Morschenich - Einzigartig: Tagebau trifft Tiefbaugrube

Einzigartig: Tagebau trifft Tiefbaugrube

Von: Jörg Abels
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Bis auf sieben Meter nähert s
Bis auf sieben Meter nähert sich der Schaufelradbagger dem 300 Meter tiefen Schacht II der ehemaligen Tiefbaugrube Union 103. Den eigentlichen Rückbau übernehmen kleinere Bagger und Radlader - schichtweise Meter für Meter in den nächsten Jahren. Foto: Abels (2)/Archiv RWE Power

Morschenich. Für Rudolf Schnorpfeil aus Elsdorf-Heppendorf ist es eine Begegnung mit der Vergangenheit. Erinnerungen werden wach, als sich der heute 84-Jährige dem mittlerweile mit einer Stahlkonstruktion im Inneren gesicherten Schacht 2 der ehemaligen Tiefbaugrube Union 103 bei Morschenich nähert und einen Blick in die Tiefe wirft.

Dorthin, wo er 1953 als junger Bergbauschüler eingefahren ist; gut ein Jahr nach der Fertigstellung der Anfang der 40er Jahre begonnenen Bauarbeiten. Keine zwei Jahre später wurde die Tiefbaugrube 1955 aufgrund wiederholter Wassereinbrüche und mangelnder Wirtschaftlichkeit wieder geschlossen. Lang ists her.

Schaufelradbagger schaffen Insel

Heute nagt der Zahn der Zeit oder besser gesagt einer der großen Schaufelradbagger des Tagebaus Hambach an den früheren Grube, die aus einer Zeit stammt, in der es noch keine technischen Lösungen gab, Braunkohle übertage abzubauen. Längst hat RWE Power die wuchtigen Fundamente der Tagesanlagen und der beiden Fördertürme beseitigt. Vor wenigen Tagen hat der Rückbau des über 300 Meter tief ins Erdreich reichenden Schachts 2 begonnen, erklärt Projektleiter Bernd Houben. Auf Schacht 1 stoßen die Bagger im kommenden Jahr, ab 2013 wird dann der erste Schaufelradbagger 300 Meter tiefer im Tagebau auch die ersten Abbaustrecken der Anlage erreichen.

Für die Ingenieure um Tagebaudirektor Hans-Joachim Bertrams ist der Rückbau nicht nur ein teures Vergnügen - Stabsleiter Ralf Hempel spricht von einem zweistelligen Millionenbetrag, der bis zum geplanten Abschluss der Maßnahme im Jahr 2026 anfällt -, sondern vor allem ein hoch interessantes, weil einmaliges Ereignis. Als einziger Tagebau beherbergt der Hambacher eine alte Tiefbaugrube auf seinem Areal.

Wie gut sind die Anlagen erhalten?, lautet dabei die spannendste Frage, der sich Bertrams und seine Kollegen seit vielen Jahren widmen. Und bislang wurden die Ingenieure positiv überrascht. Dass das seinerzeit zuständige Oberbergamt Bonn gegen die Schließung von Union 103 war und dem damaligen Betreiber, der Rheinischen Braunkohlentiefbau GmbH, scharfe Sicherungsauflagen machte, um die Anlage eventuell später noch einmal anzufahren, wird heute an jeder Stelle sichtbar. Als Bernd Houben und seine Mannen vor Wochen den Schacht erstmals unter die Lupe nahmen, schien es, als habe die Uhr stillgestanden. Wäre noch ein Förderturm vorhanden, der nächste Korb hätte jederzeit in die Tiefe geschickt werden können. Und nach einer Bohrung mit anschließender Kamerabefahrung erwarten die Ingenieure auch einen ähnlich gut erhaltenen Zustand im über elf Kilometer langen Streckensystem, die im Stahlbogenverfahren ausgebaut, mit Holz verkleidet und Beton verfüllt wurden.

Prinzip Sicherheit

Doch bis die Bagger die Strecken erreichen, dauert es noch gut zwei Jahre. Bis dahin steht der Rückbau der beiden Schächte im Mittelpunkt. Bis auf sieben Meter nähert sich Schaufelradbagger 259 immer wieder von Norden und Süden Schacht 2, schafft auf diese Art eine Insel, auf der dann Hydraulikbagger, Raupen und Radlader den Rest erledigen. Scheibchenweise, immer rund anderthalb Meter wird der im oberen Teil gemauerte Schacht abgetragen, erklärt Projektleiter Bernd Houben. Um den Schacht später noch als Brunnen zum Abpumpen des Grundwassers nutzen zu können, vor allem aber aus Gründen der Sicherheit für das Abbruchpersonal, hat RWE Power den Schacht im Inneren eigens durch eine 26 Tonnen schwere Stahlkonstruktion abgestützt.

Neben den immensen Kosten sind auch die Abbruchmengen gigantisch. Bis zum Abschluss der Maßnahme gehen die Experten von RWE Power davon aus, dass rund 50.000 Kubikmeter Beton und Mauerwerk entsorgt werden müssen, 10.000 Tonnen Grauguss und Stahl und rund 6000 Kubikmeter Grubenholz. Zahlen die nicht nur die Ingenieure faszinieren. Auch Rudolf Schnorpfeil und der Langerweher Gerd Schmaus (88), der erstmals im Jahr 1946 die damals noch im Bau befindliche Tiefbaugrube besuchte und wie der Heppendorfer zu den wenigen noch lebenden Zeitzeugen gehört, werfen noch einmal einen wehmütigen Blick zurück, ehe die Bagger wieder anrücken.
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