Einzigartig: KuK Monschau präsentiert Bilder von Lola Garrido

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
14910502.jpg
Eines der weltweit am häufigsten in Ausstellungen präsentierten Fotos: „Migrant Mother“ von Dorothea Lange aus dem Jahre 1943 ist ab Sonntag im Monschauer Kuk zu sehen. Foto: © Dorothea Lange Collection, Oakland Museum of California
14833644.jpg
,,Divers, Horst and Model. Swimwear by A.J. Idoz.“, Paris, 1930 Foto: © George Hoyningen-Huene / mit freundlicher Genehmigung der Staley Wise Gallery sowie der Lola Garrido Collection; alle anderen Bilder mit freundlicher Genehmigung der Lola Garrido Collection
14833655.jpg
,,Woman on the High Plains“, Texas, 1938, von Dorothea Lange Foto: © Dorothea Lange Collection, Oakland Museum of California
14833657.jpg
„Carmen dell’Orefice“, New York, 1985, von Irving Penn Foto: © Irving Penn / Condé Nast Publications Inc.
14833649.jpg
,,Frau Richard Hart-Davis“, 1935, von Madame Yevonde Foto: © Madame Yevonde
14833666.jpg
,,Portrait“, 1983, von Marcus Leatherdale Foto: © Marcus Leatherdale

Region. Sie ist keine Schönheit, kein Star, schon gar nicht eine Marilyn Monroe. Nicht im Entferntesten. Tiefe Furchen durchziehen ihre Stirn, die Haut wirkt unrein. Der Ärmel endet am Ellenbogen als Fetzen. Eigentlich unfassbar: Die Aufnahme von dieser Frau namens Florence Owens Thompson gehört zu den weltweit am häufigsten in Ausstellungen präsentierten Fotos aller Zeiten – und beweist damit, welch magische Wirkung die Fotografie überhaupt entfalten kann.

Unter dem Titel „Migrant Mother“ ist das Foto berühmt geworden, 1936 aufgenommen von der in New Jersey, USA, geborenen Fotografin Dorothea Lange. Es gehört zu 94 Arbeiten einer phänomenalen Schau, mit der das Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK) in Monschau ab Sonntag aufwartet: „World in Images – A portable History of Photography“ (Welt in Bildern – Eine tragbare Geschichte der Fotografie).

Die Werke entstammen der Sammlung von Lola Garrido, einer spanischen Kuratorin, die mehr als 90 nationale und internationale Ausstellungen organisiert hat. Die einzigartige Kollektion, eine wahre Crème de la Crème der Fotografie, wird nun zum ersten Mal in Deutschland gezeigt. 2013 war sie in ähnlicher Zusammenstellung einmal in Spanien zu sehen, 2015 in Frankreich und in Moskau, im vergangenen Jahr hat KuK-Leiterin Nina Mika-Helfmeier eine Anfrage für ihr Haus gestellt und die Zusage bekommen.

„Eine Geschichte der Fotografie“ – was für ein Anspruch! Der aber tatsächlich auch eingelöst wird. Man stelle sich vor: In Monschau begegnet man ganz frühen Aufnahmen, Werken der berühmtesten europäischen und amerikanischen Fotografinnen und Fotografen der 20er und 30er Jahre wie Alexander Rodtschenko, Lee Miller, Lotte Jacobi oder André Kertész, neuzeitlichen Stars der Kamera wie Cindy Sherman oder Nan Goldin, Modefotografen wie Horst P. Horst und Irving Penn sowie Avantgardisten wie Man Ray oder René Magritte. Alle sind sie da.

Angesichts dieser erlesenen Riege ist es kaum erwähnenswert, dass absolute Ikonen der Fotografie zur Ausstellung gehören: jenes von Robert Capa im spanischen Bürgerkrieg für das „Life“-Magazin geschossene Foto zum Beispiel oder Dokumente, die mit Namen wie Henri Cartier-Bresson und Robert Mapplethorpe verbunden sind, ganz zu schweigen von Bert Sterns letzten Fotos von Marilyn Monroe. Der Schwerpunkt liegt auf dem Bereich Mode und Frauenporträts, dazu kommen modernistische Aufnahmen, die Avantgarde und ein kleinerer Anteil Reportagefotografie.

Die Perspektivlosigkeit

Manche der Künstlerinnen und Künstler erzählen ganze Geschichten, wie eben Dorothea Lange mit ihrer „Migrant Mother“. Deren Story veröffentlichte sie erstmals am 10. März 1936 in den San Francisco News zum Thema „Große Depression“. Das Foto zeigt die 1903 im Indianerreservat geborene Cherokee-Tochter Florence Owens Thompson mit ihrem fünfjährigen Sohn Ruby und den vier- und einjährigen Töchtern Catherine und Norma.

Der Blick der Mutter geht in eine unbestimmte Weite, die Kinder schmiegen sich unter dem Dach einer schäbigen Plane ängstlich und erschöpft an die Mutter, die offensichtlich alles verloren hat. Der Fotografin war es damit gelungen, das Schicksal und die Perspektivlosigkeit einer ganzen Generation in einem einzigen Bild einzufangen. Als Dorothea Lange 1965 starb, wusste sie nicht einmal den Namen der Frau. Erst Journalisten fanden heraus, um wen es sich handelte. Bekannt ist heute, dass Florence Owens Thompson ein zweites Mal geheiratet hat und 1983 an Krebs gestorben ist. Was für eine Geschichte!

Man nannte ihn einen „Magier des Lichts“: Horst P. Horst, Ikone der Modefotografie. Eigentlich hieß er Horst Paul Albert Bohrmann, 1906 in Sachsen-Anhalt als Sohn eines Kaufmanns geboren. Über ein Architekturstudium in Hamburg gelangte er nach Paris. Hier lernte er den Cheffotografen der französischen „Vogue“, George Hoyningen-Huene (1900-1968), kennen, dessen Muse und Modell er für eine Zeit lang wurde. Das öffnete ihm die Türen, um schließlich selbst für die „Vogue“ zu fotografieren, ab 1932 auch für die ab dann erscheinende britische Ausgabe.

Ganze 90 Cover gestaltete Horst während seiner Karriere für das Hochglanzmagazin. Keiner konnte die weiblichen Schönheiten effekt- und kunstvoller in Szene setzen als er. Seine Berühmtheit nahm solch unfassbare Formen an, dass sich selbst der große und gewiss nicht uneitle Salvador Dalí nicht zu schade war, Studiodekorationen für Horsts Aufnahmen zu entwerfen. 1935 emigrierte der homosexuelle Horst in die USA.

Am 15. September 1939 erschien in der „Vogue“ eines seiner berühmtesten Fotos: das „Mainbocher Corset“ – eine sitzende Frau, von hinten aufgenommen, die ein locker geschnürtes Korsett trägt. Ihr Körper ist so zeitlos inszeniert wie eine Skulptur in antiker Tradition – ein absichtsvoll gestylter Anachronismus, zumal bereits zu dieser Zeit ein Korsett in der weiblichen Garderobe ziemlich „out“ gewesen sein dürfte.

Die Sammlerin selbst hat diese Worte für ihre Kollektion gefunden: „Die Bilder sind einfache Fragmente der Wirklichkeit; einer Wirklichkeit, die im Auge des Fotografen liegt, der sie als solche abbilden will, selbst wenn sie gar nicht so ‚real‘ sein mag.“ So steht jedes Einzelbild aus der Sammlung Lola Garridos für einen ganz bestimmten Aspekt der Fotografie, der es zu einem Kunstwerk werden lässt.

Einer der berühmtesten Pioniere der Fotografie ist der Amerikaner Edward Steichen (1879-1973). Als Kurator setzte er 1951 einen Meilenstein in der Fotografiegeschichte mit der legendären Schau „The Family of Man“ im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA). Die Ausstellung in Monschau präsentiert von ihm Frühwerke aus den Jahren 1908 und 1912, die verblüffen: Sie ähneln deutlich impressionistischen Gemälden von Auguste Renoir. Motiv und Farbe, die Grobkörnigkeit und die technische Unzulänglichkeit der Kamera – all das bewirkt eine innovative Ästhetik, die Steichen, so ist zu vermuten, nicht einmal geplant hatte.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert