Aachen - Erfahrungen, Ansichten, Pläne: Wim Wenders antwortet Studierenden

Erfahrungen, Ansichten, Pläne: Wim Wenders antwortet Studierenden

Letzte Aktualisierung:
7805398.jpg
Er freute sich über die Karlsmedaille, die er in Aachen für die European Film Academy entgegennahm: Wim Wenders nahm sich Zeit, um die Fragen von FH-Studierenden des Studiengangs Communication and Multimedia Design zu beantworten. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Er ist einer der Großen seines Genres. Der 1945 in Düsseldorf geborene Regisseur und Fotograf Wim Wenders hat bekannte Filme wie „Paris, Texas“ (Goldene Palme in Cannes 1984), „Der Himmel über Berlin“ oder „Palermo Shooting“ gedreht. Für seine Musikdokumentation „Buena Vista Social Club“ erhielt er den Europäischen Filmpreis.

Seine aktuelle Dokumentation „The Salt of the Earth“ wurde jetzt in Cannes mit dem Spezialpreis in der Sektion „Un Certain Regard“ ausgezeichnet. In Aachen nahm er für die European Film Academy die „Karlsmedaille für europäische Medien“ entgegen. In einem Interview mit Studierenden der FH Aachen im Studiengang Communication and Multimedia Design erzählt er von Erfahrungen, Ansichten, Plänen.

Sie kommen gerade aus Cannes und haben dort Ihren Film „The Salt of the Earth“ vorgestellt. Wie kam es zu dem Thema?

Wenders: Das ist ein Film über einen Fotografen. Fotografie interessiert mich brennend, ich bin ja auch selber Fotograf. Aber diesen Film wollte ich als Filmemacher machen, weil ich wissen wollte, was das für einer ist, dieser Sebastião Salgado, dessen Fotografie ich seit 25 Jahren kenne. Er ist einer der wichtigen Fotografen des 20. Jahrhunderts, der an allen Krisenherden der Welt, in Hungersnöten und sozialen Unruhen, überall fotografiert hat, sich überall hinein begeben hat. Deswegen hat der Mann mich interessiert, dann habe ich ihn mal kennengelernt und wir haben uns angefreundet.

Sie sind jetzt schon seit 1996 Präsident der European Film Academy. Was waren Ihre Beweggründe, zur Filmakademie zu kommen, sie ins Leben zu rufen?

Wenders: Ich bin einer der zehn Autoren und Regisseure, die die Akademie initiiert haben, weil wir dachten, dass es etwas Notwendiges sei. Es gab nationale Akademien, aber eine europäische Akademie gab es nicht. Wir dachten uns, dass das Europa, das da zusammenwächst – 1988 haben wir die Akademie gegründet –, auch für seine einzige gemeinsame Sprache, das Kino, eine gemeinsame Akademie haben sollte. Wir sind die einzige Organisation dieser Art. Wir vertreten Europa im weitesten Sinne, insgesamt 45 Länder.

Wofür setzen Sie sich bei der EFA ein?

Wenders: Die EFA setzt sich für viele Sachen ein, aber die Hauptziele sind die Förderung des europäischen Filmes im Allgemeinen, das Verständnis der europäischen Filmländer untereinander und Promotion für den europäischen Film. Unsere Hauptaufgabe seit dem Beginn ist der Europäische Filmpreis, der einmal im Jahr verliehen wird. Er ist ein wichtiger Filmpreis geworden, der in diesem Jahr in Riga verliehen wird. Den Preis vergeben die über 3000 Mitglieder als solche zum 27. Mal in einem demokratischen Abstimmungsprozess. Bei der Preisverleihung weiß dann außer dem Notar niemand, wer gewinnt – ähnlich wie bei den Oscars.

Gibt es einen Unterschied zu den Oscars?

Wenders: Der Unterschied zu den Oscars ist, dass wir eine multinationale Akademie sind und die Oscars ja im Prinzip ein amerikanischer Preis mit einer kleinen Kategorie für den Rest der Welt sind: „Best foreign pictures“. Bei uns jedoch sind an sich alles „foreign pictures“, da Europa mit seinen 45 Ländern ein sehr differenzierter Kontinent ist.

Welche Projekte haben Sie als nächste bei der Akademie geplant?

Wenders: Die Akademie bereitet im Moment den Filmpreis in Riga vor. Wir machen darüber hinaus Workshops in ganz Europa in möglichst vielen verschiedenen Orten. Jedes Jahr finden vier oder fünf große Workshops statt, an denen die Mitglieder der Akademie teilnehmen. Wir sind außerdem politisch tätig, auch in Brüssel. Wir versuchen auch, die nationalen Filmakademien, die es überall gibt, die jedoch immer nur in ihren eigenen Ländern tätig sind, miteinander zu verbinden.

Welchen Stellenwert hat die Aachener Karlsmedaille für Sie persönlich und für die European Film Academy im Allgemeinen?

Wenders: Ich bekomme die Auszeichnung ja nicht persönlich, ich nehme sie als Präsident der Akademie entgegen. Die Akademie hat viele, wahrscheinlich inzwischen Hunderte Preise vergeben und keinen einzigen je bekommen. Das ist schon etwas ganz Besonderes, dass das mal umgekehrt wird! Und ich glaube auch, dass es für den Stellenwert des Kinos in der europäischen Kultur und auch für die Anerkennung der europäischen Filmakademie gut ist.

Gibt es den europäischen Film? Ist er ein Kulturgut in Europa?

Wenders: Es gibt zweifellos so etwas wie „den europäischen Film“! Und daneben, und durchaus marktbeherrschend, gibt es ein „internationales Kino“. Das europäische Kino ist höchst differenziert, da es viel spezifischer und regionaler ist, und von ganz bestimmten Leuten und bestimmten Sorgen in einer ganz bestimmten Sprache erzählt. Das amerikanische Kino richtet sich mehr an ein globales Publikum, ist viel weniger spezifisch, kommt auch sehr selten aus einer Stadt oder einer Region und handelt kaum von konkreten lokalen Problemen. Die Filme verstehen sich mehr als Unterhaltungsindustrie. Für uns in Europa ist Film zuallererst eine Ausdrucksform, eine Sprache, und, ja, somit „Kulturgut“ und nicht zu vergleichen mit anderen Industriegütern.

Welche Bedeutung hat der deutsche Film in Europa, ist er wichtig?

Wenders: Das deutsche Kino war mal ganz groß, am Beginn der Filmgeschichte, hat dann eine Zeit des Schreckens mitgemacht, an die sich keiner erinnern möchte, und hat nach dem Krieg dann von Null angefangen. Das deutsche Kino war sehr von dem amerikanischen Kino und von der amerikanischen Industrie beeinflusst und hat sich dann aus sich selbst heraus erneuert. Das war eine große Runderneuerung. Deutschland ist neben Frankreich die größte Filmnation in Europa. Aus diesen beiden Ländern kommen auch die meisten Mitglieder innerhalb der Akademie!

Kann der deutsche Film auch internationale Erfolge erzielen?

Wenders: Der deutsche Film hat in letzter Zeit immer wieder Höhepunkte hervorgebracht und hat auch international Anerkennung gefunden. Er ist aber in großen Teilen in den letzten Jahren ein nationales Kino gewesen, da Komödien, die den größten Erfolg in Deutschland haben, nur in Deutschland geguckt werden. Aber das ist in Frankreich mit den französischen Komödien genauso. Ein Großteil der deutschen Filmindustrie sind Filme und Komödien, die für den nationalen Markt gemacht sind. Aber es gibt immer wieder Filme, die wirklich durchbrechen, Oscars gewinnen, den europäischen Filmpreis gewonnen haben und in ganz Europa vertrieben werden.

Was sagen Sie zum heutigen TV-Programm? Können Sie sich damit noch identifizieren oder hat dieser Kulturverfall auch Auswirkungen auf den deutschen Film?

Wenders: Ich gucke nicht mehr viel fern, das gebe ich gerne zu. Wenn ich etwas sehen will, gehe ich an meinen Computer und kann es da abrufen. Ich mag es nicht, an ein Programm gebunden zu sein, das mich dann meistens doch ärgert, weil ich im Prinzip finde, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinem Kulturauftrag nicht nachkommt, sondern zu oft versucht, die Privaten auf ihrem eigenen Gebiet zu schlagen.

Welche Kriterien muss ein guter Film nach Ihrer Definition erfüllen?

Wenders: Ein guter Film muss wissen, warum er gemacht worden ist und für wen er gemacht worden ist. Wenn sich dann übersetzt, warum jemand dafür gebrannt hat, dann ist das in meinen Augen schon fast ein guter Film. Gut, dann kommen noch ein paar Sachen dazu: Die Geschichte muss so sein, dass sie andere Menschen interessiert. Die Schauspieler müssen eine gute Arbeit machen, und die Bildsprache des Films muss stimmig sein. Eigentlich sind für mich gute Filme vor allem solche, die nicht verallgemeinernd sind, sondern wirklich aus einer Gegend kommen und von Menschen handeln, die da leben und deren Sprache sprechen.

Hat Sie eines Ihrer vielen Projekte aus der Vergangenheit in Ihrer schaffenden Tätigkeit besonders beeinflusst?

Wenders: Das ist sehr schwer zu sagen. Ich bin jetzt schon 40 Jahre Filmemacher und manchmal denkt man schon, dass die ersten Filme, die man macht, die wichtigsten sind, weil man da am meisten lernt und auch am ehesten für alles offen war. Ich habe mich aber immer bemüht, nicht alles zu wiederholen und nichts zu tun, bloß weil ich wusste, dass ich es kann.

Ihr neuer Film „Kathedralen der Kultur“ ist neben „Pina“ ein weiterer 3D-Film. Was war der Anstoß für das Projekt?

Wenders: „Pina“ war ein Glücksfall für mich, denn ich habe 3D sozusagen über den Tanz entdeckt. Der Tanz war wie gemacht für 3D und auch umgekehrt 3D für den Tanz. Beim Dreh haben wir gemerkt, dass 3D auch eine fantastische Affinität zur Architektur hat und dass man, wenn man einen Film über Architektur machen will, ihn heutzutage eigentlich gar nicht anders machen kann als in 3D, weil Architektur ein räumliches Erleben braucht.

Sie haben sich für die Berliner Philharmonie entschieden, was hat Sie daran so fasziniert?

Wenders: Die Philharmonie ist mein Lieblingsgebäude in Berlin. Sie ist wie kein anderes für einen Zweck gebaut: nämlich optimal Musik spielen und hören zu können. Und es ist ein aufregend modernes Gebäude, selbst wenn es 50 Jahre alt ist. Wenn es heute eröffnet würde, würde man immer noch staunen.

Beim nächsten Mal wählen Sie dann den Aachener Dom.

Wenders (lacht): Ja.

Haben Sie nach diesen 3D-Projekten Ideen für weitere Projekte? Was gehen Sie als nächstes an, was für einen Film wollen Sie drehen?

Wenders: Ich habe ein Projekt, an dem ich im Moment am Schneidetisch sitze und für das ich wieder nach Berlin zurück fahre. Das wurde in Kanada gedreht. Es heißt „Every Thing will Be Fine“ und ist eine Familiengeschichte, ein Drama, eine internationale Produktion mit Kanada zusammen und mit französischen, kanadischen und amerikanischen Schauspielern. Der Film kommt etwa in einem Jahr ins Kino. Auch in 3D.

Wir studieren Communication and Multimedia Design und haben erste Erfahrungen mit Film gemacht. Haben Sie Tipps oder Anregungen für junge Filmemacher? Was sollte man unbedingt beachten?

Wenders: Ich glaube, sobald man irgendeinen Film macht, sollte man möglichst wissen, warum man ihn unbedingt machen will. Man sollte wissen, dass man dazu stehen kann, auch wenn es Schwierigkeiten gibt. Und man sollte das Gefühl haben, dass niemand anders das so gut kann wie man selbst (lacht). Ehrlich!

Gibt es Unterschiede von damals zu heute, was die Anforderungen an junge Filmemacher angeht?

Wenders: Ja, die Möglichkeiten sind größer heute. Es ist auf der einen Seite einfacher geworden, man kann alles das machen, was man früher nur mit Hilfe von teurer Technik machen konnte. Auf einer guten Fotokamera kann man heute hochauflösend drehen und das auch auf seinem eigenen Computer schneiden. Auf der anderen Seite macht es das aber auch komplexer und schwieriger, weil es natürlich dadurch, dass es jeder kann, auch schwieriger geworden ist, andere zu überzeugen, sich das anzugucken, was man gemacht hat. Es wollen im Moment viel zu viele Leute, dass man sich anguckt, was sie gemacht haben.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert