Erstaunlich gelassen diskutieren Protestanten Sparkurs

Von: Joachim Gerhardt
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Jülich. Vielleicht machen 268 Jahre Kirchengeschichte gelassen: Am Ort der Christuskirche in Jülich wird seit 1745 evangelischer Gottesdienst gefeiert. Segensreiche Ruhe strahlt der trutzige Kirchraum aus. Ruhig und sachlich verlief in dem Gotteshaus am Samstag auch eine Debatte über ein Thema, das üblicherweise die Gemüter erregt.

Es geht um die Finanznöte. Die Evangelische Kirche im Rheinland sieht sich gezwungen, ihren Etat für die landeskirchliche Ebene bis 2018 um 35 Prozent zu kürzen.

Was das für einzelne Arbeitsgebiete bedeutet und wie das Gesicht der zweitgrößten deutschen Landeskirche mit ihren gut 2,7 Millionen Mitgliedern künftig aussieht – das mag die Kirchenleitung nicht allein entscheiden. Auf sechs Regionalkonferenzen soll die Basis deshalb Gelegenheit haben, die Sachlage öffentlich und ungeschminkt zu diskutieren. Zum Auftakt der Reihe in Jülich sitzen Präses Manfred Rekowski und weitere Mitglieder der Kirchenleitung in der Christuskirche, ihnen gegenüber rund 150 interessierte haupt- und ehrenamtliche Kirchenleute. Gemeinsam wollen sie nach Wegen suchen, wie die Sparmaßnahmen – minus 20 Millionen Euro bis 2018 – umgesetzt werden können.

 

Rekowski ruft dazu auf, den Umbau aktiv zu gestalten: Er wünsche sich ein Maximum an Phantasie und „zielstrebige Ergebnisse, um nicht von Kürzungsrunde zu Kürzungsrunde zu schlittern“, sagt der 55-jährige Theologe. Eine wichtige Botschaft an die Basis: Die 739 Gemeinden und 38 Kirchenkreise sind nicht unmittelbar betroffen, weil sie über die Finanzen auf ihrer Ebene selbst entscheiden. Auf dem Prüfstand steht aber alles, was die Landeskirche finanziert, von der Evangelischen Akademie in Bonn bis zu den zehn kirchlichen Schulen. Ein schmerzhafter Prozess.

„Wir wollen möglichst viele Transparenz und sind sehr offen für gute Ideen“, betont Rekowski. In der Runde gibt es Fürrede für den Pfarrdienst und die kirchliche Bildungsarbeit, aber auch die Mahnung, nicht in einen „vorausschauenden Pessimismus“ zu verfallen. Auch Skepsis wird laut, ob die landeskirchlichen Finanzplanungen langfristig aussagekräftig sind. Denn mancherorts stiegen zuletzt die Kirchensteuereinnahmen. Die Kirchensteuerhoheit liegt im Rheiland bei den Gemeinden, die Arbeit auf der landeskirchlichen Ebene wird durch eine Umlage finanziert.

Doch Vizepräsident Johann Weusmann warnt davor, sich von augenblicklich guten Zahlen verleiten zu lassen. Das Defizit der rheinischen Kirche sei strukturell, sagt der oberste Jurist der rheinischen Kirche. Das habe der jüngste Kassensturz eindeutig gezeigt. Die ursprünglich geplanten Einsparungen in Höhe etwa 15 Prozent bis zum Jahr 2023 reichten nicht aus. „Es geht kein Weg daran vorbei: Wir müssen deutlich mehr und schneller sparen.“ Für Präses Rekowski ist daher „vorausschauender Realismus“ angesagt.

Die Weichen werden schon bald gestellt: Am 23. November tagt eine Sondersy­node, Anfang Januar die nächste reguläre Landessynode. Dann werde es darauf ankommen, nicht nur die nackten Zahlen richtig zu lesen, sondern noch stärker ein Bild davon zu entwickeln, wie sich die Protestanten die Zukunft ihrer Landeskirche vorstellen, heißt es in Jülich.

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