Elf Aachener Thesen für menschlichere Strukturen

Von: Sabine Rother
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Er fordert mehr Personal: Andreas Wittrahm von der Caritas. Foto: Caritas Aachen

Aachen. Die Lebensdauer von Menschen, die in einem Heim versorgt werden, hat sich seit Beginn der Pflegeversicherung 1996 deutlich verkürzt. „Die Sterbephase ist bei uns inzwischen sehr viel stärker in den Fokus gerückt, und dem müssen wir jetzt unbedingt Rechnung tragen“, betont Andreas Wittrahm, Leiter des Bereichs Facharbeit und Sozialpolitik beim Caritasverband für das Bistum Aachen.

„Die Personalausstattung entspricht nicht mehr der Sterbedichte.“ Seit 2009 gibt es ein Projektangebot des Verbandes, der Einrichtungen dabei unterstützt, Hospizkultur und Palliativversorgung in Pflegeeinrichtungen zu verankern. Betreute und Pflegende sollten gleichermaßen davon profitieren.

Tun sie das wirklich? Diese Frage wird seit Oktober 2013 in Kooperation mit der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) Wien und zehn stationären Pflegeeinrichtungen untersucht. Gemeinsam stellte man jetzt die Arbeit an der Studie, die Ergebnisse und die daraus entwickelten „Aachener Thesen“ öffentlich vor. „Es ging in den Interviews unter anderem auch um die Einbindung eines Alten- oder Pflegeheims in eine Kommune, wo zum Beispiel eine Anwohnerin in Krefeld meinte: Das Altenheim ist noch immer ein Tabuthema.

„Es ist ein Lebensort, an dem eben auch gestorben wird“, betont Doris Szeberenyi, Pflegedienstleiterin des Heims St. Elisabeth in Aachen. Im Herzen der Mitarbeiter sei die palliative Haltung längst angekommen. „Sie muss endlich vergütet werden, dann könnten wir auch weitere Mitarbeiter einstellen.“ So beträgt der Tagessatz für einen Hospizpatienten zwischen 250 und 271 Euro, für Bewohner einer Pflegeeinrichtung werden je nach Pflegestufe 151 Euro (III), 128 Euro (II) und 106 Euro (I) bezahlt. Elf sozial- und fachpolitische Aachener Thesen sollen in Zukunft Forderungen zur Palliativ- und Hospizkultur Struktur geben. Hier einige Auszüge.

Gleichstellung: Palliative und aktivierende Pflege, die die Selbstständigkeit fördert, sind im Leistungsrecht, in Verträgen und Vereinbarungen gleichgestellt.

Finanzen: Die Entwicklung einer Hospizkultur und Palliativversorgung in Pflegeeinrichtungen wird auch zusätzlich finanziert.

Bedarf: Hospizliche Begleitung und palliative Versorgung werden durch eine angemessene personelle Ausstattung der Pflegeeinrichtung gewährleistet.

Versicherung: Aufgrund ärztlicher Verordnung wird eine allgemeine palliative pflegerische Versorgung in einer Pflegeeinrichtung über das Krankenversicherungsgesetz erbracht.

Angehörige: Die Begleitung und Beratung der Angehörigen wird Bestandteil des Leistungsrechtes.

Anreiz: Die Pflegeeinrichtungen erhalten Anreize, um die Etablierung der Hospizkultur in ihrem Sozialraum zu unterstützen.

Personal: Träger und Leitungsverantwortliche garantieren eine kontinuierliche Personalentwicklung und förderliche Rahmenbedingungen für eine nachhaltige hospizliche Haltung aller Mitarbeiter und die palliative Kompetenz in der Einrichtung.

Zeit: Mitarbeiter erhalten durch den Träger einer Einrichtung und die Leitungsverantwortlichen Zeit für die hospizliche Begleitung der Sterbenden und ihren Angehörigen. Hospizliche Versorgung darf nicht in Konkurrenz zu anderen Aufgaben stehen.

Rituale: Hospizkultur wird durch angemessene Rituale sichtbar. In der Pflegeeinrichtung wird angstfrei und offen über Sterben, Tod und Trauer gesprochen.

Grenzerfahrung: Zur Bewältigung von Grenzerfahrungen erhalten Pflegende Unterstützungsangebote. Selbstverständnis: Träger und Leitungsverantwortliche tragen die in ihrer Einrichtung gepflegte Hospizkultur nach außen und schaffen Raum für Begegnungen.

Jetzt gilt es, so Wittrahm, die Thesen so umzusetzen, dass Sie ein „Instrument“ für Hospizkultur und Palliativversorgung in Alten- und Pflegeheimen werden. Was 2009 noch nicht selbstverständlich war, ist heute in vielen Einrichtungen möglich. „In jeder Etage haben wir eine examinierte, palliativ ausgebildete Pflegekraft und die Fallbesprechung, an der auch die Familie teilnimmt, ist Standard“, sagt Doris Szeberenyi.

Angehörigen-Arbeit ist, so die Pflegedienstleiterin, ein großes Thema – wo die einen bereits den Fernseher abbauen, während der Angehörige noch gar nicht gestorben ist, die anderen wiederum extrem reagieren und den Sterbenden „nicht gehen lassen“ wollen.

Neueinstellungen müssten laut Studie in jedem Fall möglich sein, denn es sei kaum eine einfühlsame Sterbebegleitung möglich, wenn etwa nachts 135 Heimbewohner von nur drei Pflegekräften betreut würden.

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