Warcraft Kino Freisteller

Europas Grüne fordern Aus für Doel und Tihange

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
rebecca harms
Rebecca Harms, Vorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament, am Donnerstag auf einer Pressekonferenz mit dem wallonischen Minister für regenerative Energien Jean-Marc Nollet. Foto: EPA/Laurent Dubrule

Brüssel/Aachen. Die Grünen in Europa fordern, dass die Pannenmeiler Doel 3 und Tihange 2 vom Netz gehen. „Der Betrieb ist unverantwortlich“, sagte Rebecca Harms, Vorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament, am Donnerstag. Ihre Einschätzung habe nicht nur politische Gründe, sondern vielmehr wissenschaftliche, sagte sie bei der Präsentation einer Studie zu den Pannenmeilern.

„Die Studie kommt zu dem klaren Ergebnis, dass noch immer kein Nachweis dafür erbracht werden kann, wie und wann die Risse im Reaktordruckbehälter entstanden sind, ob sie sich während des Betriebs des Reaktors verändert haben oder in Zukunft verändern werden“, sagte Harms am Donnerstag in Brüssel. „Der Weiterbetrieb der AKW-Blöcke stellt eine unmittelbare Gefahr für Belgien, die Niederlande und Deutschland dar“, kommentierte am Donnerstag auch Oliver Krischer (Grüne), Bundestagsabgeordneter aus Düren.

Die europäischen Grünen haben die renommierte Materialwissenschaftlerin Ilse Tweer von der Universität Wien damit beauftragt, eine Studie zu den Meilern Tihange 2 bei Lüttich, der nur rund 60 Kilometer von Aachen entfernt liegt, und Doel 3 bei Antwerpen, der 150 Kilometer von Aachen entfernt liegt, zu erstellen.

In ihrer Analyse kommt Ilse Tweer zu dem Ergebnis, dass ein weiterer Betrieb der Reaktoren unverantwortlich ist, da der Ursprung der Fehler im Material noch immer nicht geklärt sei. Selbst, ob es sich tatsächlich um Wasserstoffeinschlüsse handelt, sieht Tweer nicht als gesichert an. „Die einzige Möglichkeit dies zu prüfen würde die Zerstörung des Druckbehälters erfordern“, sagte Harms. Das heißt: Es gibt keine repräsentativen Materialproben.

Die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC hatte dennoch am 17. November 2015 das Wiederanfahren der Meiler erlaubt, obwohl es Tausende Risse in den Druckbehältern gibt. Doch laut der Erkenntnis internationaler Experten, die die Meiler für die FANC untersucht haben, und laut Angaben des Betreibers Electrabel sind die Risse bei der Produktion entstanden.

Daraus folgern sie, dass die Risse nicht größer oder mehr werden. Tweer sieht das aber anders: Wenn bei der ersten Inbetriebnahme und Zulassung von Doel 3 und Tihange 2 keine Risse erkannt wurden, glaube sie auch nicht, dass es damals welche gegeben habe. „Die hätte man auch mit weniger präzisen Untersuchungen als den heute üblichen Ultraschallverfahren finden müssen“, sagt die Materialwissenschaftlerin.

Sie ist sich deshalb sicher: Die Risse müssen später entstanden sein. Es seien durchaus andere Gründe für das Auftreten der Risse denkbar, beispielsweise Strahlendefekte oder Probleme bei der Plattierung. Den Reaktoren ein Sicherheitssiegel zu verpassen, ist unverantwortlich und „unverständlich“, so die Schlussfolgerung der Studie.

Bei der Durchsicht der FANC-Unterlagen sei Tweer zudem auf eine Auffälligkeit gestoßen. Eine Kurve, die sich mit der Versprödung des Materials befasst, sei plötzlich geändert worden. „Die Kurve erreicht den Grenzwert genau nicht“, sagt Tweer. „Da liegt der Verdacht nahe, dass die Gleichung zurechtgebogen wurde.“ Die Studie deckt für Harms „einen erschreckend flexiblen Umgang der Aufsichtsbehörde mit Testergebnissen auf“. Unbequeme Ergebnisse würden als abnorme Sonderfälle deklariert.

Jean-Marc Nollet, Fraktionsvorsitzender der Grünen im belgischen Parlament, formulierte bei der Pressekonferenz mit Harms und Tweer die Sorge, dass man einem „kleinen Land wie Belgien alles durchgehen lässt“. Er hofft weiter auf Druck auf die belgische Regierung von den Nachbarländern. Nollet kritisiert die FANC scharf.

In der Vergangenheit sei es üblich gewesen, dass die Behörde ihre Unterlagen zur Verfügung gestellt habe und man auf dieser Basis habe eigene Experten beauftragen können, um anschließend in einen Dialog zu treten. Dass diesmal die 1000 Seiten Expertise erst mit der Entscheidung zur Inbetriebnahme von Doel 3 und Tihange 2 veröffentlicht wurden, bemängelt Nollet.

„Die FANC wollte kritische wissenschaftliche Erkenntnisse unterbinden – vermutlich aus Angst.“ Angesichts der erheblichen Sicherheitsprobleme verspricht Harms, wolle man die Konfrontation mit der FANC und der belgischen Regierung suchen.

Oliver Krischer stimmt zu: „Statt unschuldigem Achselzucken müssen Kanzlerin Merkel und Bundesumweltministerin Hendricks endlich auf höchster Ebene Klartext mit der belgischen Regierung reden. Es muss geklärt werden, was Deutschland und Europa tun müssen, um die Abschaltung der Atomkraftwerke durchsetzen. Ein Weiterbetrieb der belgischen AKWs ist unverantwortlich.“
 
Derweil hat sich die belgische Energieministerin Marie-Christine Marghemn erneut einen Fauxpas geleistet. Wie belgische Medien berichten, hatte es einen Eklat im Parlament gegeben. Als sie das Gesetz zur Verlängerung von Doel 1 und 2 ins Parlament einbringen wollte, musste die Sitzung beendet werden, weil Nollet der Ministerin Formfehler nachweisen konnte. Die Grünen und andere Oppositionsparteien wollen das Gesetz um jeden Preis vermeiden, weil sie inhaltlich nicht mit der Verlängerung der Laufzeit der Meiler einverstanden sind.

Zudem kritisieren sie das Gesetz, weil es dem Betreiber der Atommeiler einen Steuervorteil gewähre. Das könne man als staatliche Subvention Electrabels, Teil des französischen Konzerns Engie, verstehen. Die Oppositionsparteien wollen die Zeit nutzen. Marghem indes steht nicht zum ersten Mal in der Kritik.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.