Erdbebenkontrolle: Das Ohr am Untergrund

Von: Ulrike Hofsähs, dpa
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Gefährdete Region: Der Geophysiker Klaus Lehmann zeigt auf einen Ausschlag der Seismographischen Auswertung im Geologischen Dienst NRW in Krefeld. Die Gegend zwischen Bonn und Krefeld gehört zu den Gebieten mit der höchsten Erdbebentätigkeit in Mitteleuropa. Seit 1980 werden in NRW die Erschütterungen im Inneren der Erde erfasst. Foto: dpa

Krefeld/Aachen/Düren. Der kleine Zeiger wackelt hin und her. Eine dicke Linie zieht sich über den Bildschirm. „Das ist die Rushhour auf der A4 bei Aachen”, erläutert Klaus Lehmann in seinem Büro in Krefeld.

Der Geophysiker beim Geologischen Dienst NRW kann in den krakeligen Linien sogar Sprengungen und Sturm in Wäldern erkennen. Aber er ist auf der Suche nach Spuren von Erdbeben in Nordrhein-Westfalen. Und wird zwei bis drei Male pro Woche fündig - das sind größtenteils sogenannte Mikro-Beben weit unterhalb der Fühlbarkeitsgrenze.

Die Gegend zwischen Bonn und Krefeld gehört zu den Gebieten mit der höchsten Erdbebentätigkeit in Mitteleuropa. Tief unter dem Rheintal verläuft eine Sollbruchstelle von riesigen Blöcken; kleinste Verschiebungen kilometertief in der Erde lösen Beben aus. Vor zwei Jahrzehnten war die Region Schauplatz des schwersten Erdbebens nördlich der Alpen seit 1756. Das Epizentrum war in Roermond in der Nähe von Mönchengladbach. Weit mehr als tausend Häuser wurden beschädigt, Dutzende Menschen durch herabfallende Trümmer verletzt, eine Frau in Bonn starb an einem Schock.

Nach dem Roermond-Beben wurden die NRW-Erdbebenstationen nachgerüstet. 14 Messpunkte gibt es insgesamt. Teils reichen die Fühler bis in 400 Meter Tiefe. Sie stehen verteilt in der niederrheinischen Bucht, etwa in einem Container in Großhau im Kreis Düren, im Inneren der Staumauern von Talsperren oder im Rathaus von Wassenberg bei Mönchengladbach. Alle Daten laufen beim Geologischen Dienst in Krefeld zusammen. Die Geräte sind so fein eingestellt, dass auch die Fukushima-Katastrophe im März 2011 am anderen Ende der Welt gemessen wurde.

In Krefeld leitet Klaus Lehmann den Erdbebendienst des Landes. In Broschüren informieren die Fachleute über Schutzmaßnahmen und sicheres Bauen in gefährdeten Gebieten. Die DIN-Norm 4149 schreibt vor, wie Hochbauten erdbebensicher zu errichten sind, wie starke Fundamente Stahl die Bauten stützen soll. Seit 2005 gilt die Norm verbindlich in Deutschland.

Die Erschütterungen tief im Inneren der Erde werden in NRW seit 1980 vom Geologischen Dienst systematisch erfasst. 1600 Beben wurden gemessen, sagt Physiker Lehmann. Die meisten haben nur die Geräte gespürt. Aber es ist völlig klar, dass es wieder größere Ereignisse geben wird. „Es können Beben mit einer Stärke bis 7 vorkommen”, sagt Lehmann. „Es ist selten, aber es ist möglich”. Allerdings: Vorwarnungen gibt es nicht. Erdbeben kommen ohne Ansage. Eine Faustregel besagt, dass alle paar Jahre ein spürbares Beben kommt, alle 10 Jahre eines mit leichten Gebäudeschäden und alle 100 Jahre ein Starkbeben wie das von Roermond.

Das letzte größere Beben im September 2011 in Goch am Niederrhein hatte eine Stärke von 4,4 und keine Schäden angerichtet. Aber Tausende verstörte Menschen riefen über Stunden bei Polizei und Feuerwehr an. Im Internet ging auf den Erdbeben-Seiten zeitweise nichts mehr, erzählen Lehmann und sein Kollege Franz-Peter Müller.

Um schnelle Reaktionszeiten zu etablieren, wird derzeit an einem Katastrophenschutz-Konzept gearbeitet. „Ziel ist, dass eine Erdbebenmeldung möglichst schnell abgesetzt wird”, berichtet der 45-jährige Lehmann: Epizentrum, Stärke und Ausdehnung sollen in Minutenschnelle vorliegen.

Eine neue Messstation ist auch geplant. „Das Goch-Beben hat alle überrascht”, gibt Lehmann zu. Denn es war untypisch weit im Norden. Nun soll in der Nähe von Xanten eine weitere Station dazukommen. Verstärkung kommt demnächst auch aus Aachen. Und zwar von einer Messstation im ehrwürdigen Dom, im Boden unter den achteckigen Kuppelbau. Von den Daten profitieren Erdbebenwächter. Und die Hüter des Domes erfahren schwarz auf weiß, welchen unterirdischen Erschütterungen das 1200 Jahre alte Weltkulturerbe ausgesetzt ist.
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