Aachen - Elena Schulte sammelt historische Brillen

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Elena Schulte sammelt historische Brillen

Von: Sabine Rother
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Elena Schulte mit einem eleganten Lorgnon, einer Sehhilfe, die sich nicht jeder leisten konnte. Foto: Ralf Roeger
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Lesehilfen mit Geschichte: Elena Schulte hat eine Sammlung aus kostbaren historischen Brillen zusammengetragen, die sie in der Vertiefung eines großen Marmortischs staubfrei und übersichtlich präsentieren kann. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Wenn es ein Sammler-Gen gibt, dann hat sie es: Elena Schulte (73) pflegt eine Leidenschaft für historische Brillen. Vor 30 Jahren fand sie zufällig drei schöne Exemplare auf dem Flohmarkt von Lemiers. „Ich recherchierte, und die Geschichte von der Erfindung der Brille, ihrer Weiterentwicklung in den Jahrhunderten wurde für mich immer interessanter“, gesteht sie.

Das Bewahren von schönen und interessanten Objekten hat in Elena Schultes Familie Tradition. Schließlich ist sie die Tochter des Aachener Journalisten und Sammlers Helmut A. Crous (1913-1993), lange Jahre Präsident des Aachener Karnevalsvereins (AKV), Redakteur unserer Zeitung und Gründer einer umfangreichen Sammlung zur Aachener Heimatgeschichte ab dem 16. Jahrhundert, die er dem AKV vererbte. Dort wird sie weitergepflegt.

„Ich war mein Leben lang von Sammelstücken umgeben“, lächelt Elena Schulte. „Gemälde, Zinn oder Keramik, einfach alles, was es zu erhalten gilt.“

Ihr persönlich haben es die zarten Gebilde aus geschliffenem Glas angetan, die Winzlinge für die schwächer werdenden Augen, bei denen häufig nur ein feiner gebogener Silberdraht die Gläser bei- einander hielt und die noch keiner Dioptrien-Maßeinheit entsprachen. Den Haltedraht musste man sich auf die Nase klemmen und dann sehr gut aufpassen, damit die Brillen nicht herunterfiel. „Ich staune, wie gut sie erhalten sind“, meint die Sammlerin und klappt vorsichtig ein Lorgnon auf.

Die Gläser werden von einem Bogen und einem Gestell zusammengehalten. Unten auf der rechten Seite ist ein künstlerisch verzierter Stab befestigt, mit dem man die Brille in der Hand und vor die Augen halten kann. „Brillen waren stets Kostbarkeiten. Die Damen trugen sie gern an einer langen Kette“, zeigt sie ein anderes Stück, bei dem man eher an einen schmalen Goldschmuck denken würde. Behutsam schiebt sie das Gebilde auseinander – eine Brille kommt zum Vorschein.

Über 120 Exemplare – die ältesten aus dem 18. Jahrhundert – hat die Aachenerin zusammengetragen. Aufbewahrung und Präsentation waren für sie stets eine Herausforderung. „Ich wollte die Brillen nicht nur aufheben, ich wollte sie sehen, mich daran freuen“, erzählt sie. Und die ersten Objekte hat sie ja eigentlich nur als Dekoration für die vom Vater geerbten Bücher gekauft. Doch die Sammlung wuchs. Eine erste Lösung: Jede Brille wurde an einen Nylonfaden gebunden und alle zusammen in unterschiedlichen Höhen wie ein Vorhang an ein Fenster gehängt. „Das sah schön aus, die Gläser funkelten“, erinnert sich Elena Schulte.

Inzwischen steht im Wohnzimmer ein massiver Tisch. Die hellgraue Marmorplatte hat eine sanfte Vertiefung, darüber liegt eine Glasplatte, die den Staub perfekt fernhält. „Den Tisch fand ich zuerst gar nicht schön, aber er ist natürlich der ideale Ort für meine Brillen.“ Sie weiß inzwischen eine Menge über den Weg vom „Lesestein“ aus Bergkristall oder Beryll, den geschickte Schleifer in Vergrößerungsgläser verwandeln konnten, zu den ersten Schrauben- oder Nietenbrillen aus dem 14. Jahrhundert. „So ein Exemplar hätte ich gern, aber diese Raritäten findet man vermutlich nur im Museum“, seufzt Elena Schulte beim Blick auf historische Darstellungen, etwa den „Brillen-Apostel“, den 1352 der italienische Maler Tommaso da Modena auf den Fresken im Kapitelsaal von San Niccolo in Treviso verewigt hat.

Kultur und Lebensart

Brillen waren nicht nur Lesehilfen, sondern zugleich Accessoires, die Kultur und Lebensart ihrer Nutzer bewiesen, ein Statussymbol bei Herren und Damen gleichermaßen. So finden sich in der Sammlung Hüllen aus edlem Leder, Einfassungen aus Silber und Gold, Griffe aus Messing, Lack und schimmerndem Schildpatt.

Dabei entwickelte sich die Brillenmode: runde Gläser, eckige Gläser, mal sehr klein, dann wieder etwas größer, rund oder oval. „Das Monokel musste man ins Auge klemmen, sicherlich nicht die bequemste Lösung und anstrengend für die Gesichtsmuskeln“, meint Elena Schulte und hält das runde Glas am langen schwarzen Faden in die Höhe. Wenn dann doch mal ein Schräubchen locker sein sollte, repariert die Sammlerin das Stück eigenhändig – mit zierlichem Nähmaschinenwerkzeug, das gleichfalls aus einer familiären Sammlung stammt.

Ab dem 17. Jahrhunderts entwickelte man Halterungen, die über und unter dem Ohr verliefen – genau so eine findet sich in der Aachener Kollektion. Die Bügel sind hauchzart, aber bestens erhalten. Der englische Optiker Edward Scarlett baute 1727 die erste Brillenfassung, deren Bügel ausschließlich über den Ohren verliefen. Aber Lorgnon, Monokel und der Zwicker wurden vielfach noch bis ins 20. Jahrhundert benutzt – und gehören zu den interessantesten Stücken der Sammlung.

Nach 30 Jahren Sammeltätigkeit hat Elena Schulte einen sicheren Blick für die zerbrechlichen Stücke entwickelt, die häufig bei Flohmarktständen unter allerlei Kram aus einem Nachlass versteckt liegen. „Manchmal schaut da nur die Ecke eines Etuis hervor, da werde ich ganz neugierig“, lächelt die Sammlerin geheimnisvoll. „Und gar nicht so selten habe ich dabei eine schöne alte Brille entdeckt.“

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