Electrabel kämpft um Atomkraftwerke

Von: Madeleine Gullert
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500 Tauglichkeitstests: Der belgische Betreiber Electrabel möchte seine maroden Atommeiler Doel bei Antwerpen (im Bild) und Tihange bei Lüttich im Juli wieder hochfahren. Foto: stock/Belga

Brüssel/Aachen. Electrabel steht unter Druck. Das belgische Energieunternehmen kämpft offensiv um seine Atomkraftwerke und umgarnt hierfür Politik und die Atombehörde. Der Betreiber der maroden Atomreaktoren Tihange 2 und Doel 3 startete dazu unter anderem eine Transparenzoffensive.

Electrabel beantwortete jetzt den belgischen Parlamentsabgeordneten des Unterausschusses Nukleare Sicherheit 130 technische Fragen – allerdings in einem nur 27 Seiten umfassenden Dossier. Ein Zeichen dafür, dass die Antworten mitunter recht dünn sind. Einige Fragen wurden gar nicht beantwortet. Außerdem hat der Konzern die Abgeordneten für Mai zu einem „Wissenschaftsseminar“ eingeladen, wie eine Electrabel-Sprecherin mitteilte. Die Hoffnung dürfte sein, die Kraftwerke zu retten.

Viele Fragen unbeantwortet

Der Hintergrund: Das AKW Tihange, das nur rund 60 Kilometer von Aachen entfernt ist, und das AKW Doel gelten als Pannen-Kraftwerke. Wegen Rissen in den Druckbehältern sind Tihange 2 und Doel 3 zurzeit abgeschaltet. Im Februar wurde öffentlich, dass die seit 2012 bekannten Risse größer sind als bislang angenommen – und dass es mehr sind. Das hat auch die belgische Politik aufgerüttelt. Die Abgeordneten stellten in diesem Zusammenhang im Februar Fragen an Electrabel.

Viel Neues findet sich in dem Dossier nicht. Electrabel betont wieder, dass die Risse vor 40 Jahren bei der Produktion der Druckbehälter entstanden sind, es seien „Defauts Dus à l’Hydrogene“ (Wasserstoffeinschlüsse). Das sei „wissenschaftlicher Konsens“. Das sagt Electrabel schon lange.

Viele neuere Fragen bezüglich aktuell laufender Untersuchungen werden in dem Dossier nicht beantwortet. „Diese Information ist Teil des neuen Berichts“, heißt es an den spannenden Stellen, wie der Frage nach den Folgen einer im Ernstfall erforderlichen Notkühlung der Reaktoren. Electrabel bestätigte diesen Punkt betreffend lediglich, dass das Kühlwasser in Doel 3 von 30 auf 40 Grad erhitzt wird. Das sei eine Sicherheitsmaßnahme. Kostenpunkt: zwei Millionen Euro. Eine Summe, die man auch als Hoffnung werten kann, den Meiler wieder in Betrieb zu nehmen.

Bis es soweit sein könnte, muss aber einiges passieren: In den vergangenen Wochen fanden diverse Tests statt, unter anderem erneute Ultraschalluntersuchungen. Insgesamt hat es laut Electrabel seit Bekanntwerden der Probleme 500 Tests gegeben.

Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchungen sollen noch im April an die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC (Agence Fédérale de Contrôle Nucléaire) übermittelt werden. Ende des Monats werden unter dem Dach der FANC internationale Experten die Ergebnisse bewerten. Anschließend will Electrabel basierend darauf den Abschlussbericht „Safety Case“ an die Atomaufsichtsbehörde übermitteln. Geplant ist dies laut Electrabel für Mai.

Die beiden Reaktoren sind zurzeit nicht in Betrieb, der Betreiber Electrabel strebte bislang aber an, sie ab Juli 2015 wieder hochzufahren. Ob und unter welchen Bedingungen das möglich ist, darüber entscheidet die FANC. Deren Auflagen und Anforderungen an Untersuchungen muss Electrabel erfüllen, um auch nur die kleinste Chance zu haben, sie wieder zu betreiben.

Eine weitere Hoffnung: die Laufzeiten für AKW zu verlängern. Electrabel gab in dem Dossier bekannt, dass Doel 4 im September, Doel 1 und Doel 2 Ende des Jahres untersucht und analysiert werden. Eigentlich müssen Atomkraftwerke in Belgien, das den Atomausstieg bis 2025 beschlossen hat, nach 40 Jahren Betriebszeit vom Netz. Doel 1 ist bereits abgeschaltet, Doel 2 müsste am 1. Dezember vom Netz. Electrabel investiert dennoch in diese AKW, weil das Unternehmen für eine Verlängerung der Laufzeiten kämpft. Eine Ausnahmegenehmigung hatte es bereits gegeben: Die Genehmigung für Tihange 1 wurde um zehn Jahre bis 2025 verlängert. Andernfalls drohten Energieengpässe. Die kommenden Wochen werden entscheidend für diesen Kampf.

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