Bonn - Emotion oder Vernunft: Bonn und das Festspielhaus-Geschenk

Emotion oder Vernunft: Bonn und das Festspielhaus-Geschenk

Von: Marlon Gego
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Bis Juni entscheidet sich, welcher Vorschlag in Bonn Realität werden soll: der Innenraum des Zaha-Hadid-Modells. Grafik: Deutsche Post AG

Bonn. Vor kurzem hat Lang Lang noch mal in Bonn gespielt, da haben sie ihn natürlich gleich gefragt. Herr Lang Lang, was würden Sie denn sagen?, ist Lang Lang also gefragt worden. Der chinesische Pianist, der gerade ziemlich populär ist, hat einen Moment lang überlegt.

Dann hat er verschwörerisch geraunt: „Also, meine Herrn, ich würd´ die Halle einfach abreißen.” Und wenn Lang Lang schon findet, dass Bonn die Beethovenhalle nicht mehr zu Gesicht steht, bitte, was soll es dann noch für Einwände geben, endlich ein richtiges Festspielhaus zu bauen?

In Bonn werden dieser Tage die Planungen zu einem der aufwendigsten Bauprojekte Deutschlands aufgenommen, die Stadt will ihrem bekanntesten Bürger, Ludwig van Beethoven, endlich einen vernünftiges Konzertsaal bauen. Moderne Architektur, Glamour, große Namen, so stellt man sich das vor: Ein Festspielhaus fürs Beethovenfest, das es im Laufe der Jahre nun doch noch zu einiger Geltung gebracht hat. Alles, was Bonn zu seinem Glück noch fehlt, glauben in Bonn nicht wenige, sei ein angemessener Konzertsaal, um das Fest in adäquatem Rahmen präsentieren zu können.

„Ein barbarischer Akt”

Gut, dass sie das bei der Post genau so sehen. Die vormals staatliche Post ist ja in drei Dax-Konzerne aufgegangen, in Deutsche Post, Deutsche Telekom und Postbank. Die Entscheider dieser drei Unternehmen sind sich einig, wenigstens 75 Millionen Euro für einen solchen Konzertsaal zur Verfügung stellen zu wollen, die erste Runde eines Architektenwettbewerbs ist schon entschieden. Von zehn Entwürfen sind vier Modelle übriggeblieben, die zurzeit von den vier Architekten überarbeitet werden. Anfang Juni soll dann der Sieger ausgerufen werden.

Aber dann gibt es in Bonn auch Menschen, die sagen: Nun mal langsam.

Bonn hat 41 Jahre lang einigermaßen wacker versucht, die Hauptstadt der jungen Republik zu geben, von 1949 bis 1990, die provinzielle Gemütlichkeit hat Bonn aber auch in dieser Zeit nicht ablegen können. Bonn ist ja keine natürliche Hauptstadt, sondern war so kurz nach dem Krieg eher ein Symbol neuer deutscher Bescheidenheit.

Anders als erwartet, hat sich Bonn dann in den 90er Jahren, als Berlin schon Hauptstadt war und die Regierung dorthin umzog, seinem prognostizierten Fall in die Bedeutungslosigkeit keineswegs ergeben, sondern hat sich zu einer Stadt entwickelt, die dem großen Köln seinen Rang als rheinische Kulturmetropole wenn nicht abgelaufen, dann mindestens aber streitig gemacht hat.

Bonn hat aus den 1,3 Milliarden Euro aus dem Berlin/Bonn-Ausgleich eine Menge gemacht, während Köln in erster Linie damit beschäftigt war, sich seiner Liebe zu sich selbst zu versichern. Mit anderen Worten: Bonn ist heute interessanter und urbanisierter, als es zu Hauptstadtzeiten jemals war.

Jetzt soll dem ehemaligen Regierungs- und Diplomatenviertel, den eindrucksvollen neuen Verwaltungsbauten und dem Rheinaupark im Norden der Stadt ein kulturelles Gegengewicht von internationalem Rang entgegengesetzt werden, das zugleich Beethoven in angemessener Weise repräsentiert und würdigt.

Der Bonner Kulturrat ist nach einigem Hin und Her zu der Auffassung gelangt, die 1959 von Siegmar Wolske gebaute Beethovenhalle gefährde den Fortbestand des Beethovenfestes. Bestuhlung und Sitzordnung ist veraltet, die Akustik genüge kaum mehr internationalen Maßstäben. Künstler - wie eben auch Lang Lang - hätten signalisiert, fürs Beethovenfest eher nicht mehr zur Verfügung zu stehen, wenn es weiter in der Beethovenhalle stattfinde.

In der Tat ist der Konzertsaal der Beethovenhalle mehr Musikantenstadl als Hochkultur, ein pragamatischer Vernunft-Bau wie Mainzer Rheingoldhalle oder Veitshöchheimer Mainfrankensäle, geschlagen mit dem Charme einer Mehrzweckhalle aus den 60ern.

