Sätze hören wie ,Wie viele Flüchtlinge, Behinderte oder alte Menschen verkraften wir noch?‘, wenn es um Ressourcen geht.“

„Im Dritten Reich wurde der Wert des Menschen nach seiner Arbeitsleistung bemessen“, erläutert Schneider. „Wenn wir die neue Hüfte nur demjenigen zugestehen, der noch für die Gesellschaft nützlich sein kann, ist das eine fatale Einstellung – und eine Parallele zu damals.“ In der Beschäftigung mit der Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ hat Schneider viel dazugelernt.

„Es war für mich stets wichtig, die Individualität und den Willen von Menschen anzuerkennen. Das hat sich verstärkt“, meint er. „Wie ist es etwa mit Patienten auf der Intensivstation, die sich nicht artikulieren können? Sie haben Individualität, die es zu achten gilt. Tun wir das?“ Oder psychisch Kranke, die sich einer Behandlung verweigern: „Selbst wenn wir den juristischen Weg gehen, sind wir dazu verpflichtet, diese Einstellung ernst zu nehmen, ohne einen Patienten zu vernachlässigen.“ Es geht um den Wert des Lebens. Frank Schneider sagt: „Eine Aussage, die nicht zur Disposition steht.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert