Eupen feiert: Vor 800 Jahren zum ersten Mal erwähnt

Von: Axel Borrenkott
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Marktplatz: Eines der prächtigsten Kaufmannshäuser (Mitte) aus dem 18. Jahrhundert beherbergt heute die Redaktion der Zeitung Grenzecho. Foto: privat/Imago
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Barock an der Klötzerbahn: Dieses Haus „Couvenescher Prägung“ wurde für die Tuchmacherfamilie de Grand Ry, eine der reichsten der Stadt, erbaut. Es ist das einzige mit offenem Innenhof zur Straße. Heute ist es Sitz der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Foto: privat/Imago
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Verbaute Geschichte: Im Südturm von St. Nikolaus befinden sich die Reste der Kapelle, der Eupen seine erste Erwähnung 1213 verdankt. Foto: privat/Imago

Eupen. Die Kirche braucht Geld. Die Kapelle, dem Heiligen Nikolaus gewidmet, muss restauriert und auch der Pfarrer besoldet werden, der Sprengel Baelen wird also zur Geldsammlung aufgerufen. Wir schreiben das Jahr 1213 und der Vorgang wäre wohl längst aus jeder Erinnerung geschwunden – hätte nicht der Chronist der Kirche erwähnt, dass sich die Kapelle in einem Ortsteil namens Oipen befinde.

Welch ein Glück für die heutige Hauptstadt der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. So darf sie in diesem Jahr ein wahrhaft respektables Jubiläum begehen: 800 Jahre Eupen! Alfred Minke, Kirchengeschichtler, passionierter Eupener und pensionierter Lehrer sowie Professor der Universität Löwen, begleitet uns durch die wichtigsten Stationen.

Der Abt von Rolduc ist es, der den Namen Eupen urkundlich festhält. Kirchlich gehört der Flecken damals zum Bistum Lüttich, politisch zum Herzogtum Limburg. Zwar macht sich Eupen nach seiner Ersterwähnung 1213 die nächsten dreieinhalb Jahrhunderte historisch kaum bemerkbar. Es fällt nur – schließlich bis ins 20. Jahrhundert – zeit- und regionstypisch immer wieder einmal einer anderen Herrschaft zu.

Die Herren wechseln öfter

Nämlich nach der Schlacht von Worringen 1288 an Brabant, 1387 an Burgund, 1477 an die österreichischen, 1555 an die spanischen Habsburger, 1794 an die Franzosen, 1815 an die Preußen. Bis Eupen im Jahr 1920 zum ersten Mal belgisch – und seine Geschichte dramatischer wird.

Die historisch bemerkenswerte Rolle Eupens gründet fraglos in der Tuchproduktion und ihren – zahlreich erhaltenen – architektonischen Zeugnissen. Doch bevor das Gewerbe im Laufe des 17. Jahrhunderts entscheidend an Bedeutung gewinnt, wird Geschichte hierorts zum ersten Mal „sehr greifbar“, als sich im Zusammenhang mit dem reformatorischen Bildersturm, der sich 1566/67 in den Niederlanden austobt, eine reformatorische Gemeinde im gut 2000 Einwohner zählenden Eupen formiert. Später von reichen Tuchmacherfamilien unterstützt, existiert die kleine Minderheit ohne Unterbrechung bis heute.

Feine Tuchqualität

Ziemlich genau ab dem Jahr 1680 – sechs Jahre zuvor waren Eupen die Stadtrechte verliehen worden – bestimmen die Herstellung und der Export von Tuchen die Geschicke der schon 4000 Einwohner starken Stadt bis ins 19. Jahrhundert, wobei sich ab 1830 der Niedergang beschleunigt. „Relativ plötzlich“, erzählt Minke, wächst den Eupener Tuchmachern zum Ende des 17. Jahrhunderts „neues Know-How“ zu.

Statt der eher groben, schweren Ware ist man nun imstande, feines, leichtes und buntes Tuch herzustellen. „Das war ein großer Einschnitt“, Eupener Tuch wird international bekannt. Begünstigt wird die – überwiegend in Heimarbeit getätigte – Feintuchmanufaktur hochwertiger Stoffe aus spanischer Merinoschafwolle, durch das weiche, kalkarme Wasser.

Die Blütezeit setzt sich durch das ganze 18. Jahrhundert fort, in dem auch die Prachtbauten der reichen bis sehr reichen Fabrikanten entstehen, namentlich der Familien de Grand Ry, Römer und Rehrmann. Der Barockmeister Johann Joseph Couven (1701-1763) ist der namhafteste Architekt einer ganzen Reihe dieser Patrizierhäuser. Zum Ende des Jahrhunderts wird Eupen französisch, zum Departement Ourthe gehörend, und lebt in der Folge eine zeitlang nicht schlecht von Rüstungsaufträgen für die Armeen Napoleons.

Unter Napoleon wird die Tuchproduktion in die Unterstadt verlegt, wo mit den Färber- und Walkerwerkstätten an Weser und Hill ein fast gänzlich neuer Stadtteil entsteht und die Industrialisierung beginnt. 1806 werden die ersten mechanischen Spinnmaschinen aufgestellt, 1815 die erste Dampfmaschine.

Zum Ende der napoleonischen Zeit sind von etwa 9500 Einwohnern 7000 in der Textilherstellung tätig, davon 5500 hauptberuflich. (Quelle: Wollroute.de) Ein Teil der Fabrikanten wird superreich. Die Ausbeutung der einfachen Arbeiter ist allerdings auch erheblich, ein sozialer Aufstieg kaum möglich.

Nach dem Wiener Kongress wird Eupen der Rheinprovinz des Königreichs Preußen zugeschlagen. „Wirtschaftlich eine Katastrophe“, sagt Minke, infolge der Einfuhrverbote und Zollschranken, wie auch der geringen Verfügbarkeit von Kohle. Während der begünstigte Standort Verviers rasant wächst, sinkt die Beschäftigung in Eupen bis 1830 auf 3000 Arbeiter.

Aber auch sonst tun sich die Eupener lange Jahre schwer, wen wundert’s, sich an die preußische Disziplin, ihre Beamten und den Protestantismus zu gewöhnen. Der Konflikt des Kölner Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering mit der preußischen Regierung in den 1840er Jahren führt, wie Minke erzählt, zu einem eklatanten Anstieg der Taufen auf den Namen Clemens in Eupen.

„Nicht aus Liebe zu Belgien“

Um die Jahrhundertmitte aber „ist Eupen in Preußen angekommen“. Umso überraschender habe man dann allgemein die Verfügung des Versailler Vertrags empfunden, dem belgischen Staat eingegliedert zu werden. 1920 findet die größte Demonstration statt, die die Stadt jemals erlebt habe, „10 000 Menschen protestierten für eine freie Volksabstimmung“, mit dem Ziel, deutsch zu bleiben.

Im Ergebnis ist das Verfahren alles andere als frei: Wer gegen Belgien stimmen will, muss sich unter den Augen eines belgischen Beamten in eine Liste eintragen. Ganze 271 Bürger trauen sich das. Es folgt eine lange, zerrissene Periode nationaler und persönlicher Probleme der Identität und Zugehörigkeit – nicht richtig deutsch, nicht richtig belgisch. Das wirkt mitunter bis heute. Die 1929 gegründete Christliche Volkspartei fordert die Revision des Versailler Vertrags. Eine Position, die durch die nationalsozialistische Entwicklung in Deutschland unhaltbar wird, aber „nicht aus Liebe zu Belgien“, sagt Minke.

„Aufs falsche Pferd gesetzt“

Beim Einmarsch der Wehrmacht am 10. Mai 1940 gibt es „zwei gleich große Lager in den Ostkantonen“, Abscheu und Hitlergruß. Nach dem Krieg dann der Schatten des Kollaborationsverdachts. Minke: „Viele hatten sich Illusionen gemacht und mussten nun erkennen, dass sie aufs falsche Pferd gesetzt hatten. Sie wären nun bereit gewesen, sich Belgien wieder ganz zu öffnen. Doch der Staat holte erst einmal den Stock raus.“

Deutsch ist anfangs als Sprache diskreditiert, der Schulunterricht findet in Französisch statt. Ab den 1960er Jahren, zumal mit der Einteilung in Sprachregionen 1963 und erst recht mit der Einsetzung des Rats der deutschen Kulturgemeinschaft 1973 „normalisieren“ sich allmählich die Verhältnisse. Mit der ersten parlamentarischen Vertretung „beginnt eine völlig neue Phase. Die Deutschsprachige Gemeinschaft entwickelt sich mehr und mehr zu einer kulturell und politisch selbstbestimmten Einheit.“

Keine prunkvollen Feiern

Dass die Ostbelgier, zumal die derzeit knapp 19 000 Eupener aber „die letzten wahren Belgier“ sind, hält Alfred Minke für ein gerne gepflegtes Klischee. Eher hätten sie am meisten zu leiden, sollte der Staat auseinanderbrechen: weil sie dann von ihrer Sonderrolle, die mehrsprachigen Brückenbauer zwischen der „romanischen und der germanischen“ Kultur nichts mehr hätten. Und, in der Tat, die Eupener haben ihre eigene Identität. Sie sind ohne Zweifel Belgier, deren erste Sprache deutsch ist.

Nicht prunkvoll, informativ will die Stadt das „runde Jubiläum“ feiern. „Unser Ziel ist es, den Leuten die jahrhundertelange Geschichte von Eupen bewusst zu machen – mit allen Höhen und Tiefen“, sagte vor der Kommunalwahl Bürgermeister Elmar Keutgen. Nachfolger Karl-Heinz Klinkenberg wird es kaum anders sehen. Neben einigen Veranstaltungen ab Mai soll dafür vor allem eine von Prof. Minke entworfene Ausstellung sorgen, die unter dem Titel „Von Oipen nach Eupen“ den Alltag der Bürger widerspiegelt.

Übrigens: Auch wenn die Reparatur nicht 800 Jahre gehalten hat: Die Reste jener geschichtsträchtigen Kapelle sind noch zu besichtigen, als Bruchsteinquader unten im Südturm von St. Nikolaus.

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