Erst kämpfte er gegen die Grenzen, heute gegen die Maut

Von: Claudia Schweda
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Kerkrade Herzogenrath
Der Kampf eines kleinen Mannes für eine große Sache: Der Herzogenrather Theo Kutsch hat sich immer für den Abbau von Grenzen eingesetzt – so wie 1973 für Löcher in dem Mäuerchen, das Herzogenrath und Kerkrade lange trennte. Sein Standort auf dem Mäuerchen war damals nicht erlaubt. Foto: imago
theo kutsch
Foto: Claudia Schweda

Herzogenrath. Theo Kutsch hat sich sein Leben lang nicht mit Dingen abgefunden, die andere für unabänderlich hielten. Er hat dann einfach den direkten Kontakt zu den Verantwortlichen gesucht und Briefe geschrieben; an Bürgermeister, Staatssekretäre, Außenminister oder aktuell: die Kanzlerin. Fast immer geht es um Grenzfragen, genauer: um die Frage, wie man die Grenzen zum Nachbarn möglichst schnell abbauen kann.

Beharrlich vertritt er seine Anliegen. Wer einen Blick auf seine umfangreichen Schriftwechsel wirft, kann sich vorstellen, dass er dem ein oder anderen im Laufe seines langen Lebens wohl ein bisschen auf die Nerven gegangen ist. Aber so hat er die Ziele erreicht, die andere für unabänderlich hielten. Dieses Mal geht es um die Autobahnmaut. Kutsch, 94, ist dagegen.

Das hat seine Gründe. Kutsch kennt die Folgen von Grenzen, die man errichtet. Er ist in Herzogenrath im letzten Haus vor dem Schlagbaum zu den Niederlanden aufgewachsen. Damals, zwischen den beiden Weltkriegen, gehörten bewachte Grenzposten zum Alltag. „Und die haben auch geschossen, wenn sie es für nötig hielten.“ Er und seine Freunde durften im Rolducer Wald auf Kerkrader Gebiet spielen. Ansonsten waren dort nur Grenzsoldaten auf der Suche nach Schmugglern unterwegs. „Gegen ein Entgelt verrieten wir den Zöllnern schon einmal ein Versteck mit Schmuggelware“, sagt Kutsch. Die Schmuggler verrieten sie nie.

Als er aus dem Zweiten Weltkrieg in seine Heimat zurückkehrte, war die Grenze geschlossen. Auch Familien und Freunde durften sie nicht mehr übertreten, um sich zu begegnen. „Gemeinden, die vor dem Krieg einen freundschaftlichen Austausch pflegten, waren plötzlich zu Feinden erklärt worden.“ Kutsch, später Prokurist in der Nadelfabrik Schmetz, erlebte in der Firma direkt nach Kriegsende bei einem Einstellungsgespräch einen weinenden Mann. Dessen Frau war mit dem Kind in den letzten Kriegswirren nach Eindhoven zu ihrer Familie geflohen. Und sie konnten nicht mehr zueinander kommen. „Da bin ich wach geworden“, sagt Kutsch heute. „Die Gesetze hatten Politiker in Den Haag beschlossen, weit weg von uns. Sie kannten das Leben an der Grenze nicht“, sagt Kutsch, „so wie Verkehrsminister Dobrindt heute unsere Situation nicht kennt.“

Kutsch suchte damals – aus rein persönlichem Antrieb, ohne jedes politische Mandat – den Kontakt nach Kerkrade. Als er zum Gespräch eingeladen wurde, ging er einfach die vertrauten Pfade der Kindheit über die grüne Grenze durch den Wald von Rolduc. Schließlich stand der Kontakt zum damaligen Bürgermeister in Kerkrade. Und Kutsch nahm einen regen Briefwechsel auf, in dem er sich für den Abbau des meterhohen und kilometerlangen Stacheldrahtes stark machte, der Herzogenrath und Kerkrade auf der Nieuwstraat/Neustraße seit Kriegsende trennte.

Er erreichte sein Ziel. „Im Frühjahr 1967“, schrieb der Bürgermeister ihm, sollen „die Arbeiten ihren Anfang nehmen“. Übrig blieben niedrige Betonblöcke, über die man hüpfen könnte, aber nicht hüpfen darf. Wieder kämpfte Kutsch für Durchgänge für die Menschen im alltäglichen Grenzverkehr. „Sehr geehrter Außenminister Scheel“ begannen seine Briefe nach Bonn. Mit seiner 80-jährigen Schwiegermutter klebte er Plakate auf die Leikonblöcke: „Alle Menschen werden Brüder“. Wieder gewann er. Am 15. Juni 1970 titelten die Zeitungen deutschlandweit: „Beharrlichkeit sprengte Grenzsteine“.

Wenige Jahre später wurde seine Idee von Eurode Wirklichkeit. Herzogenrath und Kerkrade, die jahrhundertelang eine Einheit bildeten, dann aber vom Wiener Kongress 1815 geteilt wurden, bilden seit den 70er Jahren die erste europäische Modellgemeinde.

Kutsch ist ein überzeugter Europäer, der für seine innere Haltung eintritt. „Wir mussten doch nach dem Krieg froh sein, dass die anderen uns vergeben und wieder auf uns zukommen“, sagt er. Mit der beschlossenen Maut, sagt er, stoßen wir die Menschen auf der anderen Seite der Grenze vor den Kopf. „Wir machen uns doch lächerlich“. Im Brief an die „sehr verehrte Frau Dr. Merkel“ warnt er vor dem Ansehensverlust Deutschlands. Das Kanzleramt antwortet, dass seine Ausführungen „aufmerksam“ zur Kenntnis genommen worden seien.

Gereicht hat sein Einsatz noch nicht. Jetzt hofft er, dass eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof die Maut stoppt. Sonst wird er halt das tun, was er immer getan hat: Briefe schreiben. Und am Ende ändert sich vielleicht wieder das, was andere für unabänderlich halten.

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