Eltern müssen während Kita-Streik improvisieren

Von: hau/hr/cro/ansc
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Keine einfache Situation für Eltern: Mutter Franziska Rieger muss mit ihren Kindern derzeit improvisieren. Foto: Heike Lachmann (2) und Carsten Rose
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Keine einfache Situation für Eltern: Sengül Belen muss mit ihrem Sohn improvisieren. Foto: Heike Lachmann (2) und Carsten Rose
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Keine einfache Situation für Eltern: Mirko und Sarah Magliani müssen mit ihren beiden Kindern Matteo und Laura derzeit ebenso improvisieren.

Aachen/Düren. Am Dienstag war‘s reiner Zufall. „Mein Dienstplan passte einfach“, sagt Mirko Magliani. Denn am Dienstag musste der Kardiotechniker erst nachmittags zum Dienst im Aachener Klinikum erscheinen. Und da seine Frau als Angestellte in einem Unternehmen mit Gleitzeit arbeitet, „können wir uns mittags bei der Kinderbetreuung abklatschen“, sagt Sarah Magliani. Mit anderen Worten: Während der 35-Jährige auf den dreijährigen Sohn Matteo aufpasst, geht seine 34 Jahre alte Gattin arbeiten. Und am Nachmittag läuft es anders herum.

Das junge Paar wohnt im idyllischen Aachener Ortsteil Laurensberg, die Kita, die ihr Sohn Matteo seit August des vergangenen Jahres besucht, ist nur zehn Gehminuten von ihrer Wohnung entfernt. Eigentlich perfekte Bedingungen, wenn das städtische Montessori-Kinderhaus nicht gerade bestreikt würde.

„Wir helfen uns hier gegenseitig“, sagt Sarah Magliani. Glücklicherweise wohnen ebenfalls betroffene Eltern von Matteos Kita-Freunden gleich nebenan oder gegenüber. Und auch Nachbarn haben sich schon angeboten, auf ihren Filius aufzupassen, während die eineinhalbjährige Tochter Laura noch nicht in den Kindergarten geht und von einer Tagesmutter betreut wird.

Auf Großeltern können die Maglianis allerdings nicht zurückgreifen – zumindest nicht ohne weiteres. „Unsere Eltern wohnen am Niederrhein in der Nähe von Goch“, erzählt Mirko Magliani, „und meine Eltern haben noch nicht mal einen Führerschein.“ Mal eben vorbeikommen oder die Kinder vorbeibringen sei also nicht drin. Immerhin hat sich Sarahs Mutter für die zweite Streikwoche angekündigt. „Sie will Donnerstag und Freitag zu uns kommen und hier dann auch übernachten“, erzählt Sarah.

Trotz der Umstände stehen die beiden voll hinter dem Streik. „Ich kann die Beweggründe der Erzieherinnen voll nachvollziehen“, sagt Mirko und Sarah fügt hinzu: „Deren Arbeit wird immer noch total unterschätzt.“ Natürlich hoffen beide dennoch, dass es hoffentlich bald zu einer Einigung kommt. Denn auch ihre Urlaubstage seien bereits weitestgehend verplant, „wegen der Schließzeiten der Kita in den Sommerferien, und unsere Tagesmutter macht schließlich auch Urlaub“, zählt Mirko Magliani auf.

Schon die beiden Herbstferienwochen teilt sich das junge Paar auf und nimmt getrennt voneinander frei. Wenn also der Streik länger als zwei Wochen dauern sollte, „dann“, sagt Mirko Magliani, „dann wird‘s richtig schwierig.“

Von richtig schwierigen Tagen redet Frank Reineke bereits mit Blick auf diese Woche. Schließlich wissen der 49-Jährige und seine 39-jährige Lebensgefährtin derzeit nicht, wohin mit ihrem gemeinsamen Sohn. „Man muss es ganz einfach so sagen, wie es ist: Das funktioniert so nicht“, sagt Reineke, der bei unserem Zeitungsverlag angestellt ist. Seine Freundin hat derzeit zwar unbezahlten Urlaub, muss allerdings trotzdem täglich für einige Stunden den Weg zur Arbeit antreten.

Da kam es dem Paar aus Aachen mehr als gelegen, dass Reineke am Dienstag seinen vierjährigen Sohn mit in den Verlag nehmen durfte. „Seitens des Arbeitgebers ist das ein tolles Angebot, aber es ist natürlich nur eine Notlösung“, sagt Reineke.

Auf die Unterstützung der Großeltern kann das Paar momentan nicht hoffen: Die einen wohnen in Hannover, die anderen in Grevenbroich. „Das sind zu große Entfernungen, um mal schnell improvisieren zu können“, sagt der 49-Jährige, dessen Verständnis für die großangelegten Kita-Streiks allmählich gen null tendiert. „Ich kann verstehen, dass sich die Betroffenen für eine bessere Bezahlung einsetzen, aber hier wird ein Streit auf den Schultern Dritter ausgetragen“, sagt er.

Lösungen sind ausgeschöpft

Ein mögliches Szenario möchte Frank Reineke für die kommende Woche übrigens nur ungern skizzieren, Lösungen für die problematische Situation des Paares sind inzwischen ausgeschöpft. „Ich bin nicht besonders optimistisch, dass sich die beiden Parteien zeitnah einigen werden“, sagt er. „Diese Woche ist es schwierig, was ist dann nächste Woche?“

Von einer aussichtslosen Situation kann Franziska Rieger nicht sprechen. Die 23 Jahre alte Hausfrau aus Düren hält den Kita-Streik einerseits für gerechtfertigt, weil Erzieher einen wichtigen Beruf hätten. „Es ist sinnvoll, wenn die Erzieher für etwas einstehen und ihre Arbeit besser bezahlt werden soll“, sagt die Mutter von drei Kindern. Andererseits kann sie nicht abschätzen, ob die Aussetzung tatsächlich etwas bewirke.

Kritik übt Franziska Rieger an der Organisation der Notgruppen: „Diese Gruppen sind nicht sinnvoll eingeteilt. Meiner Meinung nach wird nicht individuell geschaut, wer ganz dringend einen Platz nötig hat. Es werden meist die Kinder aufgenommen, die sowieso in dieser Kita einen Platz haben. Andere haben dann keine Chance.“

Als Hausfrau sei sie persönlich nicht stark vom Streik betroffen. Ihre Töchter Amelie (1), Maja (3) und Juno (6) kann sie ohne organisatorischen Aufwand in den eigenen vier Wänden betreuen. Dennoch bedauert sie, dass ihre älteste Tochter gezwungenermaßen zu Hause bleiben muss – weil sie vor der Einschulung steht. Gegen Ende der Kindergartenzeit sei ein Streik daher unglücklich.

„Juno würde gerne bei ihren Freunden sein, die Kindergartenzeit kommt ja nicht wieder. Außerdem gibt es Angebote, vor allem im Sommer, die eben nur für die älteren Kinder angeboten werden.“ Franziska Rieger hofft, dass der Streik nicht so lange andauert. Denn sie kenne etliche Mütter, die nun eingeschränkt sind und sich dementsprechend verärgert äußern würden.

Schlechtes Ansehen

Sengül Belen ist so eine Mutter, und sie lässt ordentlich Dampf ab: „Ich bin so sauer!“ Nicht so sehr auf die Erzieherinnen ihrer Kita im Aachener Stadtteil Driescher Hof, die streiken. Sondern auf das gesamte System der Kinderbetreuung in Deutschland. Wenn der Ausstand im Sozial- und Erziehungsdienst nämlich – wie geplant – in der nächsten Woche weitergeht, ist die 39-Jährige wahrscheinlich ihren Job los. Wegen Seren, ihrem sechsjährigen Sohn, der in dieser Woche bei ihr ist. Statt in der Kita.

Sengül Belen ist in Deutschland geboren, hat aber einen türkischen Pass. Sie arbeitet als Verkäuferin in einer Boutique und hat sich mit ihrer Chefin verständigt, dass sie in dieser Woche Urlaub nimmt, dafür musste der Arbeitsplan, der einen Monat im Voraus erstellt wird, auf den Kopf gestellt werden. In der nächsten Woche aber gibt es kein Pardon, da muss sie ran und arbeiten – viele Kolleginnen sind in Urlaub. „Dann muss ich arbeiten, sonst droht die Kündigung. Ich bin Aushilfe auf Abruf.“

Ihr Schwiegervater hat vor kurzem einen Schlaganfall erlitten und muss von seiner Frau rund um die Uhr betreut werden, von dort ist keine Unterstützung zu erwarten. Und ihr Mann, dem zuliebe sie vor zwölf Jahren nach Aachen kam, arbeitet im Vier-Schicht-Betrieb im Reifenwerk, „der kann mir gar nicht helfen“. Und eine Notgruppe gibt es in ihrer Kita nicht: „Ich hoffe, dass die sich so schnell wie möglich einigen.“ Denn der Streik betreffe ja nicht nur die Erzieherinnen: „Das ist wie ein Dominostein, wenn man einen anstößt, gerät alles außer Kontrolle.“

Überhaupt werde man in Deutschland schlecht angesehen, wenn man ein Kind hat und arbeiten will: „Dann kommt immer die Frage, was passiert, wenn das Kind krank wird.“ Deutschland sei ein absolut kinderunfreundliches Land: „Es sollte sich ein Beispiel an Frankreich nehmen. Da gibt es viele Betriebe, die es Eltern ermöglichen zu arbeiten. Hier wirst du bestraft, wenn du Kinder hast und arbeiten willst“, schimpft die ausgebildete Postzustellerin.

Selbst bei der Post habe sie keine Stelle bekommen: „Die Arbeitszeiten passen nicht.“ So geht sie sogar putzen und nimmt niedere Arbeiten an. „Meine Freunde gehen auch arbeiten, die haben selbst Probleme mit ihren Kindern.“ Einige hätten deswegen sogar Angst, Kinder zu bekommen: „Da muss man sich nicht wundern, wenn wenige Kinder geboren werden.“ So hofft Sengül Belen inständig, dass der Streik nicht in die nächste Woche geht: „Wer soll mich noch nehmen, wenn ich hier die Arbeit verliere?“

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