Energie der Zukunft: Der Zehnkampf um das fortschrittlichste Haus

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
So soll  der Aachener Beitrag
So soll der Aachener Beitrag zum Wettbewerb „Solar Decathlon Europe” aussehen: Die RWTH-Studenten René Lierschaft (links) und Björn Teutriene zeigen das Modell des Plus-Energiehauses. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Das Geheimnis dieses Hauses ist sein Dach. Nicht nur wegen der Nutzung der Sonnenenergie zur Strom- und Warmwasserversorgung. Sondern vor allen Dingen auch wegen seiner Bedeutung für die klimatischen Bedingungen.

So steht das Flachdach an allen Seiten genau so weit über, dass es im Sommer, wenn die Sonne hoch steht, eine direkte Einstrahlung auf Wände und Fensterfronten verhindert. Es bleibt also kühl im Haus. Im Winter, wenn die Sonne tiefer steht, werden Wände und Fensterfronten hingegen angestrahlt. Es wird warm im Haus. Zusammen mit einer ausgeklügelten Isolierung und Lüftung kann so viel Energie zum Heizen und Kühlen gespart werden.

Wenn das Konzept der Aachener Studenten aufgeht, dann haben sie gute Chancen, den „Solar Decathlon Europe” zu gewinnen. Bei diesem renommierten internationalen Studentenwettbewerb geht es um energieeffizientes Bauen. Die Aufgabe: Ein innovatives Plus-Energiehaus, das mit Sonnenenergie versorgt wird, nach konkreten Vorgaben planen und in Madrid, dem Heimatort des Wettbewerbs, errichten. Dafür haben die Mannschaften zwei Jahre Zeit. Das Regelwerk umfasst 150 Seiten. Anschließend werden die Häuser in zehn Kategorien - daher der Name Decathlon (Zehnkampf) - bewertet. Wer die meisten Punkte sammelt, gewinnt.

Das Konzept der Aachener ist ein „Counter Entropy House”. Dahinter steht die Idee einer ressourcenschonenden, energieoptimierten Lebenszyklusanalyse, bei der sowohl die Herstellung der Bauteile als auch ihr Transport und die spätere Entsorgungsmöglichkeit ganzheitlich betrachtet werden.

In der Vergangenheit haben bereits mehrfach deutsche Mannschaften am „Solar Decathlon Europe” teilgenommen, doch es ist das erste Mal, dass sich ein Team der RWTH Aachen daran beteiligt. Die interdisziplinäre Gruppe umfasst insgesamt rund 50 Studenten; 25 angehende Architekten und 25 aus anderen Fachrichtungen wie Maschinenbau oder Bauingenieurwesen.

Die Studenten arbeiten weitgehend eigenständig, werden jedoch von den Architektur-Professoren Peter Russell und Jo Ruoff fachlich begleitet. Russell hat zudem die Teilnahme am „Solar Decathlon Europe” als Studienleistung etabliert. „Im Studium geht es eigentlich nur um das Entwerfen. Das Bauen lernt man später im Architekturbüro”, erklärt René Lierschaft, Sprecher der RWTH-Mannschaft. „Bei diesem Projekt ist das anders. Das ist das Besondere an dem Wettbewerb.”

Der „Solar Decathlon Europe” ist also weit mehr als ein studentisches Planspiel. Die Ernsthaftigkeit wird auch durch die finanzielle Dimension unterstrichen: Die RWTH-Gruppe schätzt den Umfang ihres Projekts auf rund 1,5 Millionen Euro, die weitgehend über Sponsoren finanziert werden. Dazu gehören Geldmittel, etwa vom Bundeswirtschaftsministerium, aber auch Sachmittel wie Baustoffe oder Expertise, die von Firmen bereitgestellt werden.

Die Akquise von Unterstützern gehört genauso zu den Aufgaben der Studenten wie die Planung des Hauses oder die Öffentlichkeitsarbeit. Jetzt, zur Halbzeit des Wettbewerbs, geht es darum, in die Bauphase einzutreten. Und dann muss die Logistik für den Transport der Bauteile nach Madrid stehen. Für viele aus der Gruppe ist das Projekt längst ein Vollzeitjob.

Das Haus soll auf einem Grundstück von 20 mal 20 Metern in einem Park in Madrid errichtet werden. Der genaue spätere Standort steht bereits jetzt fest. Er wurde den insgesamt 20 teilnehmenden Gruppen zugelost. Das Haus hat eine Wohnfläche von rund 75 Quadratmetern und ist gedacht für zwei Personen. Es soll möglichst offen und hell sein. Trotzdem ist das Gebäude funktional unterteilt in die vier Bereiche Wohnen, Essen, Hygiene, Schlafen. Die einzelnen Module müssen voll funktionsfähig sein, inklusive der Elektrik und der Inneneinrichtung.

Im kommenden Jahr findet im Spätsommer das Finale des „Solar Decathlon Europe” statt. Fünf Wochen verbringen die einzelnen Teams dann in Madrid, um mit ihren Häusern zu punkten. Für den eigentlichen Aufbau haben sie neun Tage Zeit. Damit das möglichst reibungslos funktioniert, möchten die Aachener so viel wie möglich schon vorfertigen. Derzeit sind die Studenten auf der Suche nach einer geeigneten Halle. „Unser Ziel ist, dass alles perfekt ist, bevor wir nach Madrid fahren”, sagt Lierschaft. Aber er rechnet fest damit, dass sein Team bis zum Schluss immer wieder improvisieren muss. „Das gehört auch dazu - und es macht die Sache natürlich auch spannend.”

Die einzelnen Bauteile sollen übrigens per Lkw quer durch Europa gefahren werden. Die größten Teile werden die Platten des Daches sein. Dessen Fläche: 150 Quadratmeter.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert