Aachen - Emotionaler Abschied von Misereor

Emotionaler Abschied von Misereor

Von: Amien Idries
Letzte Aktualisierung:
Symbolische Amtsübergabe: Jos
Symbolische Amtsübergabe: Josef Sayer (links) übergibt seinem Nachfolger Pirmin Spiegel eine Sklavenkette als Zeichen der Befreiung sowie den Generalschlüssel der Misereor-Geschäftsstelle. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Eigentlich sah das Protokoll in dieser dritten Stunde des Festakts im Aachener Rathaus eine Dankesrede von Josef Sayer vor. Doch der scheidende Hauptgeschäftsführer von Misereor schien nach 14 Jahren zunächst keine sonderliche Lust auf Dank zu haben.

Er betrat die Bühne und packte einige Utensilien auf das Rednerpult, bevor er durch seine schwarze Hornbrille und unter buschigen Augenbrauen auf die 650 Gäste im Krönungssaal blickte.

Die hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ein enormes Festprogramm hinter sich. Zum Anlass der Verabschiedung von Sayer und der Einführung seines Nachfolgers Pirmin Spiegel hatte es einen Festgottesdienst im Aachener Dom gegeben. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick erinnerte in seiner Predigt an den Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. „Dort wurde festgeschrieben, dass die Kirche sich nicht in sich selbst zurückziehen darf, sondern sich zur Welt hinwenden muss.” Dieses Verständnis einer Weltkirche sei durch die Gründung von Misereor im Jahr 1958 vorweg genommen worden.

Peter Frey und Wise Guys

Der anschließende Umzug der Feierlichkeiten aus dem Sakralbau Dom in den Profanbau Rathaus stand symbolisch für diese Stellung Misereors mitten in der Welt. Das wurde auch dadurch deutlich, dass der Hausherr, Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp, zu diesem Anlass Erzbischof Werner Thissen, den Vorsitzenden der Misereor-Kommission, als Co-Gastgeber „akzeptierte”.

Welche Bedeutung Misereor in der Welt hat, zeigte sich auch an der Gästeliste. So hatten etwa die Bischofskonferenzen aus Asien, Afrika und Südamerika zwei Kardinäle und einen Erzbischof entsandt. Der Vatikan schickte Nuntius Jean Claude Périsset. Der politisch höchstrangige Gast war Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP), der unmittelbar nach der Vereidigung von Bundespräsident Joachim Gauck Richtung Aachen geflogen war. Für die Musik zeichnete die bekannte A-cappella-Band Wise Guys verantwortlich. ZDF-Chefredakteur Peter Frey, der im Misereor-Beirat sitzt und durch den Festakt führte, sprach gar von einem kleinen Konzil, das sich in Aachen versammelt habe.

In einer Gesprächsrunde mit dem Theologen Johann Baptist Metz stellte Gustavo Gutiérrez, ein Mitbegründer der Befreiungstheologie, die entscheidende Frage der kirchlichen Entwicklungshilfe: „Wie kann ich den Armen erklären, dass Gott sie liebt?” Auf diese Frage gebe die Arbeit von Misereor und von Josef Sayer eine Antwort.

Und dann sah das Programm die Dankesrede von Sayer vor. Bevor er jedoch dankte, machte er seinem Ärger Luft und sorgte für nachdenkliche Stille. Der 70-Jährige prangerte mit Hilfe von Symbolen und dem ihm eigenen Furor die weiterhin bestehenden Missstände in der Welt an. Er zeigte einen Maiskolben als Symbol für den Hunger und verband damit eine Kampfansage an Finanzspekulationen mit Lebensmitteln. Dann hielt Sayer den Gästen eine Jesusfigur am Kreuz mit amputiertem Bein entgegen - als Zeichen für Landminen und Kleinwaffen. „Jedem Produzenten solcher Waffen sollte man täglich ein Bild von amputierten Kindern in Kambodscha auf den Frühstückstisch legen.”

Eine Koralle diente Sayer als Hinweis auf die Klimaerwärmung, die zu allererst die unterentwickelten Länder treffe. Das vierte Symbol überreichte er schließlich seinem Freund und Nachfolger Spiegel: eine Sklavenkette, die für die Befreiung der Menschen aus unmenschlichen Lebensumständen stehen soll.

Dank und Leidenschaft

Schließlich dankte Sayer doch noch. Mit genau der gleichen Leidenschaft, mit der er zuvor die Ungerechtigkeit angeprangert hatte, zählte er nun Namen um Namen auf. Und die Gäste dankten ihm; alle im Krönungssaal erhoben sich und applaudierten diesem engagierten Mann.

Nach diesem emotionalen Höhepunkt hatte es Pirmin Spiegel mit seiner Antrittsrede ein wenig schwer. Der 54-Jährige berichtete von Guatemala, das er kürzlich besucht hat, wo im vorigen Jahr - obwohl offiziell Frieden herrscht - 5500 Menschen umgebracht worden sind. „Das Beispiel zeigt, dass die Struktur, die wir unserer Erde gegeben haben, nicht mehr adäquat ist.” Spiegel machte deutlich, dass er in der Kontinuität Sayers weiterarbeiten werde: „Ich möchte mich einsetzen für eine kirchliche Entwicklungsarbeit aus der Perspektive der Armen.”
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