Es war einmal das Wintermärchen in der Eifel

Von: André Schaefer
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Früher fuhren Touristen nach Rohren, um dort Skiurlaub zu machen. Heute reicht es meist nur zum Schlittenfahren. Der Grund: Es fehlt der Schnee. Foto: Schaefer
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In den frühen 90er Jahren war der Skihang in Rohren regelmäßig gut gefüllt. Heute kommt es zu solchen Bildern nur noch selten. Foto: Stollenwerk
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Edith Hermanns und... Foto: Schaefer
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... Manfred Stein sind trotzdem weiterhin mit Leidenschaft bei der Sache. Foto: Schaefer

Monschau/Aachen. Das matte Licht in der Blockhütte wirkt von außen betrachtet wie ein letztes Lebenszeichen. Es ist still in der Rödchenstraße in Monschau-Rohren. Sehr still. Keine Stimmen, kein vorbeifahrendes Auto. An der Tür der Hütte hängt ein Schild, darauf steht: „Am Wochenende sind wir für Sie da“. Nur: Es ist kein Wochenende, es ist Freitag.

Früher ist das mal ein Tag gewesen, an dem in der kleinen Gaststätte des Wintersportzentrums Rohren eine Menge los war. Heute bleibt die Hütte freitags geschlossen.

Edith Hermanns ist trotzdem da. Hermanns, 74, steht in der Eingangstür, grüßt freundlich und bittet hinein. Natürlich ist sie vorbereitet. Kaum Platz genommen, legt die 74-Jährige ein Dutzend Fotos auf den Tisch. „Sehen Sie mal“, sagt sie. „Sehen Sie mal, wie schön es hier mal war.“ Vor ihr liegend: Bilder einer traumhaften Winterlandschaft. Schneebedeckte Hügel; ein Hang, der beste Bedingungen zum Skifahren bietet.

„Mich macht das traurig, wenn ich daran denke, wie schön es hier mal war“, sagt Hermanns, die gerne von der Vergangenheit spricht. Und wenn sie dann noch mal über das Hier und Jetzt berichtet, dann zieht Hermanns die Mundwinkel nach unten. Dann schaut sie aus dem Fenster, zeigt mit dem Finger auf den großen inaktiven Skilift, der an der Spitze des nahezu schneefreien Hangs direkt vor der Holzhütte steht und sagt: „Sehen Sie doch, wie es nun aussieht.“ Wonach es jedenfalls nicht aussieht: nach einem Ort, der jährlich Tausende Besucher zum Skifahren einlädt. Die Eifel, ein Wintermärchen? Das war einmal!

Ski-Urlaub in Monschau

Man muss schon ein wenig in den Geschichtsbüchern blättern, um tatsächlich zu glauben, dass die Eifel einmal ein beliebter Urlaubsort für Wintersportler war. Aber: Es gab sie, die Zeit, in der Touristen nicht in den Schwarzwald, nicht ins Sauerland, sondern nach Monschau kamen, um Ski zu fahren. Genauer gesagt nach Rohren. Zu Edith Hermanns.

Seit 40 Jahren kümmert sich die 74-Jährige um die Gastronomie im Wintersportzentrum Rohren. Heute ist die Blockhütte nur noch am Wochenende ihr Zuhause, früher war sie das jeden Tag. Ihr Mann Rudi war bis 2011 Betreiber des Wintersportzentrums, inzwischen lebt er nicht mehr. An die Zeit, als der Skihang in Rohren täglich gut gefüllt war, erinnert sich Hermanns gerne zurück. „In den 70er und 80er Jahren war hier ständig Hochbetrieb“, sagt sie. „Da gab es Tage, an denen wir morgens um halb zehn kein einziges Paar Skier mehr verleihen konnten.“ Rohren, das war sogar einmal ein Ort, an dem der Westdeutsche Skiverband Skirennen veranstaltete. Der letzte Wettbewerb dieser Art liegt mittlerweile schon 30 Jahre zurück. Hermanns weiß: Die Zeiten haben sich geändert. Der Eifel fehlt der Schnee.

Die schneereichsten Tage des aktuellen Winters gab es in Rohren an einem Wochenende Mitte Januar. Bis zu 1500 Besucher waren da, der Großteil von ihnen nutzte allerdings lieber den Schlitten als die Skier. Der letzte große Skibetrieb liegt schon rund drei Jahre zurück. 2013 war der große Lift am Wintersportzentrum Rohren zum letzten Mal richtig in Betrieb, im vergangenen Winter lief er genau einen Tag. Der diesjährige Winter ist der erste seit 40 Jahren, in dem der große Lift des Wintersportzentrums Rohren komplett still steht.

Die Entscheidung, den großen Lift erst gar nicht für den Winterbetrieb umzurüsten, hat Manfred Stein getroffen. Stein, 53, ist seit Anfang 2012 der Betreiber des Wintersportzentrums. Der gebürtige Rohrener steht vor dem geschlossenen Kassenhäuschen am Skihang und blickt auf den Boden – so, als zähle er jede einzelne Schneeflocke am nur mäßig mit Schnee bedeckten Hang. Als Kind hat Stein schon an dieser Stelle gestanden, fünf Jahre alt war er da. Einziger Unterschied: Damals stand er auf einem gut präparierten Hang, auf dem bis zu 25 Zentimeter Schnee lagen. Heute steht er auf einem Hang, auf dem nicht mal genug Schnee liegt, um einen Schneemann zu bauen.

„Der Skibetrieb hat hier keine Chance mehr“, sagt Stein. Es sind deutliche Worte für einen Mann, der seine Heimat einst als Skigebiet lieben gelernt hat. Und deutliche Worte für jemanden, der mit dem Wintersportzentrum Rohren sein Geld verdient. Wer nun allerdings glaubt, einem frustrierten oder gar resignierendem Mann in die Augen zu schauen, irrt sich. Stein hat sein Lachen nicht verloren, er sagt: „Wer Geschäfte mit dem Wetter macht, muss einen langen Atem haben.“

Ein Blick auf die Wetterstatistik der Nordeifel verrät: Der aktuelle Winter hatte vom 1. Dezember 2015 bis 28. Februar genau 17 Schneetage. Gemessen wurde das an der Wetterstation Hürtgenwald-Vossenack, deren Ergebnisse laut Information des Wetterportals eifelwetter.de aufgrund einer ähnlichen Lage mit Rohren vergleichbar sind. Zwölf Zentimeter Schnee wurde dabei als höchster Wert gemessen – an genau einem Tag. Mindestens 20 Zentimeter wären allerdings notwendig, um so etwas wie eine gut präparierte Skipiste herzustellen zu können.

Nur im Sommer volle Kassen

Es gibt Menschen in Rohren, die haben Manfred Stein daher in den vergangenen Monaten oft gefragt, warum er sich das alles überhaupt noch antut. Stein kann diese Fragen gut nachvollziehen. Und erstaunlich ist, dass Stein auf solche Fragen eine klare Antwort hat, und die lautet so: „Ich betreibe das Wintersportzentrum weiterhin, weil es eine Herzensangelegenheit ist. Ginge es mir allein um den Gewinn, hätte ich hier schon längst meine Sachen packen müssen“, sagt er.

Dass Stein überhaupt noch vom Wintersportzentrum leben kann, liegt nicht am Winter, sondern am Sommer. Denn ab Ende März wird aus dem Wintersportzentrum Rohren mit der Eröffnung der Sommerbobbahn ein Sommersportzentrum. Auf die Besucher wartet dann eine rund 750 Meter lange Abfahrt mit Einer- und Zweierbobs. Für Stein ist der Sommerbetrieb tatsächlich eine wirtschaftlich lukrative Zeit. Er sagt: „Der Sommer schleppt den Winter komplett durch. Ich könnte hier Ende Oktober die Schotten dicht machen und erst Ende März wieder eröffnen. Aber man hängt halt emotional am Winterbetrieb.“

Dass sich der allerdings in Zukunft kaum noch lohnen wird, wagt auch Gunnar Ketzler zu behaupten. Ketzler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geographischen Institut der RWTH Aachen. Er sagt, auch in den 70er und 80er Jahren habe es hin und wieder mal einen Winter gegeben, in dem die Eifel kaum Schnee gesehen habe. „Ebenso ist es möglich, dass es in Zukunft nochmals einen schneereichen Winter in der Eifel geben wird, der zum Skifahren ideal wäre“, sagt Ketzler. Aber: „Um Wintersport in der Eifel gewährleisten zu können, braucht es über einen langen Zeitraum Temperaturen unter Null Grad, damit überhaupt so etwas wie eine Schneedecke entstehen kann. Diese Phasen wird es immer seltener in der Eifel geben“, sagt Ketzler.

Umrüstung auf Schlitten-Lift

Die Prognosen sind düster, das Kapitel Wintermärchen ist für die Eifel offenbar zu Ende erzählt. Und die Tourismusbranche? „Die spürt deshalb keinen Rückgang“, sagt Margareta Ritter, Monschaus Bürgermeisterin und Geschäftsführerin der Monschau-Touristik GmbH. Ritter findet, die Eifel sei nach wie vor besonders im Winter eine Attraktion für Touristen. „Es ist sicher so, dass kaum noch jemand Wintersport-Urlaub in Monschau macht. Dafür gibt es aber immerhin noch Möglichkeiten zum Langlauf. Die Touristen zieht es im Winter gerne zu uns“, sagt Ritter.

Die, die weiterhin im Winter den Weg nach Rohren anpeilen, will Manfred Stein in Zukunft für sich gewinnen. Stein erwägt, demnächst einen der kleinen Ski-Lifte zu einem Schlitten-Lift umzubauen. Er glaubt, dieser Umbau könne dazu führen, aus dem Wintersportzentrum zumindest eine Schlittenattraktion zu machen. „Zum Schlittenfahren reichen schon wenige Zentimeter Schnee. Diese Investition könnte sich lohnen“, sagt er. Edith Hermanns würde sich darüber jedenfalls freuen. Ein gut gefüllter Skihang ist das, was sich die 74-Jährige wünscht. Und der würde dazu führen, dass sie wieder glücklicher aus ihrer Hütte auf den Hang schaut.

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