Aachen - Ende der Ermittlungen wegen JVA-Ausbruch nicht absehbar

Radarfallen Bltzen Freisteller

Ende der Ermittlungen wegen JVA-Ausbruch nicht absehbar

Von: Martin Teigeler, dpp
Letzte Aktualisierung:
Ausbrecher AN
Michael Heckhoff (l.) und Peter Paul Michalski zählen zu Deutschlands gefährlichsten Gewaltkriminellen. Nach dem Ausbruch mit Geiselnahmen müssen sie sich jetzt wieder vor Gericht verantworten. Foto: dpa

Aachen. Der Abschluss der Ermittlungen wegen des Ausbruchs von zwei Schwerkriminellen aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen ist nicht absehbar. Die Ermittlungen seien „im vollen Gange”, sagte der Aachener Oberstaatsanwalt Robert Deller auf Anfrage.

Am Ende stand der spektakulären Flucht stand Anfang Dezember ein Damenfahrrad. Auf einem Zweirad war Peter Paul Michalski unterwegs, als er nach fast fünftägiger Flucht aus dem Aachener Gefängnis von der Polizei gefasst wurde.

Der 46-jährige Schwerkriminelle wurde im niederrheinischen Schermbeck von Spezialeinsatzkräften der Polizei überwältigt. Michalskis Fluchtkumpan Michael Heckhoff war bereits zwei Tage zuvor in Mülheim an der Ruhr festgenommen worden.

Es war das Ende einer Flucht, die NRW in Atem hielt und Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) zum wiederholten Male in Bedrängnis brachte. Die Namen „Michalski und Heckhoff” sind für einige Tage ein bundesweit bekanntes Gauner-Duo - ähnlich wie „Rösner und Degowski” vor mehr als 20 Jahren. 1988 hatten die Kriminellen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner bei dem Geiseldrama von Gladbeck zwei Menschen erschossen.

Tote gab es beim Aachener Gefängnisausbruch nicht, dennoch sorgten die Flüchtigen tagelang für Angst bei vielen Bürgern in NRW: Am Abend des 26. November waren Michalski und Heckhoff aus der Justizvollzugsanstalt JVA Aachen geflohen. Sie verschwanden mit einem Taxi. Über Kerpen führte die Flucht nach Köln. Die Flüchtigen übernachteten in Köln unter der Severinsbrücke.

Am 27. November wurde ein Aachener JVA-Bediensteter festgenommen, der den Kriminellen bei ihrer Flucht geholfen haben soll. Angeblich hatte er ihnen die Schusswaffen ausgehändigt, mit der sie bei ihrer Flucht unterwegs waren. Heckhoff und Michalski tauchten am gleichen Tag in Essen auf, nachdem sie eine 19-jährige Kölnerin gezwungen hatten, sie ins Ruhrgebiet zu fahren.

Am Morgen des 28. November drangen die beiden Flüchtigen in die Wohnung eines Ehepaares in Mülheim ein. Dort hielten sie sich mehrere Stunden auf, aßen und tranken, tauschten die Kleidung und wuschen sich. Am Abend fuhren sie mit dem Ehepaar und deren Pkw weg. In Mülheim-Auerberg ließen sie das Ehepaar aussteigen und fuhren weiter.

Der Pkw des Ehepaares wurde am 29. November entdeckt. Die beiden Flüchtigen bedrohten kurzzeitig eine Familie in einem Hochhaus in Mülheim. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei nahm Heckhoff am Vormittag in dem Haus fest. Michalski konnte entkommen und wurde erst am 1. Dezember in Schermbeck gefasst.

Ministerin Müller-Piepenkötter steht seit dem Ausbruch bei Opposition und Medien in der Kritik. Die politisch Verantwortliche verteidigt sich: Ein Fehler „eines Justizvollzugsbediensteten” sei „kein Fehler im System”. Noch nie seien die Haftanstalten in NRW so ausbruchsicher gewesen. Die Statistik mag dies belegen, aber die spektakuläre Aachener Flucht wirft dennoch Fragen auf.

Immer neue Details und Pannen sind inzwischen bekannt geworden. Nach Angaben der Opposition im Landtag galt zum Tatzeitpunkt ein „Notdienstplan” in der JVA Aachen. Zudem stand der verdächtige Wärter bereits zuvor unter dem Verdacht der Fluchthilfe. Außerdem wurde der Bedienstete bereits observiert, weil er beim Drogenschmuggel geholfen haben soll. Für SPD und Grüne ist es nicht nachvollziehbar, dass ein solcher Wärter allein für die Gefängnispforte zuständig war.

Personalangelegenheiten seien Sache der JVA-Leitung, sagte hingegen Müller-Piepenkötter in einer hitzigen Landtagsdebatte. Die Ministerin lehnte Rücktrittsforderungen ab. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) stellte sich hinter sie. Die Opposition sei gar nicht an einer Sachaufklärung interessiert.

Der Aachener JVA-Ausbruch ist aber nicht der erste Skandal in der Amtszeit der Ministerin. Der Foltermord im Siegburger Jugendgefängnis schockierte im November 2006 eine breite Öffentlichkeit. Damals hatten drei junge Männer einen 20 Jahre alten Mitgefangenen gequält und vergewaltigt. Anschließend hatten sie ihr Opfer gezwungen, sich zu erhängen. Das Verbrechen löste eine Debatte über die Zustände in den nordrhein-westfälischen Haftanstalten aus. Die NRW-Gefängnisse dürften auch 2010 für Negativschlagzeilen sorgen.

Wann der Aachener Ausbruchsfall vor Gericht kommt, ist unklar. Die Ermittlungen seien „im vollen Gange”, sagt der Aachener Oberstaatsanwalt Robert Deller. Neben den beiden Ausbrechern und dem mutmaßlichen Fluchthelfer werde aber nicht gegen andere Personen ermittelt.
Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert