Erntedankfest in Mützenich: Hier will einfach jeder dabei sein

Von: Peter Stollenwerk
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In Mützenich herrscht Ausnahmezustand: Dort steht alles im Zeichen des Erntedankfestes. Foto: Peter Stollenwerk
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Der Wagenbau für den Mützenicher Erntedankzug will gut geplant sein: Viele helfende Hände gehen mit Begeisterung und voller Tatkraft ans Werk und opfern dafür eine Menge Stunden. Foto: Peter Stollenwerk
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Da brutzelt es in der Pfanne: Die Zuschauer am Straßenrand werden in Mützenich bestens versorgt. Foto: Peter Stollenwerk

Region. In Mützenich herrscht wieder Ausnahmezustand – und das schon seit zwei Wochen. Während in München das Oktoberfest die beiden letzten Wochen im September bestimmt, steht das Venndorf Mützenich in der Nordeifel in dieser Zeit ganz im Zeichen des Erntedankfestes, das am Wochenende gefeiert wird.

Eine Vielzahl der rund 2000 Dorfbewohner hat viele Abende in den zurückliegenden Wochen in Schuppen, Scheunen und Ställen verbracht.

Das Erntedankfest im zu Monschau gehörenden Mützenich mit dem farbenprächtigen und fantasievoll gestalteten Umzug durch die Dorfmitte als Höhepunkt am Sonntag, 2. Oktober, bestimmt aktuell in weiten Teilen das Alltagsbild im zweifachen Golddorf des Landeswettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“.

Am heutigen Samstag erfolgt noch der letzte Feinschliff, ehe sich am Sonntagnachmittag der 63. Erntedankzug auf den Weg macht. Knapp 500 Teilnehmer ziehen dann an tausenden Zuschauern vorbei, und die 35 Wagen und Gruppen übertreffen sich an Einfallsreichtum und Aktionen.

„Jeder will dabei sein“, sagt Elmar Victor (57), der Vorsitzende der Mützenicher Ortsbauernschaft, die den Erntedankzug organisiert. Die Landwirtschaft hat in Mützenich noch eine starke Präsenz. 70 Mitglieder zählt die Ortsbauernschaft, die ansonsten die Interessen der sieben Milchvieh-Vollerwerbsbetriebe und rund zehn Nebenerwerbs-Landwirte im Dorf vertritt.

Der Erntedankzug ist auch für die Landwirte eine Tradition, die sie mit Freude, Begeisterung und Engagement seit nunmehr über 60 Jahren pflegen.

Als vor 63 Jahren erstmals ein kleiner Umzug mit drei bis vier Traktoren durch das Dorf zog, ahnte wohl niemand, dass daraus einmal das größte Volksfest des Jahres im Stadtgebiet Monschau werden würde. „Am Anfang stand kein Mensch an der Straße. Da fuhr der Zug noch zu den Leuten, durch alle Straßen, bis hin zu den Bauernhöfen im Plattevenn“, erzählt Victor.

Längst aber hat der Erntedankzug eine ungeheure Eigendynamik entwickelt, und als Anfang der 1990er Jahre die Zugteilnehmer dazu übergingen, die in immer größeren Massen herbeiströmenden Zuschauer am Wegesrand mit Aufgesetztem und Häppchen zu erfreuen, schoss die Popularität der Veranstaltung rasant nach oben.

Zu Beginn, erinnert sich Rolf Funken (50), langjähriges Vorstandsmitglied in der Ortsbauernschaft, sei das Erntedankfest noch stark mit der kirchlichen Tradition verknüpft gewesen, aber der Ursprungsgedanke des Festes, dem Herrgott für eine gute Ernte zu danken, ist auch heute noch in Mützenich lebendig. Am  Sonntag gestaltete die Ortsbauernschaft gemeinsam mit den Landfrauen in der prächtig geschmückten Pfarrkirche einen Erntedank-Gottesdienst.

Um den Fortbestand des bedeutenden Festes in Mützenich muss man sich keine Sorgen machen. Während in vielen dörflichen Vereinen die Jugend nicht mehr nachrückt, gibt es für den Erntedankzug keinerlei Nachwuchs-Probleme. Selbst der Kindergarten ist Jahr für Jahr mit einem eigenen Wagen dabei.

„Wir gehören inzwischen schon zu den älteren Zugteilnehmern“, lacht Karl Volpatti (54), der zweite Kassierer in der Ortsbauernschaft. „Unsere Kinder bauen bereits ihre eigenen Wagen“, sagt er, und er weiß genau, warum diese Tradition in Mützenich nicht so schnell in Gefahr geraten sollte: „Das Schönste am Fest ist der Wagenbau. Da gibt es einen großen Zusammenhalt, und es sind durch den Erntedankzug schon viele Freundschaften fürs Leben entstanden.“

In spontaner Freude und guter Stimmung kommt diese innere Verbundenheit auch beim Zug zum Ausdruck. „Spaß muss sein“, sagt Volpatti, „aber wir wollen kein Karnevalszug sein“, stellt er klar.

Das Bild des Umzuges wird bestimmt von Themen und Motiven aus dem bäuerlichen Alltag. Vorgaben und Absprachen gibt es nicht; jede Gruppe baut nach ihren eigenen Ideen. Da hat ein ultramodernes Neun-Meter-Mähwerk ebenso seinen Platz wie eine Gruppe, die auf dem Wagen sitzend ihre Sensen dengelt. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Kühe, Pferde, Ziegen, Schafe und Hühner sind fast immer im Zug vorhanden und lassen die Zuschauer vor Begeisterung laut in die Hände klatschen.

Aber wenn ein Landwirt sein Vieh zwischen den dicht gedrängten Zuschauerreihen hindurchführt und die Tiere mit scheinbar großer Gelassenheit die Darbietung ertragen, dann steckt dahinter hartes Training, erzählt Rolf Funken aus eigener Erfahrung. „Das ist extrem aufwendig.“

Drei bis vier Monate im Voraus müsse man das Vieh an die außergewöhnlichen Umstände gewöhnen. Die Tiere müssten zuvor behutsam am Strick geführt oder durch Personengruppen geleitet werden. Und damit nichts schief läuft, wird im Stall gelegentlich auch Blasmusik aufgelegt, damit die Tiere mit den lautstark aufspielenden Musikkapellen im Umzug klarkommen.

Dass beim Zug in Mützenich Reibekuchen, Schmalzbrote, Pflaumenkuchen oder rustikale Wurst gereicht wird, erwarten die Zuschauer fast schon. Doch alles muss einen Sinn haben. Darauf besteht Karl Volpatti: „Wenn vorne auf dem Wagen ein Kartoffelfeld dargestellt wird, dann gibt es hinten Bratkartoffeln.“

Was die 30-köpfige Gruppe, die im Stall von Rolf Funken ihren Wagen in rund 60-stündiger Arbeit gebaut hat, präsentieren wird, will sie nicht verraten. Die Themen sind absolute Geheimsache. „Es geht im weitesten Sinne um flüssige Mischgetränke, aber das hat nichts mit Alkohol zu tun“, lautet die maximale Informationen aus dem Kreis der Wagenbauer.

Die Idee für den Erntedankzug 2016 hatte diesmal Tanja Mathar, aber auch sie hütet das Geheimnis: „Das Thema war eine Art innere Eingebung und es ist sehr aktuell.“ Der Bauplan für den Wagen steht, aber im Laufe der vielen Treffen sind immer wieder spontane Gestaltungsideen eingebracht worden, die dann zum Teil von Ingo Claßen, von Beruf Tischler, in die Tat umgesetzt werden.

„Im Bereich Holz hat man mir die Verantwortung übertragen“, meint er lachend und schwingt sich mit seinem Akkuschrauber auf die Plattform des 8,50 Meter langen Wagens. Dieser Anhänger und auch viele andere stehen somit in Mützenich für mindestens zwei Wochen nicht zur Verfügung.

Das findet Rolf Funken ganz normal: „Darauf stellen sich die Landwirte im Ort ein, und zur Not hilft man sich.“ Wer in diesen Tagen einen landwirtschaftlichen Anhänger benötigt, muss vertröstet werden. Die sind in Mützenich alle belegt – für den 63. Erntedankzug.

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