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Eurofighter über dem Baltikum: Kanzlerin würdigt heiklen Einsatz

Von: Marco Rose
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Großer Bahnhof im Hangar: Angela Merkel (CDU) zieht vor den Mikrofonen der Presse ein Resümee ihres Besuchs in Nörvenich. Foto: Michael Japsers
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Wo muss man da drücken? Die Kanzlerin will genau wissen, wie der Schleudersitz im Eurofighter funktioniert. Foto: Michael Jaspers

Nörvenich. Das Szenario, das der Bundeskanzlerin am Montag präsentiert wird, ist alles andere als unrealistisch: Ein nicht identifizierbares Flugzeug hat den deutschen Luftraum verletzt. Nun tickt auf dem Fliegerhorst im rheinischen Nörvenich die Uhr.

Maximal 15 Minuten dürfen vom Ertönen der Sirene bis zum Einfahren der Räder eines gestarteten Eurofighters vergehen; das ist Nato-Vorgabe beim sogenannten Alarm Quick Reaction Alert (QRA). Ausgelöst wird er, wenn sich Flugobjekte unangemeldet und ohne sich zu identifizieren dem Luftraum des westlichen Bündnisses nähern. In Deutschland passiert das regelmäßig.

Erheblich brisanter sind derzeit allerdings die Einsätze der Nato-Jets über dem Baltikum: Seit dem Eskalieren der Ukraine-Krise hat das sogenannte „Air Policing“ des Bündnisses eine neue Bedeutung gewonnen: Als Zeichen der Solidarität mit den drei baltischen Staaten haben sich im vergangenen halben Jahr auch vier Eurofighter der Bundeswehr aus Nörvenich an der Luftraumüberwachung im Grenzgebiet zu Russland beteiligt. Der Einsatz wurde im Januar zunächst beendet. Doch schon im kommenden September entsendet die Bundeswehr erneut Jets ins estnische Ämari.

Dort wartet reichlich Arbeit: Allein im Jahr 2015 musste das Bündnis nach Nato-Angaben auf mehr als 260 Vorfälle über der Ostsee reagieren. Zwei Mal kam es dabei zu einer Luftraumverletzung durch russische Kampfbomber. Kein Wunder also, dass Angela Merkel bei ihrem Besuch in Nörvenich die Bedeutung der Luftwaffe herausstellt: „Deutschland leistet zu der Sicherheit im Baltikum einen wesentlichen Beitrag“, lobt die Kanzlerin.

Sie ist gekommen, um sich über diese durchaus riskanten Einsätze aus erster Hand zu informieren. Zunächst besichtigt Merkel im riesigen Hangar des Fliegerhorstes die Hauptdarsteller des Tages: drei Eurofighter nebst Bord- und Bodenpersonal. 2006 stiegen in Nörvenich die ursprünglich als Abfangjäger für den Luft-Luft-Einsatz konzipierten Jets erstmals auf. Inzwischen werden die Flugzeuge auch für den Kampf gegen Ziele am Boden auf- und umgerüstet. Bis 2018 sollen alle deutschen Eurofighter umgerüstet sein. Das Geschwader 31 „Boelcke“ in Nörvenich testet als „Musterverband“ die neue Technik.

Im estnischen Ämari waren die Jets im Januar erstmals mit voller Bewaffnung in der Luft unterwegs. Zur angehängten Nato-Standardausrüstung zählen eine scharfe Kanone, Infrarot-Kurzstreckenraketen, ein elektronisches Abwehrsystem und radargesteuerte Mittelstreckenraketen.

Eine knappe halbe Stunde nimmt sich die Bundeskanzlerin Zeit, um die Maschinen in der Halle zu inspizieren und mit Piloten und Ausbildern zu reden. Der vom Kanzleramt organisierte Presserummel ist enorm: Mehr als 50 Journalisten verfolgen den Besuch aus einiger Distanz, darunter dutzende Fotografen und Teams aller großen deutschen TV-Stationen.

„Merkel geht auf Tuchfühlung“, witzelt ein Offizier, als die mächtigste Frau des Landes verschiedene khakifarbene Overalls unter die Lupe nimmt. Ein Oberstleutnant aus dem Verteidigungsministerium raunzt seine Fotografin an: „Machen Sie noch schnell ein Bild von der Meute – für meinen Chef!“ Dann geht es mit Merkel und der „Meute“ zum Praxisteil in Richtung Start- und Landebahn.

Dort erlebt die Kanzlerin eine gestellte Verfolgungsjagd zweier Kampfjets, die zur Landung ansetzen und kurz vor dem Aufsetzen unter ohrenbetäubendem Lärm durchstarten und sich in den Himmel schrauben, bis sie in der stahlgrauen Wolkendecke verschwunden sind. Daraufhin kommt die Nörvenicher „Alarmrotte“, wie es im Fachjargon heißt, zum Einsatz: zwei Eurofighter starten kurz hintereinander mit maximaler Schubkraft, was mit einem Donnergrollen einhergeht. Die 15-Minuten-Vorgabe der Nato dürfte hier als erfüllt anzusehen sein.

Wer oder was die Piloten dort oben erwartet, erfahren sie im Ernstfall erst in der Luft. „Man weiß eigentlich nie so richtig, was auf einen zukommt, wenn die Sirene losgeht“, sagt ein in Ämari stationierter Pilot. „Wir springen in unser Flugzeug und werden dann von der Kontrollstation informiert, was es für eine Maschine sein könnte und wo in welcher Richtung und Höhe sie sich ungefähr befindet.“ All das passiert in einem Tempo knapp unter Schallgeschwindigkeit und in einer Höhe von mehreren tausend Metern.

„Wir setzen uns in gewissem Sicherheitsabstand einfach daneben“, erklärt der Pilot. Geführt werden die Eurofighter vom Nato-Gefechtsstand für die Luftverteidigung in Uedem am Niederrhein. Dort registriert das Militärbündnis die Flugbewegungen über dem Baltikum und ordnet die auch „Alpha-Scramble“ genannten Schutzflüge an. Seit die Bundeswehr Ende August 2015 die Aufgabe übernommen hat, mussten sie insgesamt 19 Mal zu Alarmstarts ausrücken. Zu brenzligen Situation sei es dabei nicht gekommen; zumeist verhielten sich die russischen Piloten kooperativ. „Es kam oft vor, dass uns zugewunken oder militärisch gegrüßt wurde. Da ist keine hohe Aggressivität festzustellen“, sagt der Pilot.

„Ich konnte mich davon überzeugen, dass hier auf hohem technischen Niveau gearbeitet wird“, sagt Merkel anschließend, bevor sie mit ihrem Regierungsjet in Richtung Berlin entschwindet.

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