„Es war ein ganz normaler Mord”: Lebenslang für Ärztin Lydia H.

Von: Wolfgang Schumacher
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Die Narkoseärztin Lydia H. neben ihrem Anwalt Reinhard Birkenstock.
Die Narkoseärztin Lydia H. neben ihrem Anwalt Reinhard Birkenstock. Foto: dpa

Aachen. Die Aachener Narkoseärztin Lydia H. (36) ist wegen Mordes an ihren Ehemann am Dienstagmittag vom Aachener Schwurgericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die Ärztin, der die Kammer unter Vorsitz von Richter Gerd Nohl gleichermaßen ein lebenslanges Berufsverbot erteilte, habe die Tat in der Nacht vom 18. auf den 19. Februar 2011 „heimtückisch und aus niederen Beweggründen” begangen.

Die Kammer verneinte die Feststellung der „besonderen Schwere der Schuld”, die von der Staatsanwaltschaft beantragt worden war. „Es war ein ganz normaler Mord”, zog der Vorsitzende das lapidare Fazit in diesem spektakulären Fall, der seit Anfang Dezember im Aachener Landgericht, also seit sieben Monaten, verhandelt wurde. Nohl rückte damit gleichzeitig die Bemühungen der Verteidigung gerade, die in ihrem Plädoyer die Tat als einen spontanen Totschlag im Zustand verminderter Schuldfähigkeit dargestellt hatte.

Der Kölner Anwalt der Ärztin, Reinhard Birkenstock, sagte nach der Verkündung, er werde genauestens prüfen, ob seine Mandantin in dieser nächtlichen Streitsituation wirklich die „Arg- und Wehrlosigkeit” ihres 85-jährigen Ehemanns ausgenutzt habe. „Wir werden den Kernbereich des Urteils genau überprüfen”, sagte er vor den zahlreichen Kameras und kündigte den Gang in die Revision an.

Die Ärztin hatte erst zwei Tage vor der Tat bei einem Bewerbungsgespräch am Ulmer Klinikum eine Stelle als Narkoseärztin zugesichert bekommen. Sie musste damals im März noch ihr Rigorosum - die Prüfung für den Doktortitel - in Aachen ablegen, was sie später auch tat. In dieser Nacht aber, so das Gericht, habe sie nach immer heftigeren Auseinandersetzungen mit dem 50 Jahre älteren Ehemann „in wenigen Sekunden nicht nur sein Leben, sondern auch alles das, was sie sich bis dahin in anerkennenswerter Weise erarbeitet hatte, zerstört”.

Die damals 35-Jährige hatte seit wenigen Monaten eine neue Beziehung zu einem pensionierten Lehrer aus dem süddeutschen Raum über das Internetportal „easy flirt” aufgenommen. Der neue Liebhaber, der allerdings ebenso ihr Vater hätte sein können, begleitete sie auch zu dem Bewerbungsgespräch in Ulm und hatte sie kurz zuvor in Aachen besucht.

Der Ehemann, der das seinerzeit drogensüchtige Mädchen vor mehr als 15 Jahren au der Gosse und vom Straßenstrich geholt hatte, wurde nun jedoch misstrauisch und begann, ihre Unabhängigkeitsbestrebungen zu torpedieren. So räumte er ihre gemeinsamen Konten bei Banken und ließ ihre Scheckkarte für das Sparkassenkonto einziehen. „Seine letzten Verfügungen zu ihren Gunsten nach seinem Tod änderte er allerdings nicht”, stellte das Gericht fest.

Mit der Obduktion „Pech gehabt”

Die Kammer wertete den Akt des Aufziehens der Spritze mit einer 20-fachen erhöhten Dosis Morphin nicht „als eiskalte und lange geplante Tat”. „Sie hat sich innerhalb von Sekunden entschieden, ihren Ehemann zu ermorden”. Das bleibe allerdings noch immer ein Mord. Die psychiatrischen und psychologischen Sachverständigen hätten keinerlei Anzeichen geistiger oder affektierter Störungen feststellen können.

Mit der später angeordneten Obduktion habe die Ärztin „Pech gehabt”. Bei einem Verstorbenen dieses Alters sei es in der Regel nicht üblich, eine Obduktion anzuordnen.

Wäre am Morgen nach der Todesnacht des 85-Jährigen seine Hausärztin gekommen, dann wäre wahrscheinlich niemand stutzig geworden - das Gericht schätzte die Chancen für eine Vertuschung des Mordgeschehens durchaus realistisch ein. In diesen Fall war aber der am Wochenende zuständige Leichenbeschauer in die Wohnung gekommen. Er kannte die Ärztin von der Ausbildung her und habe die Obduktion deswegen angeordnete, „um die Kollegin von möglicherweise üblen Verdächtigungen” frei zu halten.

Unüblich sei auch die Anordnung der Staatsanwaltschaft, eine chemisch-toxikologische Untersuchung machen zu lassen, meinte das Gericht.


Unterschiedlich werteten das Urteil die beiden als Nebenkläger im Prozess anwesenden Söhne des getöteten Lebensmittelhändlers, der rund 100.000 Euro hinterließ. Während dem heute 40-jährigen Jörg H. das Strafmaß „zu milde” war und er gerne die Feststellung der „besonderen Schwere der Schuld” der Ärztin im Urteil gehabt hätte, sagte sein älterer Bruder Dieter H. (63): „Das Urteil war völlig in Ordnung. Ich hoffe, dass damit die Sache endlich abgeschlossen ist”.


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