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Eschweiler Rachemord: Viele wussten Bescheid, doch niemand half

Von: Angela Delonge
Letzte Aktualisierung:
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Tatort an der Inde: Hier wurde Christian L. im August 2015 brutal erstochen. Foto: Tobias Röber

Aachen/Eschweiler. Den fünf Angeklagten im Prozess um den Mord an Christian L. dürften ihre Handys zum Verhängnis werden – nahezu alles, was mit der unfassbar brutalen Tat in Zusammenhang steht, ist festgehalten: Whatsapp-Einträge, Telefonate, Fotos.

Die Beweislage ist mehr als erdrückend, doch für das Mordmotiv – die angebliche sexuelle Belästigung der zwölfjährigen Tochter der Eheleute Nadine (31) und Karl-Heinz H. (39) – findet sich auf den Geräten nicht der geringste Beweis.

Die Umstände der Tat liegen also auch nach dem sechsten Verhandlungstag immer noch ziemlich im Dunkeln, die Zeugenbefragung kommt nur schleppend voran. Die fünf Richter unter Vorsitz von Arno Bormann geben sich alle erdenkliche Mühe, mögliche Erklärungen für die Tötung eines vollkommen unschuldigen Menschen zu finden. Doch sie stoßen vor allem im direkten Umfeld der Angeklagten immer wieder auf Widersprüche und mehr oder weniger offensichtliche Manipulationen.

Als am Donnerstag – just in dem Moment, als die Schwester von Karl-Heinz H. aussagen wollte – der Verteidiger von Nadine H., Rechtsanwalt Reiner Jobs aus Eschweiler, den Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit vom weiteren Prozess stellte, drohte der Geduldsfaden der Richter zu reißen.

Von dieser Aussage wäre möglicherweise Erhellendes zu erwarten gewesen. Die Schwester von Karl-Heinz H. hatte in ihrer polizeilichen Vernehmung nämlich von Missbrauch in der Familie und Gewalt durch ihren Bruder gegen sie gesprochen. Das hatte der Leiter der Mordkommission an einem der ersten Verhandlungstage ausgesagt.

Wie auch immer, der Rechtsanwalt war der Meinung, im Prozess werde über Dinge gesprochen, die dann über das Internet verbreitet würden und dem Ansehen der Beteiligten, auch des Opfers, schaden könnten. Weder Gericht noch Staatsanwaltschaft folgen der Argumentation, im Gegenteil. „Es besteht ein überwiegendes Interesse an der öffentlichen Erörterung der tragischen Umstände“, sagte Bormann.

Für die Staatsanwaltschaft ist der Prozess sogar „Stadtgespräch“, auch wenn hässliche Kommentare im Internet sehr ärgerlich seien. Das Gericht sieht kein schutzwürdiges Interesse, soweit es um Drogen- oder Alkoholkonsum geht. „Und über sexuelle Neigungen, die das Ansehen eines Betroffenen schädigen könnten, ist noch nicht gesprochen worden, und dies ist auch nicht zu erwarten.“

Damit spielte Richter Bormann auf die Befragung der Sozialarbeiterin des Opfers an, ob Christian L. auch gleichgeschlechtliche Kontakte gesucht habe. Nach den Wertvorstellungen von Rechtsanwalt Jobs sei das schädlich für das Ansehen.

Mehr als 20 Zeugen haben mittlerweile ausgesagt, und so, wie es aussieht, gibt es für den Mord an Christian L. vielleicht gar keine konkreten Gründe, sondern nur ein Meer von im Moment noch undurchsichtigen Ursachen, die man im Wesentlichen als Verstrickungen bezeichnen könnte. Tatsache ist, dass wohl viele aus dem Umfeld der Angeklagten – Verwandte, Arbeitskollegen, Freunde – von der bevorstehenden „Abreibung“, die dem Opfer verpasst werden sollte, gewusst haben. Aber niemand hielt es offenbar für nötig, die Täter aufzuhalten.

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