Eupenerin Alice Smeets ist aus Haiti zurückgekehrt

Von: Eckhard Hoog
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Alice Smeets auf Haiti.

Eupen/Port-au-Prince. „Ich weiß eigentlich noch gar nicht, ob ich das alles schon verarbeitet habe”, sagt Alice Smeets. Schreckliche Dinge hat sie in Haiti gesehen. Acht Tage lang hielt sich die 22-Jährige unter abenteuerlichen Umständen in Port-au-Prince auf, der vom Erdbeben verwüsteten Stadt.

Am liebsten wäre sie noch länger dort geblieben, aber am Ende hörte sie doch auf ihren Freund Frederic Biegmann, um der Gesundheit willen „mal eine Pause einzulegen” und nach Hause zurückzukehren. Nach langem Hin und Her und dank Frederics Organisationstalent gelang es schließlich, einen Platz in einer belgischen Militärmaschine zu finden. Ziel: Brüssel.

In ihren jungen Jahren hat die Eupener Fotografin bereits Dinge erlebt, die manch alter Hase in seinem ganzen Leben nicht vor die Kamera bekommt. Haiti, das ist ihre zweite Heimat. 2007 flog sie zum ersten Mal dorthin, um zu fotografieren. Seither besucht sie das Land mehrfach im Jahr. Im Januar 2010 sollte es wieder losgehen. Vier Wochen hat Smeets für ihre Rundreise eingeplant. Ende des Jahres will sie einen Bildband herausbringen, ein Reportage-Porträt Haitis - mit Aufnahmen vom Karneval. Und wie immer legt die junge Fotografin einen Zwischenstopp in New York ein, um Redaktionen zu besuchen, ihre Arbeiten zu zeigen, Kontakte zu internationalen Magazinen zu pflegen. Doch diesmal kommt alles ganz anders.

Als sie in New York die Nachricht von dem schweren Beben erfährt, will sie ihren gebuchten Weiterflug gar nicht erst abwarten. „Ich muss so schnell wie möglich dahin”, erklärt sie Frederic Biegmann am Telefon. Frederic, Kameramann beim Belgischen Rundfunk BRF, ist einer ihrer besten Freunde. „Wenn sie auf Reisen ist, halte ich immer die Stellung”, erzählt der 25-Jährige. Per Internet empfängt er für gewöhnlich die Fotos, die Alice draußen in der Welt geschossen hat. Das Internet war jetzt die wichtigste Verbindung zu ihr, selten klappte es, sie übers Handy zu erreichen.

Und es gelingt Alice tatsächlich, mit der Maschine einer amerikanischen Hilfsorganisation in Port-au-Prince zu landen. Frederic: „Manchmal ist es phänomenal, wie sie sich durchschlägt.” Unter kommt sie mit Journalisten aus aller Welt in einer Station der UN, geschlafen wird unter freiem Himmel in einem Zeltpavillon. Ihr Gepäck: drei T-Shirts, ein Handtuch und der Kamera-Rucksack.

Gleich als erstes nach ihrer Ankunft in der zerstörten Stadt sucht Alice nach jenem Mädchen, mit dessen Foto sie Ende 2008 berühmt geworden ist - auf dem Bild läuft eine Elfjährige im blütenweißen Kleid durch tiefe Pfützen, während im Hintergrund zwei Schweine vor klapprigen Wellblechhütten im Dreck nach Fressbarem suchen. Alice Smeets ist die jüngste Teilnehmerin überhaupt, die damit den Wettbewerb „Unicef-Foto des Jahres” gewinnt.

Ihr Aufatmen lässt sich nachfühlen, als sie in Port-au-Prince jetzt Elie wiedertrifft, ihren haitianischen Freund, der sie bei ihren Reisen auf der Insel stets als Dolmetscher und Bodyguard begleitet: „Landa lebt!”, kann er ihr versichern. Landa Jerome, das Mädchen auf dem Unicef-Bild, hat die Katastrophe überstanden, mit ihr die Eltern und fünf Geschwister.

Landa ist für Alice Smeets weit mehr geworden als nur ein Fotomotiv. Sie hat es geschafft, die ganze Familie des Mädchens aus den Slums herauszuholen. In Eupen konnte sie dafür „Paten” gewinnen, die sie finanziell unterstützen. In einem besseren Stadtteil von Port-au-Prince besorgte sie den Jeromes ein festes Haus aus Stein, dem Vater ein Motorrad, mit dem er als Taxifahrer Geld verdienen kann, der Mutter einen Marktstand. Die „Paten”-Anfragen in Eupen und Umgebung sind mittlerweile derart angewachsen, dass Alice bereits Ausschau hält nach einem größeren Hilfsprojekt, vielleicht ein Waisenhaus zu gründen. Auch das war eigentlich ein Anstoß zu ihrer jüngsten Reise.

Nach dem Erdbeben sind die Jeromes sechs Autostunden von Port-au-Prince entfernt bei Landas Großeltern untergekommen, wo es genug zu essen gibt. Vor allem den Gestank in der Hauptstadt, den konnten sie nicht mehr ertragen. Das Haus der Familie in Port-au-Prince hat die Erdstöße ohne größere Schäden überstanden.

Nach knapp einer Woche kommt es dann zu dem kaum mehr für möglich gehaltenen Treffen: Landa ist mit Vater und Bruder von Les Cayes sechs Stunden nach Port-au-Prince gefahren, um Alice zu sehen - wenigstens ein Moment der Freude in dem ganzen Elend ringsum.

Ihre Kamera ist in den Tagen im Dauereinsatz, für Schlaf findet sie höchstens vier, fünf Stunden Zeit. Kollegen haben Wagen und Fahrer organisiert, und so durchstreift sie die verwüstete Stadt. Aber es sind nicht die Leichenberge, die Trümmerwüsten und Grausamkeiten, die das Beben hinterlassen hat, auf die sie die Linse richtet. Sie sucht „die kleinen Glücksmomente im großen Elend”. Was sie sie besonders tief beeindruckt hat? „Die Stärke der meisten Menschen hier. Als ich durch eines der Krankenhäuser ging und die Verwundeten fragte, wie es ihnen geht, antworteten viele: sehr gut. Das soll ihnen mal jemand nachmachen.”

Die „kleinen Glücksmomente”: Alice hat sie gefunden, ihre Bilder zeigen es. Im Fußballstadion zum Beispiel, hinter dem Tornetz füttert eine Mutter ihr zweijähriges Kind. Eigentlich eine ganz alltägliche Szene - allerdings in einer absurden Umgebung -, die immerhin ein kleines Stück Normalität dokumentiert, das Hoffnung gibt. Wie ein Schein des Segens trifft das Abendlicht auf zwei Kindergesichter. Oder an anderer Stelle auf einen kleinen Hügel von Melonen. Ein Markt beginnt, sich wieder zu beleben. Die Menschen packen wieder an und räumen die Trümmer beiseite oder schleppen Möbel über die Straße. Ein Mann bietet seine Dienste als Schuhputzer an - Alice Smeets entgehen nicht diese Szenen einer unwirklich scheinenden Welt.

Ein großer Lehrer

Man sieht der Qualität der Fotos an, bei wem die Fotografin in die Schule gegangen ist: Bis zu seinem Tod im März 2008 war sie in London die persönliche Assistentin des Fotojournalisten Philip Jones Griffiths, der mit seinen Vietnam-Bildern weltberühmt geworden ist. Fünf Jahre war er Präsident der Bildagentur Magnum. Keine Frage: Die Pause soll ganz kurz ausfallen, in wenigen Tagen fliegt sie wieder zurück, um weiter zu fotografieren, bis Ende Februar.

Was Alice über die Zustände in Port-au-Prince erzählt, klingt schlimm. „Viel Hilfe habe ich nicht gesehen.” Außer den Ärzten ohne Grenzen, die rund um die Uhr im Einsatz sind, ist ihr kaum ein Mensch einer großen Hilfsorganisation begegnet. Nur einmal hat sie das brasilianische Militär beobachten können, das Lebensmittel von Unicef verteilt hat. Die Hilfsgüter stehen auf dem Flughafen herum. „Ich hoffe, das hat sich mittlerweile geändert”, sagt sie.

Ihrem Eindruck nach kommt die meister Hilfe von „Einzelkämpfern”, Freiwilligen, die keiner Organisation angehören und auf eigene Faust über die Dominikanische Republik eingereist sind, um zu helfen. Wie jene deutsche Ärztin aus München, die sie in einem Krankenhaus getroffen hat. Die hat, sofort nachdem die Nachricht von der Katastrophe verbreitet war, einen Flug gebucht, um mit dem Bus weiter nach Haiti hineinzufahren. Die wenigen Tage zu Hause nutzt Alice, um kräftig Spenden zu sammeln, dann geht es sofort wieder Richtung Haiti - um selbst mit anzupacken beim Wiederaufbau.

Zur Person: Geboren wird Alice Smeets am 5. Juli 1987 in Eupen. Sie besucht dort die Schule und macht 2005 das Abitur. Ein halbes Jahr lang besucht sie eine Sprachschule in Neuseeland.

In Lüttich beginnt sie ein Studium der Fotografie, nach einer ersten Haiti-Reise bricht sie es aber ab. Das Studium ist ihr zu theoretisch, die Dozenten interessieren sich nicht für ihre Bilder.

Nach einem Workshop in New York bietet ihr Philip Jones Griffiths, Ex-Präsident der Agentur Magnum, eine Stelle als Assistentin an.

2008 besucht sie erneut Haiti. Im Dezember des Jahres gewinnt sie den internationalen Wettbewerb „Unicef-Foto des Jahres”. Im Aachener Ludwig Forum hat Alice Smeets 2009 ihre erste Einzelausstellung.

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