Rein äußerlich jedoch ist der seinerzeit aus der Bürgerschaft heraus entstandene Wolske-Bau aus dem Stadtbild Bonns kaum wegzudenken. Landeskonservator Udo Mainzer sagt, dass „Bonn gerne ein Festspielhaus bekommen” könne, „aber nicht auf Kosten eines Denkmals”, das die Beethovenhalle nun mal ist. Mainzer glaubt, Bestuhlung und Akustik könne man auch „innerhalb der bestehenden Hülle verbessern”.

Doch der Kulturrat konnte Post, Postbank und Telekom für ein erheblich ambitionierteres Projekt gewinnen als für eine Sanierungsmaßnahme, nämlich für den Neubau. Die Aufgabenstellung des von den drei Dax-Konzernen dann initiierten Architektenwettbewerbs hatte die Frage nach „Komplett- oder (Teil-)Abriss” ausdrücklich offengelassen.

In die Runde der letzten vier kamen dann aber nur Entwürfe, die von der Beethovenhalle nichts übriglassen, obschon es interessante Entwürfe gab, die Teile der Beethovenhalle in ein neues Haus integriert hätten. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung” hat daraufhin die Frage aufgeworfen, ob ein (Teil-)Erhalt der Beethovenhalle vielleicht von vornherein gar nicht gewollt war.

Dazu passt die Einschätzung des Bonner Musikwissenschaftlers Michael Gassmann, der den im Raum stehenden Abriss der Beethovenhalle als einen „barbarischer Akt” bezeichnet. Zur Rechtfertigung des Baus des Festspielhauses „redet man das bestehende Bauwerk schlecht”, sagt Gassmann.

Ein guter Vorschlag

Die Bonner selbst sind in der Frage einigermaßen gespalten. Einerseits will man die angebotenen 75 Millionen Euro der drei Konzerne nicht einfach ablehnen, doch andererseits: Muss es unbedingt ein gewaltiger Konzertsaal sein, dessen Folgekosten für die Stadt kaum zu überblicken sind, und für den es noch kein schlüssiges inhaltliches Konzept gibt, vom Beethovenfest mal abgesehen? Zumal es nicht einmal eine Untersuchung darüber gibt, ob Bonn innerhalb eines an Konzerthäusern nicht armen Bundeslandes überhaupt in der Lage wäre, ganzjährig genügend Besucher für einen reinen Konzertsaal zu rekrutieren.

Einen intelligenten Vorschlag in der andauernden Debatte hat eigentlich der Generalintendant des Bonner Theaters gemacht. Klaus Weise hat sich dafür ausgesprochen, ein Haus zu bauen, in dem Oper, symphonische Konzerte und Beethovenfest gleichermaßen stattfinden könnten. Weise sagt: „Ein echtes musikalisches Zentrum, so etwas wäre Beethovens würdig.”

Das Wichtigste sei, dass sich so die Musikhäuser Bonns „nicht gegenseitig kannibalisieren”, also die Besucher wegnehmen würden. Für eine Stadt wie Bonn, sagt Weise, sei so etwas wohl die beste Lösung.

Dass Weises Vorschlag bei den Geldgebern offenbar nicht viel Gehör gefunden hat, mag auch damit zu tun haben, dass das architektonische Groß-Vorhaben weniger mit Vernunft als mit Emotion zu tun hat, von dem die drei Konzerne nachhaltig profitieren wollen. Ein neues Festspielhaus wäre in jedem Fall auch gut fürs Image.

Allein: Die Entscheidung darüber, ob überhaupt gebaut wird, ist noch gar nicht endgültig gefallen. Und weil Experten davon ausgehen, dass trotz gegenteiliger Beteuerungen der Konzerne keiner der vier noch zur Auswahl stehenden Bauten auch nur ansatzweise für lediglich 75 Millionen Euro zu bekommen sei, kann es schon sein, dass am Ende einfach nichts gebaut wird.

Unabhängig davon, was Lang Lang dann dazu sagen würde.

Die Planungen für ein neues Konzerthaus in Aachen laufen weiter. Martin Thull, Vorstandsmitglied des Fördervereins, sagte, es werde über die Möglichkeit nachgedacht, einen Erweiterungsbau des Eurogress´ an der Monheimsallee über dem bestehenden Parkhaus zu errichten, der als Kongress- und Konzertsaal dienen könnte, allerdings mit einer konzertgerechten Akustik.

Ursprünglich war über ein architektonisch auffälliges Bauwerk an gleicher Stelle nachgedacht worden, das vorläufig als an der Finanzierung gescheitert gelten muss. Der Entwurf eines Düsseldorfer Architekten hatte eine sechsstellige Summe gekostet.

Eine andere Möglichkeit wäre ein Haus für Musik im Neuen Kurhaus, in dem derzeit noch das Spielcasino beheimatet ist. Obwohl dessen Lizenz gerade verlängert wurde, gilt nicht als sicher, dass das Spielcasino sich tatsächlich langfristig in Aachen hält. Vergangenes Jahr wurde ein Umsatzrückgang von mehr als 20 Prozent gemeldet.

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