Karlspreis 2018: Emmanuel Macron wird neuer Karlspreisträger in Aachen

Emmanuel Macron bekommt den Karlspreis 2018

Von: Peter Pappert
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Macron
Wird Karlspreisträger 2018: der französische Staatspräsident und Europaverfechter Emmanuel Macron. Foto: Geert Vanden Wijngaert/AP/dpa

Aachen. In Europa sind in den vergangenen Jahren Wahlkämpfe geführt und viele Parlamentssitze gewonnen worden mit antieuropäischen und nationalistischen Sprüchen. Auf die Idee, mit einem entschiedenen und emotionalen Bekenntnis für Europa, für mehr Europa in den Wahlkampf zu ziehen, ist niemand gekommen – außer Emmanuel Macron.

Er lässt damit alle aufatmen, denen das europäische Einigungswerk am Herzen liegt. Man kann also eine nationale Wahl mit einer dezidiert proeuropäischen Agenda und spürbarer Leidenschaft für Europa gewinnen.

Macron ist das zudem mit seiner völlig neuen Bewegungspartei „La République en marche!“ gelungen. Er hat die traditionelle Konstellation von linkem und rechtem Lager gesprengt und Anhänger in allen politischen Lagern gefunden. Ob sich seine politische Sammlungsbewegung auf Dauer als stabil erweist, wird sich erst noch erweisen müssen. Er ging als Unabhängiger ohne Parteiapparat jedenfalls zunächst ein großes Wagnis ein. Er ist mutig, dialogbereit und dialogfähig, er kann begeistern, er gibt sich unbeschwert. Emmanuel Macron ist ein Charismatiker, dem Ähnlichkeit mit John F. Kennedy oder Barack Obama zugeschrieben wird.

Der 39-Jährige ist mit einer 20 Jahre älteren Frau verheiratet. Er schert sich wenig um Konventionen, fühlt sich aber in der quasi monarchischen Rolle des Präsidenten der Republik sichtlich wohl. Längst gibt es Kritik an seinem Stil und seinen Ansprüchen, und er wird napoleonischer Attitüden verdächtigt. Macron hat durchaus viel Sinn für französische Grandeur, aber aus tiefer Überzeugung bettet er sie europäisch ein. Bei seinen öffentlichen Auftritten umgibt er sich stets mit Trikolore und Europaflagge. Als er am Abend seines Wahltriumphs im Hof des Louvre zum Podium schritt, um zu seinen jubelnden Anhängern zu sprechen, ließ er die Europa-Hymne (Beethovens „Ode an die Freude“) spielen und nicht die Marseillaise.

Viele von Macrons Vorschlägen zur Neugründung der Europäischen Union, die er zwei Tage nach der deutschen Bundestagswahl an der Pariser Sorbonne vorgetragen hat, könnten die EU voranbringen: ein Haushalt für die Eurozone, ein Euro-Finanzminister, eine europäische Steuer auf Finanztransaktionen, gemeinsame Asylgesetze, Integrationsprogramme, Terrorabwehr, eine europäische Staatsanwaltschaft. Andere Ideen wie die transnationaler Parteilisten bei den Europawahlen oder die einer europäischen Souveränität werfen zunächst mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Aber Macron ficht das nicht an, denn er will ja gerade die Debatte, die öffentliche, engagierte Debatte – und zwar nicht nur unter Eingeweihten, sondern mit den Menschen in allen Ländern der EU.

Dass ihm die Alternative eines Kerneuropas jener Länder, die mehr Integration wollen und deshalb voranschreiten, nahe liegt, verwundert nicht. Denn der künftige Karlspreisträger ist davon überzeugt, dass sich Europas Visionäre nicht auf Dauer ausbremsen lassen dürfen von Pessimisten, Skeptikern oder denen, die sowieso ins nationale Schneckenhaus zurück wollen. „Es sind stets einige Mitgliedsstaaten, die etwas vorschlagen, das bis dato unvorstellbar war, und denen es gelingt, die anderen mitzuziehen. Und diese Logik des Wollens erfasst schrittweise alle“, hat Emmanuel Macron gesagt.

Seit dem Nein der Franzosen und Niederländer zum Europäischen Verfassungsvertrag vor mehr als zehn Jahren hat Macron neue Ideen vermisst, wie es weitergehen soll mit der EU. Er hat jetzt Vorschläge gemacht, setzt dabei ausdrücklich auf engste Kooperation mit Deutschland und wartet auf Antwort aus Berlin. Macron bietet der deutschen Politik eine Chance – insbesondere den beiden großen Parteien, die jetzt eine neue Zusammenarbeit ausloten wollen beziehungsweise müssen. Diese Chance zu ergreifen, liegt in deren beider Interesse und vor allem im Interesse Europas.

Deutschland kann Macron nicht mehr lange allein lassen mit seinen Ideen. Dessen Vorschläge für die Eurozone sind hierzulande heftig umstritten; FDP und AfD lehnen sie entschieden ab. Union und SPD müssen sich nun entscheiden, ob sie die Initiative des französischen Präsidenten aufgreifen wollen oder nicht. Mit dem wiedergewählten sozialdemokratischen Parteichef Martin Schulz spricht endlich mal wieder ein Spitzenpolitiker von den Vereinigten Staaten von Europa. Das entspricht dem Ansatz von Macron: Man sollte wenigstens mal wieder über Visionen nachdenken.

Wem in Berlin etwas liegt an Europa, müsste realistisch genug sein, um zu erkennen, dass man einen besseren Partner als Macron auf absehbare Zeit nicht finden wird.

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