Eschweiler Rachemord: Als Sven L. aus dem Auto sprang

Von: Angela Delonge
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Tatort an der Inde: Hier wurde Christian L. im August 2015 brutal erstochen. Foto: Tobias Röber

Aachen/Eschweiler. Beim Prozess um den Mord an Christian L. wird immer mehr deutlich, dass vor allem die Arbeitskollegen der Angeklagten Karl-Heinz H. (39) und Sven L. (26) im Vorhinein ziemlich viel „von der ganzen Sache“ gewusst haben müssen.

Beide Männer waren vor ihrer Verhaftung bei den Eschweiler Wirtschaftsbetrieben (EWB) beschäftigt, arbeiteten als Gartenbaugehilfen in derselben Kolonne. Beide stehen nun zusammen mit der Ehefrau von Karl-Heinz H., Nadine H. (31), wegen gemeinschaftlichen Mordes an Christian L. und schwerer räuberischer Erpressung mit Todesfolge vor dem Aachener Landgericht.

Mehrere Arbeitskollegen der beiden haben inzwischen vor Gericht als Zeugen ausgesagt. Übereinstimmend beschrieben sie sowohl Karl-Heinz H. als auch Sven L. als zuverlässige, korrekte und eher ruhige Kollegen. Doch natürlich interessiert sich das Gericht vor allem für das Verhalten von H. und L. vor der Tat. Waren sie in den Wochen vor der Tat oder gar am Tattag anders als sonst?

Und tatsächlich kommen auf Nachfragen des Vorsitzenden Richters Arno Bormann immer wieder erstaunliche Dinge ans Licht. Demnach war das „Dauerthema“ von Karl-Heinz H., nämlich die angebliche Verfolgung seiner zwölfjährigen Tochter durch einen Pädophilen auf Facebook, vielen Kollegen seit längerem bestens bekannt.

Der Angeklagte hatte im Kollegenkreis ein Facebook-Profil des angeblichen Täters herumgezeigt, an einen Namen kann sich aber vor Gericht keiner erinnern. Aber keiner stellte infrage, dass es sich dabei um Christian L. handelt. Informationen, die ausschließlich auf Aussagen von Karl-Heinz H. beruhten, wurden von allen selbstverständlich für bare Münze genommen.

Ein Kollege erklärte sich sogar bereit, die Adresse des Opfers für Karl-Heinz H. ausfindig zu machen, der etwa zwei, drei Wochen vor der Tat wieder eine mächtige Wut auf Christian L. hatte, weil er davon überzeugt war, dass dieser abermals seine Tochter angeschrieben hatte. Er drohte dem späteren Mordopfer auf Facebook: „Ich weiß, wo du wohnst, pass‘ auf, wenn du das Haus verlässt.“

Ein anderer Kollege will dagegen erst eine Woche vor der Tat überhaupt erst erfahren haben, dass die Tochter von Karl-Heinz und Nadine H. bei Facebook mit dem Profil einer 22-Jährigen unterwegs war, und dann zu Karl-Heinz H. gesagt haben: „Da musst du dich nicht wundern, wenn die von Männern angeschrieben wird.“

Insgesamt muss es in den Wochen vor der Tat bei der Arbeit aber ziemlich drunter und drüber gegangen sein. In den Pausen wurde reichlich Alkohol konsumiert – Sven L. spendierte palettenweise Waldmeisterschnaps in kleinen Flaschen. Keiner der Zeugen will da mitgetrunken haben, das waren immer die anderen, und das weiß man auch nur vom Hörensagen. Auch von Drogenkonsum während der Arbeit weiß angeblich niemand, obwohl Sven L. zu Beginn des Prozesses gesagt hatte, dass er zuletzt fast täglich Speed genommen hatte, weil er sich stark unter Druck fühlte. Dass damals irgendwie schlechte Stimmung in der Kolonne herrschte, da sind sich die Zeugen einig.

In dieser Zeit fiel jedoch weniger Karl-Heinz H. als Sven L. unangenehm auf. Bei einem „Riesenstreit“ unter Kollegen rund eine Woche vor der Tat hatte er sich plötzlich aus dem fahrenden Auto der Kolonne geworfen. Eine Erklärung dafür gab er seinen Kollegen nicht, doch einer riet ihm, sich therapeutische Hilfe zu holen.

Immer schon habe Sven L. mit „kuriosen Sachen“, „Lügen“ und „viel heißer Luft“ Aufmerksamkeit erregen wollen, sich aufgeplustert, das sagten verschiedene Zeugen. „Der Sven hat sie nicht mehr alle“, sagte ein Kollege in der Befragung durch die Richter. Am Morgen vor der Tat hatte dieser Zeuge, ebenso wie andere, von Karl-Heinz H. erfahren, dass Christian L. am Abend „eine Abreibung“ verpasst werden solle. In welcher Art und Weise, sei offen geblieben. Der Kollege konnte sich aber daran erinnern, dass Sven L. „da unbedingt mitmachen“ und eine andere Verabredung dafür absagen wollte.

Etwa eine Woche zuvor hatte er mitbekommen, wie ein Kollege auf der Arbeit Sven L. ein Sturmgewehr zum Verkauf anbot. Das habe der dann gekauft, zusammen mit einem Luftgewehr, meinte der Zeuge. Dies ist möglicherweise insofern von Bedeutung, als die Tatwaffe, mit der Christian L. auf brutalste Art und Weise erstochen wurde, ein Bajonett mit circa 40 Zentimeter langer Klinge war – der Aufsatz für ein Sturmgewehr.

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