Entsetzen in Alsdorf: „Was ist denn hier nur los?“

Von: Beatrix Oprée und Philippe Siuberski
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Werner Schneider, Sprecher Polizei Aachen, mit einem Foto von Salah Abdeslam. Foto: Beatrix Oprée

Alsdorf/Brüssel. „Was ist denn hier nur los?“, fragt eine Frau mit französischem Akzent und entsetztem Blick. Als sie hört, dass in dem Mehrfamilienhaus am Ende der Straße Terrorverdächtige mit Bezug auf die Anschläge in Paris vermutet werden, schlägt sie die Hand vor den Mund. „Jetzt auch hier ...“ Mehr kann sie nicht mehr sagen.

Der Wirt einer Gaststätte lehnt derweil am Eingang und beobachtet aufmerksam, wie zunächst dunkle SEK-Einsatzwagen in die Schaufenberger Straße in Alsdorf preschen, von denen sich einer ein paar Meter vor seinem Haus querstellt; hier kommt niemand mehr durch, der keine Berechtigung hat. Ein Rettungs- und ein Notarztwagen fahren noch ein, stoppen vor dem Mehrfamilienhaus, in dem sich die Terrorverdächtigen aufhalten sollen. Männer mit Sturmhauben laufen hin und her. Polizisten bauen sich vor dem Eingang auf. Am unteren Ende der Straße fahren weitere SEK-Wagen vor, Blaulicht blinkt. Eine Weile bleibt es ruhig, dann fahren die Rettungswagen mit einigen Zivil-Pkw der Polizei wieder ab.

Die Straße aber bleibt gesperrt. Immer mehr Pressevertreter auch aus dem benachbarten Ausland bauen sich auf, richten Kameras und Mikrofone auf das Geschehen in rund hundert Meter Entfernung. Erste Live-Aufsagen werden gesendet. „Hier soll ...“ „Hier wird vermutet ...“ „Fünf Festnahmen hat es schon gegeben.“

Anwohner, die nicht mehr in ihre Wohnungen zurück können, zücken ihre Handykameras. Ein Ehepaar hält telefonischen Dauerkontakt zur Schwiegertochter, die sich in ihrer Wohnung in dem umzingelten Haus aufhält, das nur teilweise evakuiert wurde. Mehrfach habe diese einen lauten Knall gehört, berichtet die Frau; die Sorge steht ihr ins Gesicht geschrieben. Was nun gerade geschieht? Keiner weiß es.

Plötzlich kommt Bewegung in die Sache. Zwei Wagen der Einsatzhundertschaft fahren vor, Beamte in Kampfanzügen marschieren auf und postieren sich quer über die Straße. Immer noch darf niemand Unbefugtes in die Nähe des belagerten Hauses. Hinter der Gesamtschule Am Klött sammele sich das SEK, wird kolportiert. An der Rathausstraße habe es eine Festnahme gegeben, zumindest sei da auch Polizei, wird ebenfalls erzählt.

In den Sozialen Netzwerken überschlagen sich die Gerüchte. In Eschweiler-Röhe, aber auch in Venwegen respektive Stolberg-Büsbach gebe es weitere Polizeieinsätze, wissen andere. Was sich schließlich nicht bestätigt. Die Aktionen der Polizei konzentrieren sich an diesem Tag auf Alsdorf. Hier haben die Fahnder bereits am Morgen zwei Frauen und einen Mann überwältigt. An der Joseph-von-Fraunhofer-Straße im Gewerbegebiet. Eine der Frauen sei Kundin des dortigen Jobcenters. Die Polizei fing die drei ab, als sie mit einem dunkeln Golf vorfuhren. Es bestand der Verdacht, dass sie in Verbindung zu dem berüchtigten Abdelhamid Abaaoud, einem der Drahtzieher der Pariser Attentate, stehen.

Stefan Rohmann, Angestellter der Bundesagentur für Arbeit, hat den Einsatz mitbekommen, hat durch das Fenster des Schulungsraums beobachtet, wie plötzlich SEK-Beamte mit Sturmhauben auf der Straße herumliefen und jemanden auf dem Boden fixierten. Zufällig ist er am späteren Nachmittag auch an der Schaufenberger Straße, wo Salah Abdelslam, mutmaßlich einer der Hauptakteure der schrecklichen Taten von Paris, vermutet wird.

„Sie haben provozierend zu uns rübergeschaut“, erinnert sich Rohmann an die Ereignisse des Morgens. „Damit wir vom Fenster weggehen.“ Schließlich kann man nie wissen, mit welchen Gefahren ein solcher Zugriff verbunden ist. „Geschockt“ sei er schon, sagt Rohmann. „Aber bisher handelt es sich ja nur um Verdächtige.“

Wie recht er damit haben wird, stellt sich eine gute Stunde später heraus. Als der Bundesinnenminister bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz den Einsatz für beendet erklärt. Und die insgesamt sieben Festgenommenen nach gründlichen Ermittlungen wieder freigelassen werden.

Den erhofften Fahndungserfolg hat es nicht gegeben. Verstärkte Grenzkontrollen würden aufrechterhalten, erklärt Thomas de Maizière. Und der international ausgeschriebene Salah Abdeslam muss weiter gesucht werden.

Nicht nur in Alsdorf glaubten Passanten, Salah Abdeslam gesehen zu haben. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge durchkämmten Polizisten mehrere Stunden den Straßburger Stadtteil Neudorf, nachdem dort Anwohner gemeldet hatten, Abdeslam halte sich in Straßburg auf. Doch auch in der französischen Grenzstadt stellte sich der Alarm als Falschmeldung heraus. Die Polizisten fanden nichts.

Abdeslam bleibt untergetaucht. Im französischen Fernsehen hatte sein Bruder Mohamed an Salah appelliert: „Das Beste wäre, sich zu stellen, damit die Justiz diese ganze Geschichte aufklären kann“, sagt er dem Sender BFMTV. Gefolgt ist er dem Rat seines Bruders bislang nicht.

Bereits in der Nacht von Montag auf Dienstag hatte die französische Polizei 128 Wohnungen durchsucht – ergebnislos. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve betonte nach der Aktion, dass die Durchsuchungen nicht in direktem Zusammenhang mit den Attacken von Paris stünden. Vielleicht war das Ziel, die islamistische Szene zu verunsichern, um weitere Attentate zu verhindern.

Der zweite an diesem Tag in Alsdorf gesuchte Islamist ist Abdelhamid Abaaoud. Berüchtigt ist er spätestens seit einem Video, in dem er über die „Ungläubigen“ spottet, während er hinter seinem Wagen die Leichen mehrerer Opfer der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) herschleift. Der aus Brüssel stammende Abaaoud könnte auch die Anschläge von Paris angeregt haben.

Abaaoud, geboren 1987, ist in Molenbeek aufgewachsen, dem Viertel, das als Hochburg gewaltbereiter Islamisten in Belgien gilt und in dem am Montag ein Polizei-Einsatz zur Ergreifung von Salah Abdeslam fehlschlug, einer der Hauptverdächtigen der Pariser Anschläge. Abaaoud lässt sich Berichten belgischer Medien zufolge auch Abu Omar Soussi nennen, nach der Region in Marokko, aus der seine Familie stammt, oder Abu Omar al-Baljiki, was „Abu Omar der Belgier“ bedeutet.

„Es war ein kleiner Idiot“, der seinen Klassenkameraden und Lehrern lästig fiel oder sich beim Stehlen von Brieftaschen erwischen ließ. So charakterisierte ihn ein ehemaliger Schulkamerad in den Medien. Er ist mittlerweile im Visier belgischer und französischer Ermittler, die Medienberichten zufolge nicht ausschließen, dass er die Anschläge von Paris angeregt hat. Sowohl der gesuchte Salah Abdeslam als auch dessen Bruder Brahim, der sich am Freitag in Paris in die Luft gesprengt und dabei einen Menschen schwer verletzt hatte, kannten Abaaoud.

Berüchtigter Auftritt

Allerdings ist es bei weitem nicht das erste Mal, dass Abaaoud in den Nachrichten auftaucht. Anfang 2014 kam er in Belgien in die Schlagzeilen, nachdem er seinen erst 13 Jahre alten Bruder Younes mit nach Syrien genommen hatte. Diesen titulierten einige Medien danach als „jüngsten Dschihadisten der Welt“.

Berüchtigt ist sein Auftritt in dem Video des IS. Darin rühmt sich Abaaoud seiner Grausamkeiten, während er einen Wagen fährt, der mehrere verstümmelte Leichname hinter sich herschleift.

Früher seien Anhänger mit Geschenken und Gepäck gezogen worden, sagt er spöttisch an die Zuschauer gewandt. „Heute zieht man die Ungläubigen, die uns bekämpfen, die den Islam bekämpfen.“ In Belgien wird der Mann seit diesem Jahr vor allem mit der Gruppe von Verviers in Verbindung gebracht. Am 15. Januar – wenige Tage nach den Attentaten auf die Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris – hatte die Polizei in dem ostbelgischen Örtchen ein Haus gestürmt. Abaaoud war nicht dabei. Kurze Zeit später gab er aber an, die vereitelten Attentate geplant zu haben.

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