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Endstation Aachen: Die Odyssee der befreiten Flüchtlinge

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Drei Stunden bei zwei Grad in absoluter Finsternis: die Flüchtlinge, die die Bundespolizei am Freitag aus einem mit Getränken beladenen Kühllaster am Grenzübergang Aachen-Vetschau befreit hatte. Foto: Bundespolizei

Aachen/Dünkirchen. Der letzte Teil der Reise begann auf einem Parkplatz neben einer Tankstelle, elf Männer und ein Kind warteten darauf, endlich nach England zu kommen. Es war noch früh am Freitagmorgen, von der Tankstelle aus konnten sie den Hafen von Dünkirchen schon sehen. Sie warteten. Eine Stunde, vielleicht zwei.

Als der Schleuser ihnen ein Zeichen gab, setzte sich die Gruppe in Bewegung, alles musste schnell gehen. Der Schleuser brach das Schloss eines Kühltransporters auf, der gerade getankt hatte, der Fahrer saß noch in der Tankstelle und trank einen Kaffee. Die elf Männer und das Kind bestiegen den Kühltransporter, der Schleuser sagte ihnen, in einer Stunden sollten sie durch Klopfen auf sich aufmerksam machen, dann seien sie in England.

Vier Stunden später befreite die Aachener Bundespolizei die zwölf durchgefrorenen Menschen aus dem Kühllastwagen. Nicht in England, sondern am deutsch-niederländischen Grenzübergang Aachen-Vetschau an der Autobahn 4, Freitagmittag, kurz nach 13 Uhr.

Fast derselbe Fall hatte sich im Januar 2014 zugetragen, damals hatte die Polizei zwölf andere Flüchtlinge aus einem Kühltransporter befreit, in Eschweiler. Das Ziel der Flüchtlingsgruppe damals: England.

Ein Zufall?

Der falsche Lkw

Die Flüchtlinge, die nach England wollen, kommen meist mit dem Zug nach Dünkirchen ganz im Norden Frankreichs, von dort aus ist der Weg nach Dover in England am kürzesten. Da die Flüchtlinge keine Ausweise und keine Visa für England haben, müssen sie unbemerkt ins Land kommen.

Nach Recherchen unserer Zeitung wählen die Schleuser oft dieselbe Methode wie der Schleuser am Freitag und der Schleuser im Januar 2014. Da der Diesel in Frankreich günstiger ist als in England, tanken die meisten Lkw vor der Überfahrt nach England in der Nähe des Hafens von Dünkirchen. An diesen Tankstellen warten dann die Schleuser darauf, dass ein Lkw-Fahrer sein Fahrzeug allein lässt. Um zu duschen, um zu frühstücken.

Während dieser Zeit brechen die Schleuser die Schlösser der Lkw auf, die Flüchtlinge besteigen die Lkw, der Schleuser verschließt die Lkw mit einem neuen Schloss. Kühllastwagen haben für die Flüchtlinge den Vorteil, dass sie von den englischen Zollbeamten seltener kontrolliert werden. Wer vermutet Menschen auf einem Lkw, dessen Kühlcontainer sich auf 25 Grad unter null herunterkühlen lässt?

An den Tankstellen am Hafen von Dünkirchen tanken aber nicht nur die Lkw, die nach England übersetzen, sondern oft auch diejenigen, die aus England kommen. Solche Kühllastwagen waren es wohl, die die Schleuser vergangenen Freitag und im Januar 2014 ausgesucht hatten. Die Schleuser hatten sich schlicht vertan: Statt nach England fuhren die Kühltransporter durch Belgien und Holland nach Aachen.

Die Aachener Bundespolizei hat den Kühllastwagen vermessen, aus dem sie am Freitagmittag die zwölf Flüchtlinge befreit hatte. Als die elf Männer und das Kind den Transporter bestiegen, muss er den Berechnungen der Polizisten zufolge etwa 40 Kubikmeter Sauerstoff enthalten haben. Ein Mensch braucht im Schnitt einen Kubikmeter Sauerstoff pro Stunde: zwölf Menschen, zwölf Kubikmeter. Der Sauerstoff im Kühltransporter reichte also für drei Stunden und 20 Minuten, was in etwa der Zeit entspricht, die der Lkw für die 293 Kilometer von Dünkirchen aus nach Aachen brauchte. Mit anderen Worten: Die zwölf Flüchtlinge drohten unmittelbar zu ersticken.

Dass der Arzt bei den zwölf Flüchtlingen am Freitag lediglich leichte Unterkühlungen feststellte, war reines Glück, das nicht alle Flüchtlinge haben: Anfang des Jahrtausends waren 58 Chinesen während der Überfahrt von Dünkirchen nach Dover erstickt.

Nachdem die Aachener Bundespolizisten die zwölf Flüchtlinge im Januar 2014 in Eschweiler gefunden hatte, gaben sie ihnen Zugfahrkarten nach Dortmund, dort sollten sie sich bei der Zentralen Ausländerbehörde Nordrhein-Westfalens melden. Die Flüchtlinge kamen aber nie dort an, wahrscheinlich bestiegen sie nicht einmal einen Zug. Nachdem die zwölf Menschen damals von der Bundespolizei freigelassen worden waren, warteten vermutlich schon die Schleuser auf sie. Von Aachen aus setzten sie ihre Reise nach England fort, was aus ihnen geworden ist, weiß bei der Aachener Bundespolizei niemand. Auch die Schleuser wurden nie gefasst.

Lob von Amnesty International

Damit sich dieser Fall nicht wiederholt und die vergangenen Freitag befreiten Flüchtlinge nicht wieder ihren Schleusern in die Hände fallen, hat sich die Aachener Bundespolizei mit der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Verbindung gesetzt. Von den zwölf aus dem Kühllastwagen befreiten Menschen wurden fünf Minderjährige dem Aachener Jugendamt übergeben. Die anderen fünf Männer und das Kind wurden in einem vom Amnesty-International-Bezirk Aachen organisierten Transporter sofort zur Zentralen Ausländerbehörde nach Dortmund gefahren.

Eine Sprecherin von Amnesty International bezeichnete die Kooperationsbereitschaft der Aachener Bundespolizei als „vorbildlich und beispielgebend“.

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