Erste Deutsche auf Englands Thron: 500 Jahre Anna von Kleve

Von: Guido Jansen
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Heiratsgrund: Heinrich VIII. war angetan von Anna von Kleves Porträt, das Hans Holbein der Jüngere gemalt hatte. Heute hängt das Gemälde, das in Düren entstanden ist, im Pariser Louvre.

Jülich/Düsseldorf. Ein mächtiger Herrscher verguckt sich in eine junge Adlige vom Land, kein Jahr später heiraten sie. Das hört sich zwar sehr romantisch und nach dem idealen Drehbuch für eine gefühlvolle TV-Serie an – ist es aber nicht. Die Geschichte der Anna von Kleve und ihrer Hochzeit mit dem englischen König Heinrich VIII. hat nichts mit großen Gefühlen zu tun.

Sie taugt nicht einmal zur Tragödie. Was der Tochter aus dem einflußreichen Haus Jülich-Kleve-Berg ihren Platz in der Geschichte tatsächlich gesichert hat, ist die Tatsache, dass sie die erste Deutsche auf dem englischen Thron war und damit – in England hört man das nicht gerne – eine lange Tradition begründete, die bis heute anhält.

Anna von Kleve wurde gestern vor 500 Jahren in Düsseldorf geboren. Ihre Zeit als Königin dauerte nur ein halbes Jahr. „Ich mag sie nicht“, soll der englische König schon bei der ersten Begegnung gesagt haben. Der Heiratsvertrag war da schon unterschrieben. Am 6. Januar 1540 folgte die Hochzeit, am 9. Juli die Scheidung. „Dass Heinrich sie nicht anziehend fand, mag so gewesen sein“, sagt Guido von Büren vom Museum Zitadelle in Jülich. „Aber letztlich ist Anna ein Opfer der politischen Lage in Europa geworden.“

Geheiratet hatte Heinrich die Schwester des Jülicher Herzogs Wilhelm V., um einen Verbündeten in einem möglichen Konflikt mit dem deutschen Kaiser Karl V. zu finden. Die Wogen zwischen Heinrich und Karl glätteten sich 1540 so weit, dass Heinrich keinen Vorteil mehr in der Ehe mit Anna sah. Gleichwohl gelang neben ihr nur noch Heinrichs letzter Ehefrau Katharine Parr das Kunststück, den König zu überleben. Die vier anderen Frauen wurden entweder unehrenhaft verstoßen, verstarben unerwartet und tragisch, oder aber Heinrich ließ sie köpfen.

Heinrichs Brautschau nach dem unerwarteten Tod seiner dritten Frau Jane Seymour war seinem politischen Kalkül geschuldet. Der von seiner Libido gerittene Herrscher stellte zwei Ansprüche an seine vierte Frau: Attraktiv sollte sie sein und, noch wichtiger, aus einer mächtigen Familie stammen. Denn mit dem Verstoß seiner ersten Frau Katharina von Aragon und der daraus folgenden Exkommunikation hatte sich Heinrich politisch in Europa isoliert. Katharina von Aragon war eine Tante des deutschen Kaisers.

Heinrich und seine Berater befürchteten offenbar, dass mit dem Deutschen Reich und Frankreich die beiden katholischen Großmächte auf dem Festland gemeinsame Sache gegen ihn machen könnten. Heinrich hatte neun potenzielle Königinnen auf seiner Liste. Der Ruf des heiratswilligen Herrschers bei den adligen Frauen war schlecht. Seine erste Frau Katharina hatte er verstoßen, weil sie keinen männlichen Thronfolger geboren hatte, seine zweite Gemahlin Anne Boylen hatte er köpfen lassen.

Um sich ein Bild von den Kandidatinnen zu machen, schickte Heinrich seinen Hofmaler Hans Holbein den Jüngeren los, um die Frauen zu porträtieren. So passierte es, dass ein in Düren gemaltes Bild heute im bedeutendsten Kunst-Museum der Welt hängt: im Louvre in Paris. Holbein traf Anna in Düren und malte sie, vermutlich allzu schmeichelhaft. Alles schien zu passen: Die Braut sah gut aus, ihre Familie befand sich in einem Streit mit dem deutschen Kaiser um das Herzogtum Geldern. Zudem war Wilhelm V., Herzog von Jülich-Kleve-Berg und Annas Bruder. Dieser mächtige Mann ließ ab 1545 die kolossale Jülicher Zitadelle bauen.

Dann begegnete Heinrich, der pompöseste Herrscher seiner Zeit, seiner künftigen Gemahlin zum ersten Mal – und war enttäuscht. „Das kulturelle Gefälle zwischen dem Hof des Herzogs und dem englischen Herrscher-Hof dürfte sehr groß gewesen sein“, sagt von Büren. Das Mauerblümchen aus dem Herzogtum, das keine Idee von der Mode und den Gepflogenheiten am englischen Hof hatte, passte dem prunkvollen Frauenheld aus England nicht. Es gibt sogar Quellen, die besagen, dass die neue Königin davon ausging, dass es reicht, sich zu küssen, um Kinder zu zeugen.

„Eins dürfte sicher sein: Anna war nicht hinreichend auf das höfische Leben in England vorbereitet“, sagt von Büren. Der Jülicher Historiker beruft sich auf Konrad Heresbach, den Erzieher des Herzogs. „Er schreibt in seinem Buch über Fürstenerziehung, dass Reisen unnötig gefährlich ist. Zwar war Heresbach für die Erziehung der männlichen Erben zuständig. Aber die Aussage über das Reisen zeigt auch die generelle Haltung am Hof im Herzogtum.“

Das englische Verhältnis zum Deutschen Reich besserte sich 1540 schnell, Anna war für Heinrich überflüssig geworden. Also veranlasste er seine Advokaten, einen alten Heiratsvertrag Annas mit Franz von Lothringen noch einmal zu prüfen und herauszufinden, dass er doch gültig ist. Zudem ließ er seinen Minister Thomas Cromwell, der die Ehe mit Anna arrangiert hatte, bezeugen, dass der König und die Königin keinen Geschlechtsverkehr gehabt hatten und die Ehe so niemals vollzogen wurde.

Anna von Kleve machte Platz für eine ihrer Hofdamen, Catherine Howard. 1542 ließ Heinrich auch Catherine enthaupten, wegen angeblicher Untreue. Anna von Kleve lebte mit dem Ehrentitel, Schwester des Königs zu sein und blieb in England, großzügig versorgt von Heinrich. „Sie hat letztlich sogar Glück gehabt. Sie hat sich in England so wohl gefühlt, dass sie nicht mehr an den Niederrhein zurück wollte“, sagt von Büren. Anna von Kleve blühte auf, lernte das höfische Leben und die internationale Mode kennen.

Nach Heinrichs Tod 1547 schwanden ihre Mittel und sie musste bei ihrem Bruder in Jülich um Unterhaltszahlungen bitten. Am 16. Juli 1557 starbt sie 41-jährig in London, vermutlich an Krebs. Anna von Kleve wurde in Westminster Abbey beigesetzt.

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