Aachen - Euregio-Zoo: 80.000 für tierischen Hunger

Euregio-Zoo: 80.000 für tierischen Hunger

Von: Manfred Kutsch
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Frühstück: Die Totenkopfäffchen erhalten jeden Morgen Fruchtstücke aus der Hand, damit die Pflegerin gleichzeitig aus der Nähe begutachten kann, ob die verletzungsanfälligen Ohren, Augen und Hände der temperamentvollen Tiere in Ordnung sind. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Auf einmal ist im Gehege der Totenkopfäffchen die Hölle los. Die nur ein Kilo wiegenden putzigen Tiere mit dem 35 bis 45 Zentimeter langen Schwanz schwingen sich – im Affentempo – an den Seilen gen frei schwebender Brücke in ihre Behausung, plätten sich dort die Nase an der Fensterscheibe und können es kaum erwarten – nämlich ihre erste Mahlzeit.

Mit Argusaugen haben die Äffchen aus dem südamerikanischen Amazonas-Becken bereits auf 100 Meter Entfernung ihren absoluten Liebling unter den Menschen entdeckt: Nadine Fiebrandt, in einer Thermoweste wetterfest verpackt – und immer für eine Leckerei gut. In der Tat trägt die Tierpflegerin eine Schüssel mit geschnittenem Obst, schließt die Tür auf und gibt – allem Drängeln zum Trotz – jedem einzelnen in stoischer Ruhe eine Traube, ein Stück Banane oder Apfel.

„Zum Frühstück suche ich jeden Tag auf diese Weise bewusst den Kontakt, um aus der Nähe nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist“, sagt Fiebrandt. Die Augen, die Ohren, die Hände der Äffchen. Alles gefährdet, wenn sich die sechs Kerle mit ihren spitzen Krallen balgen oder sich beim Toben verletzen.

Andererseits ein Segen, dass es nur „Jungs“ sind, die im Rahmen des Europäischen Artenerhaltungs-Zuchtprogramm im Aachener Euregio-Zoo gehalten werden: „Wenn hier ein Weibchen dazu käme, würden alle durchdrehen“, sagt Tierparkdirektor Wolfram Graf-Rudolf. Im Übrigen gelten die Totenkopfaffen als nimmer satte Allesfresser: „Obwohl sie drei Mahlzeiten bekommen, suchen sie sogar noch nach Schnecken und Käfern im Gras. Die haben sich auch schon in den Bäumen einen Spatz und eine Taube geschnappt“, weiß Graf-Rudolf.

Geschichten vom großen Fressen im Aachener Euregio-Zoo. Wie werden auf 8,9 Hektar Fläche 890 Tiere aus 185 Arten satt? Von der Schildkröte bis zum Geparden, vom Pinguin bis zum Hängebauchschwein? Die Herausforderung: Allem voran natürlich artgerechtes Fressen aus – zum Beispiel - jährlich 154 Tonnen Heu, sechs Tonnen Kraftfutter, 30 Tonnen Möhren, sechs Tonnen Rindfleisch, rund 6500 Forellen, circa 100.000 Sprotten.

Bleibt aber noch eine wichtige Kost, „die wir nur geben, wenn die Besucher draußen sind“, verrät der Tierparkchef. Und meint den Spagat zwischen dem Appetit eines Tieres mit natürlichem Instinkt und dem Schaudern des Zaungastes, wenn der Gepard ein Kaninchen oder Meerschweinchen zermalmt oder die Luchse drei Kilo Küken genießen.

In Blöcken eingefroren landet die delikate Ware aus den Niederlanden im Betriebshof des Zoos, wo in einer Großküche insgesamt elf Tierpfleger täglich rund 90 Minuten schneiden, kochen, braten, ausnehmen, als seien ihre Kunden Hotelgäste. Mit 80.000 Euro ist das große Fressen im Euregio-Zoo budgetiert, gratis kommt die Nahversorgung durch Nachbarn hinzu, die ebenso Brot und Nahrungsreste abgeben wie manchmal auch ein Supermarkt.

Immer wieder divergieren die Abläufe. Zwangsläufig. Graf-Rudolf nennt Beispiele: „Anzahl und Menge der Mahlzeiten müssen dem unterschiedlichen Stoffwechsel der Tiere angepasst werden.“ Oder: „Die Versorgung muss flexibel sein, zum Beispiel wenn sich winterschlafende Zeitgenossen wie Marderhunde oder Waschbären in den letzten Herbsttagen noch einmal richtig den Bauch vollschlagen wollen oder bei anderen Tieren Krankheiten berücksichtigt werden müssen.“

Logistik pur. Mit ungezählten Extraregeln. Die Raubtiere etwa bekommen ein, zwei Tage die Woche gar nichts. „In der freien Natur haben die auch nicht jeden Tag Beute. Sie werden sonst zu dick“, sagt Graf-Rudolf, der viele Jahre in Namibia als Zoologe arbeitete.

Schlechte Laune bei den Pinguinen

Für alle Tierpfleger ist auch jene Woche eine Besonderheit, in der die Pinguine ihr Federkleid wechseln und deshalb nur im Trockenen watscheln und nicht baden gehen. Weil die schwarz-weißen Herrschaften aber nur schwimmend ihre Sprotten zu sich nehmen, ist dann Fastenzeit und schlechte Laune angesagt.

Privilegiert sind natürlich jene Zoobewohner, denen fortwährend die Nahrung sicher ist. Trockenfutter und Obstschalen für die Wellensittiche und Papageien, Heu für Pferde, Esel, Schafe, Ziegen, die freilich zusätzlich noch Hafer, Möhren und Kraftfutter bekommen.

Futterneid gibt es kaum. „Die Hierarchien vor allem bei den Affen sind ganz klar“, sagt Graf-Rudolf. Selbiges freilich ist zwischen den drei Kamelen und den beiden Watussi-Kühen, die alle um die 500 Kilo wiegen und sich ein Gehege teilen, immer noch nicht geklärt: „Die Watussis schubsen manchmal beim gemeinsamen Möhrenfressen, dann kommen sie halt in den Stall“, berichtet Tierpfleger Karl Jaskulski, der wie seine Kolleginnen und Kollegen einen festen Stamm an Tieren hat, die er täglich nährt und betreut.

„Wir kennen uns“, sagt der Ur-Öcher augenzwinkernd. Der Mann hat jetzt Feierabend – und selber Hunger.

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